Mit Spannung war der Beitrag des Exzellenzclusters Normative Orders zur Diskussion um die Bedeutung des Kopftuchs in unserer Gesellschaft erwartet worden. Leider wurde die Hoffnung, Erkenntnisse zu gewinnen, die den jetzigen Stand der wissenschaftlichen Diskussion vermitteln, enttäuscht, meint Miryam Schellbach.

Gesellschaft

Wer rettet hier wen?

Die »Kopftuch-Konferenz« an der Uni Frankfurt ist weniger kontrovers als erhofft

Von diesen Zuhörerzahlen träumt jeder Hochschuldozent. Über 750 Anmeldungen hatte es im Vorfeld der Konferenz „Das islamische Kopftuch. Symbol der Würde oder der Unterdrückung?“ gegeben, dabei war nur Platz für 150 Gäste. „Wir freuen uns auf eine kontroverse Diskussion, zu viel Einigkeit ist langweilig“, verkündete Veranstalterin Prof. Dr. Susanne Schröter, Leiterin des Zentrums „Globaler Islam“ zu Beginn. Schröters Zentrum gehört zum Exzellenzcluster „Normative Ordnungen“ der Goethe-Uni Frankfurt. Und um Normen soll es auch gehen. „Wir diskutieren hier gesamtgesellschaftliche Fragen, und auch darüber, wie wir uns gegen totalitäre Ideologien zur Wehr setzen“, so Schröter. Die Professorin war im Vorfeld der Konferenz bereits stark von einzelnen Studierenden angegriffen worden. Kritik gab es besonders für die unausgewogene Liste der geladenen Referenten. Abgesehen von der Journalistin Khola Maryam Hübsch und der Theologin Dina El Omari durften nur ausgesprochene Kopftuchgegner ans Pult treten.

Es ist spürbar, dass das Stück Stoff die Gemüter erhitzt wie zuletzt vielleicht der Minirock in den 1960er Jahren. Angefangen hatte alles mit der im April eröffneten Ausstellung „Contemporary Muslim Fashions“ im Museum Angewandte Kunst. Eine Ausstellung, die sich besonders der modisch-jugendlichen Seite des Phänomens zuwendet, Textilien und Schnitte vorstellt und, wie Schröter unermüdlich anmahnt, damit „einen relevanten Kontext vergisst“, nämlich den Unterdrückungscharakter. Schröter weist auf die zunehmende Politisierung des Islam in Ländern wie Indonesien oder dem Iran hin. Und weil ihr diese Seite im Rahmen der Ausstellung zu wenig beleuchtet vorkam, organisierte sie kurzerhand die Konferenz.

Ausschließlich politisch möchte Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer das Kopftuch verstehen. Gerade die Frankfurter Uni, so fordert sie, sollte sich an ihre kritische Tradition erinnern, „Schluss mit den Sprechverboten“ machen und endlich auch ein Verbot des Kopftuchs im öffentlichen Dienst und an den Schulen fordern, denn das Kopftuch sei nichts anderes als „die Flagge des politischen Islams“. Schwarzers sloganhafte und kompromisslose Forderungen an diesem Tag erhalten immer wieder heftigen Beifall und es ist schnell klar, dass die von Schröter erhoffte kontroverse Diskussion auf dieser Konferenz nicht zu erwarten ist.

Keine theologische Begründung für das Kopftuch sehen die Münsteraner Islamische Theologin Dina El Omari und der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi. Beide sprechen sich dafür aus, den Koran in seiner historischen Situiertheit und Entstehungsgeschichte zu verstehen. In einer historisch-kritischen Perspektive auf die drei Koransuren, in denen von einem Schleier die Rede ist, lässt sich kein Zwang zum Kopftuch herauslesen – aber eben auch kein Verbot des Kopftuchs. El Omari betont, dass eine offene und freie Gesellschaft es erlauben und aushalten muss, wenn Frauen sich aus eigenem Willen dazu entscheiden, einen Schleier zu tragen. Ein Zusatz, der wiederum im Gemurmel der Anwesenden untergeht; es scheint, als wäre das Publikum nicht zu Kompromissen aufgelegt.

Einig sind sich zumindest alle, dass bei jungen Mädchen noch nicht ausreichend Reflexionspotential vorhanden ist, und so von einer freien Entscheidung zum Kopftuch gar nicht die Rede sein kann. Doch sollte daraus ein Kopftuchverbot für Mädchen folgen? Sorgt nicht eher ein Verbot dafür, dass den jungen Frauen der Zugang zu Bildung und gesellschaftlichem Zusammenhang untersagt wird? Es sind zahlreiche Aktivistinnen der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes anwesend, die hoffen, Unterschriften für eine kürzlich veröffentlichte Petition zu erhalten: Verbieten wollen sie das Kopftuch für alle Minderjährigen. Ein anwesender Verfassungsrechtler weist nüchtern darauf hin, dass man sich mit dieser Forderung jenseits der deutschen Verfassung bewegt – „Die Verfassung kann man auch ändern“ fällt ihm eine Frau ins Wort. Necla Kelek, Soziologin und selbst Vorstandsmitglied der Frauenrechtsorganisation, möchte das Kopftuch auch in Ausbildungsstätten verbieten und spricht sich gegen den Vergleich religiöser Symbole aus. Weder die Kippa noch das Kreuz haben ihrer Meinung nach die patriarchal gefärbte Bedeutung, die das Kopftuch hat. Erst, „wenn man das Kopftuch neben das Kreuz an die Wand nageln kann“, ist sie bereit, den Vergleich anzunehmen.

