Es war ein Gipfeltreffen ohne großes Rampenlicht. Ai Weiwei und Liu Xia, zwei der renommiertesten chinesischen Künstler der Gegenwart, die heute aufgrund ihres politischen Engagements im deutschen Exil leben, kamen auf Einladung des Galeristen Peter Sillem in das Arthouse-Kino „Harmonie“ nach Frankfurt, um mit einem der besten Kenner der chinesischen Demokratiebewegung, dem emeritierten Princeton-Wissenschaftler Perry Link, zu sprechen. Andrea Pollmeier hat die bewegende Begegnung miterlebt.

Ausstellung

With my eyes closed

Liu Xia ist ausserhalb Chinas vor allem als mutige Begleiterin ihres im Gefängnis verstorbenen Mannes und Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo bekannt geworden. In China kennt man sie jedoch auch als Lyrikerin und Künstlerin. Auch nach dem Tod von Liu Xiaobo musste Liu Xia ihr Leben in Beijing isoliert unter Hausarrest fristen. Erst im Juli 2018 konnte sie China verlassen und ins Exil nach Berlin ausreisen. Während ihre Gemälde noch im Reich der Mitte lagern und das Land nicht verlassen dürfen, konnten Teile ihres photographischen Werks über die Grenze gelangen. Erstmals werden sie nun auch im westlichen Ausland gezeigt.

Ai Weiwei, Perry Link und Liu Xia. Foto: Alexander Paul Englert
Ai Weiwei, Perry Link und Liu Xia. Foto: Alexander Paul Englert

Die Folgen der traumatischen Zeit, die Liu Xia und ihr Mann erlebt haben, sind noch deutlich spürbar. Als Ai Weiwei sie zu Beginn des Gesprächs nach ihrer Lebenssituation in Berlin befragt, wird deutlich, wie sehr Einsamkeit auch ihr Leben in Berlin prägt. Liu Xia spricht weder Englisch noch Deutsch. Wer jedoch ihr künstlerisches Werk betrachtet, das in einer kenntnisreichen Auswahl jetzt erstmals öffentlich in der Galerie von Peter Sillem zu sehen ist, spürt die Kraft ihrer Bildsprache. In fein fokussierten Kompositionen übermittelt sie Empfindungen wie Protest, Gefährdung und Ausgeliefertsein unmissverständlich klar in seltener Schönheit.

Nur wenige Fotografien zeigen Liu Xiaobo direkt. Übermittler innerer Gefühle sind vielmehr puppenähnliche Figuren, die Liu Xia in einer subtilen und doch frappierend ausdrucksstarken Weise arrangiert. Während ihr lyrisches Werk, das bisher nur in englischer Übersetzung zugänglich ist, und ihre Fotografien in einer zeitlosen und Sprachgrenzen überwindenden Weise von ihrem großen Schicksal erzählen, wird auf der Bühne im Gespräch zwischen Freunden, in dem Liu Xiaobo wie ein vierter, unsichtbarer Gast präsent zu sein scheint, eine viel konkretere Seite dieses Lebens erkennbar. Hier erzählt sie beispielsweise, wie schwierig es war, Liu Xiaobo während seiner Zeit im Arbeitslager zu besuchen. Von staatlicher Seite galt sie nicht als offiziell verheiratete Ehefrau. So musste sie ihren Mann noch einmal mit Hilfe befreundeter Juristen im Gefängnis heiraten und wurde so zu einer Art Heldin für all die politischen Gefangenen, die jenseits des Stacheldrahts leben mussten.

Auch Ai Weiwei spricht auf Nachfrage von Perry Link über die Zeit, in der sein eigenes künstlerisches Schaffen begann. „Die Frage, wie ich zur Kunst kam, ist für mich sehr schwierig“, erklärt er, „denn eigentlich habe ich Kunst nie geliebt!“ Als Sohn eines Dichters, der für sein Schreiben bestraft und zu Jahrzehnten Arbeitslager verurteilt worden war, erlebte er Kunst zunächst vor allem als einen kriminellen Akt. Erst später habe er in einer Lage, in der es nur wenig Wahlmöglichkeit gegeben habe, versucht, dem vorgezeichneten Leben als Landwirt zu entfliehen. Er begann, sich selbst mittels der Kunst in einem eigenen, unabhängigen System zu verwirklichen und von der kommunistischen Propaganda zu lösen. „Auch als Politiker wollte ich nicht enden“, erzählt er und ergänzt selbstironisch: „Stattdessen wurde ich dann ein politisch Künstler.“

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 14.5.2019

Die Künstlerin Liu Xia Foto: Alexander Paul Englert

Ausstellung in Frankfurt

Liu Xia – With my eyes closed

4. Mai – 6. Juni 2019

Galerie Peter Sillem