Henrik Ibsens dramatisches Gedicht „Peer Gynt“ stellt mit dem Bauernsohn Peer einen traumtänzerischen Antihelden in den Mittelpunkt des Geschehens, dessen wahres Selbst nur im Herzen der Gefährtin Solveig existiert. Berenike Berentzen hat die Frankfurter Aufführung besucht.

Theater

Da muss doch etwas sein

Aktuell ist Peer Gynt in Frankfurt auf der Suche. Wie überraschend beruhigend, die Figuren in einem Setting zu beobachten, das nicht nach dem Hier und Jetzt einer zeitgenössischen Inszenierung schreit, aber jeden Einzelnen von uns in seiner eigenen Dekadenz der Dandies des Fin de Siècle erreicht.

Während in Goethes Faust des Pudels Kern Mephisto ist, häutet sich Ibsens Peer Gynt bis zum Nichts, das auch der phantastische Aktionismus eines getriebenen Hohldrehers nicht überspielen kann. Peer lügt nicht, er ist eine Lüge. Dennoch rührt Peer in seiner heillosen Suche an und der Zuschauer will dem grandios verwirrten Zurschauspieler (Max Simonischek) nicht abnehmen, dass da im Kern nichts sei: Da muss doch was sein? Diese existenzielle Frage greift direkt in den Zuschauerraum über. Und doch bleiben wir nahezu ausnahmslos mit Brettern vernagelte verführte Verführer.

Das Bühnenbild zersägt den Raum mit der steilen Linienführung meterhoher Holzlatten, immer wieder schieben sich die Dielen kaleidoskopisch neu zusammen: zur Wippe, zum Podest, zur Brücke, zum Floß. Peer wird zum Zaunkönig, den ekstatisch zuckende, aus der Zeit gefallene Trollhexen (Friederike Ott) verzaubern, die verlockend raschelnde Balztänze vollführen. Das Monströse der vulgär anherrschenden Mutter (Katharina Linder) und männerverschlingenden Hexen im Wald kontrastiert mit der „selbstlosen“ Liebe Solveigs (Sarah Grunert). Der Zauberer der Fäden hinter der Bühne hat eine Nähe zum lebendigen Werkstoff Holz und baut damit das Richtfest der um sich selbst kreisenden Stationen und Statisten.

„Peer Gynt“ am Schauspiel Frankfurt Foto: Andreas Kriegenburg

Peer steigt wiederholt in das klinisch ausgeleuchtete Hell des Unterbewussten einer Nervenheilanstalt, denn auch sein Sündenregister ist nicht ausreichend. Selbst die Hölle bietet keinen Schutzraum und lehnt ihn ab. Da ist es, das lähmende Nichts: es ist nie genug. Eine Zellmembran, aus der kein Entrinnen ist. Eine ewige Fruchtblase, die nicht platzen will. In der Anstalt wählt die Mutter den Freitod in der Wanne, nach dem sie zärtlich einen Holzscheit in ihren Armen gewiegt hat; eine Szene, die an den Tod des ermordeten Marat erinnert: Menschen gefrieren zu Gemälden.

Im ersten Akt erinnert die toxische Schlammschlacht an Peinigungsszenen der spätmittelalterlichen Tafelmalerei, deren Komposition und das Hell-Dunkel an Rembrandts Blendung Simsons, schließlich der aufgebockte Peer an Die Anatomie des Dr. Tulp von Rembrandt. Peer wird bei lebendigem Leibe sezierend observiert.

Die wie überdimensionierte Quallen wabernden Plastikfahnen der ätzenden Zwiebelhaut schieben sich durch jeden Akt der künstlichen Häutung (vom Windrosen-Schleiertanz der obsessiven Salomés bis zum gesetzten Segel der heimatlosen Heimkehrer), bis die Knolle dann einfach mit dem Kneipchen in der Hand gemeinsam geschält wird und dem Zuschauer spätestens hier die Tränen über die heißen Wangen laufen:

Wir weinen um die Beziehungslosigkeit von Vater, Mutter, Kind, den aneinander vorbei liebenden Beziehungsvermeidern und wir weinen um die, die nicht sie selbst sind.

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erstellt am 18.6.2019

„Peer Gynt“ in Frankfurt Foto: Andreas Kriegenburg

Premiere in Frankfurt

Peer Gynt

von Henrik Ibsen
Deutsche Fassung
von Botho Strauß und Peter Stein

Regie: Andreas Kriegenburg
Bühne: Harald B. Thor
Kostüme: Andrea Schraad
Dramaturgie: Volker Bürger

Besetzung: Max Simonischek, Katharina Linder, Sarah Grunert Paula Hans, Friederike Ott et al.

Schauspiel Frankfurt