Weder von Terre des Femmes noch von anderen Frauenrechtsorganisationen „gerettet werden“ möchte die Frankfurter Journalistin Khola Maryam Hübsch. Sie verzeichnet einen Anstieg von erklärwütigen Islamkritikern, die ihr vorschreiben möchten, wie sie ihre Religion ausleben soll. Dass es durchaus Frauen gibt, die sich bewusst und aus verschiedenen Gründen für eine Verschleierung entscheiden, fällt bei der oftmals pauschalen Kritik unter den Tisch. Hübsch kritisiert, dass der feministische Anspruch der Kritiker häufig seine Wirkung verfehlt: „Ein Enthüllungsgebot kann eine Frau genauso entmündigen wie ein Verhüllungsgebot“. Immer wieder wird ihr Vortrag durch Zwischenrufer gestört, die von der Moderatorin nicht ermahnt werden.

Den Abschluss der Konferenz bildet Ingrid König, pensionierte Leiterin der Berthold-Otto-Schule, die für ihren 2017 verfassten Brandbrief an das hessische Kultusministerium bekannt geworden war. Fast stoisch, scheinbar resigniert, rattert sie die bekannten Erzählungen nicht oder nur schlecht integrierter Frankfurter Grundschüler herunter und wünscht sich in die 80er Jahre zurück, als sich noch niemand über das Schweinefleisch in den Schulkantinen beschwert hat. Inzwischen aber fühlen sich sogar muslimische Lehrerinnen von den Eltern bedroht, denen sie nicht fromm genug sind. König zieht eine klare Konsequenz aus dem Erlebten. „Kopftuchverbot an Schulen? Ja!“ sagt sie, und muss offenbar nicht erst herleiten, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Tosender Beifall beschließt ihre Rede.

Bedauerlich ist, dass die Opposition sich mehrheitlich vor der Tür des Konferenzgebäudes aufhält. Mehrere junge Studentinnen, einige ohne, einige mit Kopftuch, beschweren sich über die Unausgewogenheit und mangelnde Wissenschaftlichkeit des Programms. Sie haben Schilder dabei, auf denen „Mein Glaube, meine Sache“ zu lesen ist. Einige von ihnen wollten der Konferenz beiwohnen, sagen sie. Sie erhielten jedoch aufgrund des Platzmangels trotz Anmeldung keinen Zugang, „dann beschweren wir uns von draußen“. Die Vorgeschichte der Konferenz, genauso wie ihre mangelnde inhaltliche Ausgestaltung und letztlich die plakative Zuspitzung auf einen Titel, der über Top oder Flop des Kopftuchs entscheiden will, haben, mit etwas Abstand besehen, beiden Lagern mehr Schaden als Nutzen eingebracht. Eine sachliche Diskussion sieht anders aus.

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Kommentare


Daniel Behrend - ( 09-05-2019 02:14:50 )
Als Anwesender kann ich eigentlich nicht bestätigen, dass es unausgewogen gewesen wäre. Es wurde wichtige Aspekte benannt, z.B. die Instrumentalisierung der Kopftuchbebatte durch den politischen Islam (das wurde auch immer wieder betont, dass es nicht um die Kopftuchträgerinnen ginge, die Entwicklung in vielen muslimischen Ländern, die man nicht abkoppeln kann, und eben die Frage nach der Bedeutung. Fragen nach dem Verbot waren nicht zentral.

T. Franke - ( 09-05-2019 05:51:14 )
Der Artikel interpretiert die Konferenz als einseitige Anti-Kopftuch-Konferenz. Dazu muss man aber sehen, dass Gegenmeinungen nicht etwa nicht reden durften, sondern offenbar nicht wollten. Zum Thema Verfassung: Es ist schlicht nicht wahr, dass unsere Verfassung ein solches Verbot nicht stützen würde. Das ist lediglich die Meinung von einigen Verfassungsrechtlern. Und vielleicht auch die Meinung der Mehrheit der derzeitigen Verfassungsrichter. Aber die Verfassungsrichter wechseln, und mit ihnen die herrschende Meinung über die Verfassung. Das ist in D nicht anders als in USA.

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erstellt am 09.5.2019

Foto: Alexander Paul Englert
Foto: Alexander Paul Englert