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Es ist wieder soweit: Der LiBeraturpreis 2019 sucht eine Gewinnerin, und Sie können online mitentscheiden, welche Autorin ihn dieses Jahr auf der Frankfurter Buchmesse bekommt. Riccarda Gleichauf war beim großen Kick-Off-Event in Frankfurt dabei, wo die diesjährigen Kandidatinnen von der Weltempfänger-Jury vorgestellt wurden. Vier Minuten Vorlesezeit pro Titel inklusive.

Acht Kandidatinnen für den LiBeraturpreis 2019

Die Angst vor der Angst

Katharina Borchardt vom SWR stellte mit viel Begeisterung und Überzeugungskraft zu Anfang gleich zwei interessante Titel vor. Einmal den Erzählband Bruchstücke der japanischen Autorin Nanaee Aoyama, in dem es unter anderem um eine Vater-Tochter-Beziehung geht, die beim gemeinsamen Kirschenpflücken auf dem Land Überraschungen bereithält. Auf unspektakuläre, fließend leichte Weise und im leisen Ton seien die drei Erzählungen verfasst, wobei gleichzeitig Rätsel bei der Handlung blieben. „Zwischen Konfirmismus und Non-Konfirmismus“ bezüglich stereotyper Weiblichkeitsbilder bewegen sich die Protagonistinnen der zweiten und dritten Erzählung des Bandes, in denen die Jurorin auch witzige Momente erkennt.

Um Sieben leere Häuser und die Menschen, die in diese Häuser hineingelangen möchten, geht es im gleichnamigen Erzählband der argentinischen Autorin Samanta Schweblin. Dabei beleuchtet kein allwissender Erzähler die von Angst und Kontrolle beherrschten Protagonist*innen; es gebe kein „Deckenlicht“, so die Jurorin Borchardt metaphorisch. Vielmehr würde ein Ich-Erzähler mit seiner Taschenlampe „traurige Geschichten“ beleuchten, wie zum Beispiel die eines Mannes, der mit seiner Tochter in der Nachbarschaft einbricht, um persönliche Gegenstände zu klauen – eine Eskalation ist natürlich vorprogrammiert.

Juror Ulrich Noller, der als Experte für Kriminalliteratur bereits bei den Global Crime Litprom-Literaturtagen 2019 moderiert hat, stellte Tentakel der Autorin Rita Indiana vor, die aus der Dominikanischen Republik stammt. Schmale 150 Seiten umfasst der Roman, dessen Titel zumindest bei mir ein leicht ekelerregendes, klebriges Gefühl entstehen lässt, in dem aber die ganze Welt verpackt sei, ist Noller überzeugt. Kein Wunder, dass ihm ein Buch mit diesem allumfassenden Inhalt teilweise unverständlich bleiben muss, was aber gerade den Reiz an der Lektüre ausmache, so der Juror weiter. Hauptfigur ist eine ehemalige Stricherin, die auserwählt ist, die Welt vor dem Klimawandel zu retten. Da er 2020 längst im Gange ist, begibt sich die Protagonistin auf eine Zeitreise in die Vergangenheit, in der sich die Kategorien zwischen den Geschlechtern auflöst. Tentakel sei kein „Exotenbuch“, sondern ein „Fest des Erzählens“, das mitten hineintreffe in aktuelle Debatten wie Klimawandel oder Digitalisierung, in einer frechen, kraftvollen Sprache geschrieben.

Anita Djafari, Litprom Geschäftsleiterin, präsentierte dem Publikum den kammerspielartigen Roman der chilenischen Autorin Lina Meruane, der um die Frage kreist, wie sich eine schwerwiegende Erkrankung auf eine Paarbeziehung auswirkt. Dabei lässt die Jurorin eine eindrückliche, für sich selbst sprechende Passage aus Rot vor Augen vorlesen, die einen Einblick davon gibt, welche Konfliktpotentiale entstehen können, wenn eine Person plötzlich ihr Augenlicht verliert und angewiesen ist auf die Hilfe des Partners. Meruane habe eine „Parabel von messerscharfer Schönheit“ geschrieben, bewirbt Djafari ihre Favoritin.

