Sie gehört zum Repertoire aller europäischen Opernhäuser: In Frankfurt und Zürich wird zum Saisonende Vincenzo Bellinis „Norma“ in den Inszenierungen von Christof Loy und Robert Wilson wieder aufgeführt. Stefana Sabin hat die geradezu gegensätzlichen Inszenierungen gesehen.

Oper

Vorchristliches Liebesdreieck

Seit dem 19. Jahrhundert kennt die sizilianische Küche die Pasta alla Norma: meist Makkaroni, gelegentlich auch Penne rigate mit Auberginen, Tomaten, Basilikum und Ricotta Salata. Es soll ein musikalisch begeisterter Koch in Catania gewesen sein, der diese Pasta zu Ehren des sizilianischen Komponisten Vincenzo Bellini und seiner Oper „Norma“ entworfen und die Farben der Zutaten auf die Farben der Stadt Catania abgestimmt hat: das Schwarz der Auberginen und das Weiß des Ricotta Salata als Hinweis auf die von Lava oder von Schnee bedeckten Hänge des Ätna nahe der Stadt.

Mag dieses Gericht außerhalb Siziliens wenig verbreitet sein – Bellinis Oper gehört zum Repertoire aller europäischen Opernhäuser. Nun, kurz vor Ende der Saison, beglücken zwei große deutschsprachige Bühnen, Frankfurt und Zürich, ihr Publikum mit einer Wiederaufnahme ihrer „Norma“-Produktionen.

Bellinis achte Oper, 1831 uraufgeführt, gilt als sein Meisterwerk. Die Geschichte, die der Librettist Felice Romani nach einem Drama von Louis Alexandre Soumet schrieb, spielt im ersten Jahrhundert vor Christus im von Römern besetzten Gallien und erzählt von einem Liebesdreieck zwischen Norma, der gallischen Priesterin und Seherin, Pollione, dem römischen Konsul, mit dem sie ein heimliches – und verbotenes! – Verhältnis und inzwischen zwei Kinder hat, und der Novizin Adalgisa, in die Pollione sich verliebt hat und die bereit ist, mit ihm nach Rom zu gehen. Die drei Liebenden treffen aufeinander – es ist eine der dramatischsten Liebes- und Verzweiflungsszenen der Opernliteratur! Auch die darauffolgenden Szenen: Normas Zorn, ihre medeahafte Rachedurst, als sie die gemeinsamen Kinder ermorden will; ihr Friedenspakt mit Adalgisa; schließlich ihre Rache- und Selbstzerstörungswut spielen sich in betörender Musik ab. Am Ende schreitet Norma dem Scheiterhaufen entgegen, wohin ihr Pollione, von neuer Liebe zu ihr erfasst, folgt.

Das alles in nur zwei Akten – zweieinhalb Stunden sinnlich-dramatischer Musik, die als innovativ galt, weil sie Koloraturen vermeidet und Syllabik pflegt. Es war Maria Malibran, die im 19. Jahrhundert mit ihrer veristischen Interpretation der Norma berühmt wurde, und es war Maria Callas, die im 20. Jahrhundert die Norma zur jener tragischen Belcanto-Figur machte, als welche sie bis vor wenigen Jahren galt, als Cecilia Bartoli bei den Salzburger Festspielen ihr modernere, unpathetische Züge verlieh.

Auratische Gestalt: „Norma“ am Opernhaus Zürich Foto: T+T Fotografie_Toni Suter

In der Bartoli-Tradition gibt auch Maria Agresta die Norma in der Inszenierung, die Robert Wilson 2011 am Opernhaus Zürich besorgt hat und die jetzt wiederaufgenommen wurde. Wilson hat das vorchristliche Liebesdreieck als fantastisches Licht-, Farben- und Figurenspiel inszeniert und die Dramatik der Handlung in magisch abstrakten Bildern dargestellt. Er deutet nicht, sondern hält sich an den melodisch strukturierten Handlungsverlauf und an den musikalischen Stimmungsgehalt und schafft der Musik Räume, in denen die Figuren strengstens choreographiert agieren. Die Körpersprache, die Wilson den Sängern vorschreibt, ist von universaler Wirkung, und seine Norma ist eine geradezu auratische Gestalt in blauviolettem fliessendem Gewand mit turmartig hochgestecktem schwarzem Haar, die auch in der größten Verzweiflung mit langsamen Bewegungen über die Bühne gleitet. Maria Agresta fügt sich bravourös diesen schauspielerischen Anforderungen und verleiht zugleich der Norma-Figur eine beeindruckende musikalische Kraft. Anna Goryachova ist ihrerseits eine großartige Adalgisa, die in ihrem orangefarbenem Gewand an Gestalten von Fra Angelico erinnert. Die Duette der beiden sind ein musikalischer Höhepunkt dieser Opernsaison. Fabio Luisi, der Zürcher Generalmusikdirektor (der auch Chefdirigent des Danish National Symphony Orchestra und Musikdirektor des Maggio Musicale Fiorentino ist), führte das Orchester mit besonderem Gespür für die darstellerische Anstrengung der Sänger und für die Besonderheit der von ihnen erzeugten Bühnen- und Ton-Bilder.

In der Frankfurter Produktion der „Norma“ von 2018, die nun wiederaufgenommen wurde, pflegt der junge italienische Dirigent Giacomo Sagripanti seinerseits flotte Tempi und klare Konturen. Die Frankfurter Aufführung wird vor allem von Elza Van den Heever als Norma getragen, die Forte-Attacken ebenso sicher beherrscht wie weiche Pianissimi und die eine Norma von Medea-Format spielt. Stefano la Colla ist ein geschmeidiger Pollione – und zusammen mit dem Chor führen sie alle vor, warum Bellinis Oper als Höhepunkt des Belcanto gilt. Der Inszenierung von Christof Loy fehlt jede auratische Dimension. Loy zeigt ein banales Beziehungsdrama, in dem ein Mann seine Frau für eine Jüngere verläßt, und lässt es in einer Baracke als Ein-Raum-Bühnenbild stattfinden. Die Figuren tragen düstere Alltagskleidung mit Nachkriegscharme, Norma selbst sieht wie eine Trümmerfrau aus.

Es sind geradezu gegensätzliche Vorgehensweisen: Wilson versteht die Opernbühne als magischen Ort und verstärkt die Wirkung der Musik durch ästhetische und ästhetisierende Bilder. Loy dagegen will die Oper entdramatisieren. Und beide verlassen sich auf die schauspielerische und musikalische Überzeugungskraft großer Sänger.

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erstellt am 16.6.2019

Trümmerfrau: „Norma“ an der Oper Frankfurt
Foto: Barbara Aumüller

In Frankfurt

NORMA

Tragedia lirica in zwei Akten von Vincenzo Bellini
Musikalische Leitung: Giacomo Sagripanti
Regie: Christof Loy
Szenische Leitung der Wiederaufnahme: Dorothea Kirschbaum

In Zürich

NORMA

Tragedia lirica in zwei Akten von Vincenzo Bellini
Musikalische Leitung: Fabio Luisi
Inszenierung, Bühnenbild und Lichtkonzept: Robert Wilson
Dramaturgie: Konrad Kuhn