Vorgestellt wurde dem Publikum an diesem Abend noch der „Anti-Liebesroman“ Nach dem Winter, der mexikanischen Autorin Guadalupe Nettel, der, so Juror Andreas Fanizadeh (Ressortleiter taz), anhand zweier Protagonisten Beweggründe für Migration aufzeige, die nicht, wie oft erwartet, mit Armut zusammenhingen und sich dem Klischee vom Mexikanisch-Sein widersetzten.
Juror Ruthard Stäblein (HR) widmete sich erfrischend kurz und prägnant dem humorvollen Psychokrimi Krokodilstränen von Mercedes Rosende (Uruguay). „Übertreibungen, Finten und Verwechslungen“ spielten auf der Suche nach Gerechtigkeit für alle Beteiligten eine Rolle. Stäblein versprach, dass die raffiniert geschriebene Krimikomödie mit der skurrilen Hobbykriminellen Ursula einige Lacher ermögliche.

Der trotz der zahlreichen Titel kurzweilige und anregende Abend endete mit den Romanen Hausbrand, der britisch-pakistanischen Autorin Kamila Shamsie und mit Die Verängstigten von Dima Wannous aus Syrien.
In Hausbrand versucht eine Schwester, ihren Bruder, der für den IS in Syrien gekämpft hat, in seine Heimatstadt London zurückzuholen. Was passiere, wenn Ideen von Nationalität unpersönlich aufeinanderprallten, ein Hardliner, wie der Innenminister als Handelnder über persönliche Schicksale zu entscheiden habe, davon erzähle der Roman eindrücklich, meinte Jurorin Claudia Kramatschek. Dima Wannous aus Syrien entwickle hingegen eine „Psychosomatik des Terrors“, wie der Publizist Thomas Wörtche betonte, die sich, vom Assad Regime produziert, durch „Angst vor der Angst“ auszeichne. Schwere Kost, die sich aber lohne, weil Wannous es gut verstehe, „kaputte Menschen“ zu beschreiben.

Es ist sicher keine leichte Wahl, sich für eins der Werke zu entscheiden. Zeit für Ihre Entscheidung bleibt bis zum 16.06.2019 unter folgendem Link:
https://www.litprom.de/beste-buecher/liberaturpreis/public-voting-2019/

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erstellt am 09.6.2019

Acht Autorinnen

Folgende Autorinnen stehen zur Wahl für den LiBeraturpreis 2019:

Nanae Aoyama (Japan): „Bruchstücke”. Erzählungen. Aus dem Japanischen von Katja Busson und Frieder Lommatzsch (Cass Verlag)

Rita Indiana (Dominikanische Republik): „Tentakel”. Roman. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar (Wagenbach)

Lina Meruane (Chile): „Rot vor Augen”. Roman. Aus dem Spanischen von von Susanne Lange (Arche)

Guadalupe Nettel (Mexiko): „Nach dem Winter”. Roman. Aus dem Spanischen von Carola Fischer (Blessing)

Mercedes Rosende* (Uruguay): „Krokodilstränen”. Kriminalroman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen (Unionsverlag)

Samanta Schweblin (Argentinien): „Sieben leere Häuser”. Erzählungen. Aus dem Spanischen von Marianne Gareis (Suhrkamp)

Kamila Shamsie (Pakistan): „Hausbrand”. Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Hansen (Berlin Verlag)

Dima Wannous (Syrien): „Die Verängstigten”. Roman. Aus dem Arabischen von Larissa Bender (Blessing)

LiBeraturpreis

1987 von der Initiative LiBeraturpreis e.V. ins Leben gerufen, wird der LiBeraturpreis seit 2013 von Litprom vergeben. Der Publikumspreis zeichnet jährlich einen besonders beliebten Titel einer Autorin aus Afrika, Asien, Lateinamerika oder der arabischen Welt aus.

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