Seit der Gedanke an eine nationale Grenzen überschreitende, europäische Gemeinschaft Kontur gewann, wird beklagt, dass es dabei hauptsächlich um ein Krämer- und Händler-Europa geht. Die Frage, inwieweit es bei kulturellen Unternehmungen möglich ist, gegen alle Widerstände europäisch zu denken, beantwortet, wie Bernd Leukert berichtet, „Europa in versi“ in Como.

Literaturfestival in Como

Vater, Mutter, Sternenstaub

Kurze Bemerkungen zu „Europa in versi“ 2019

Etwa 60 Literaturfestivals gibt es in Europa, davon sind vielleicht ein Drittel Lyrikfestivals. Einige sind programmatisch international ausgerichtet. Das bringt einen größeren Aufwand mit sich, aber auch eine Bereicherung für die in nationalen Dimensionen gruppendynamisch oder in einzelgängerischer Konkurrenz agierenden dichtenden Menschen. Zum Beispiel in Como. Dort gibt es, unter der Leitung der Poetin Laura Garavaglia, ein Literaturhaus, die „Casa della Poesia di Como“, und ein jährliches Großereignis:
Zum neunten Mal fand im April dort „Europa in versi“ statt, ein internationales Festival der Poesie, das mehr und mehr auch den Wünschen der jugendlichen Besucher Rechnung trägt und mit lautstarker Showmastergestik des dichtenden Performers Dome Bulfaro einen Poetry-Slam mit Slammern aus USA, Brasilien, Cuba, Norwegen, Schottland und Italien anbot.
An verschiedenen Spielstätten (wobei Milano und Brunate mit einbezogen waren) gab es Treffen der Slammer, Lyrikerinnen und Lyriker mit Studenten, Wettbewerbe, Vorträge und Musik. Die klassischen Lesungen aber waren – wie der Poetry-Slam – in der prächtigen, immer überfüllten Villa Gallia am Ufer des Comer Sees zu erleben. Dort wurden, während des Vortrags, auf einer Leinwand die Gedichte in der Originalsprache und auf Italienisch, manchmal auch auf Englisch projiziert. Jede Poetin, jeder Poet wurde von Garavaglia, einem Literaturwissenschaftler oder einer Studentin vorgestellt. Das Publikum jeglichen Alters folgte neugierig dem fremden Klang der Gedichte und pflückte lesend ein wenig von der Bedeutung aus der Übersetzung. So erfuhr es, gelesen von dem Albaner Jeton Kelmendi, vom Tod des Vaters, der genau vor sechs Jahren starb, und von der Liebe während des Krieges im heimatlichen Kosovo. Frei und das Publikum direkt ansprechend trug der türkische Dichter Ataol Behramoglu „Ich habe vergessen, wie das Gesicht meiner Mutter aussah“, „Babies haben keine Nation“ und „Beim Verlassen der Stadt“ vor. Aus Milano kam der Dichter und Übersetzer Giancarlo Pontiggia mit Versen, in denen es um existentielle Abgründe geht, um Sein oder Nichts – und um Sternenstaub.
Der Literaturkritiker des „Corriere della Sera“ und Rundfunkautor für Radio Tre Rai und Radio Svizzera Italiana, Roberto Galaverni, feierte in einem konzentrierten Essay den rumänischen Schriftsteller, Übersetzer und Universitätslehrer Ion Deaconescu, der über „die Nacht zwischen den Jahren“ und „die Mauern der Gleichgültigkeit“ las. Darin heißt es: „Vielleicht haben sie (die fallenden Bücher) Angst und Scham vorm Gelesenwerden?“

Dmitro Tschistjak

Der junge Dichter Dmitro Tschistjak, Mitglied des ukrainischen Schriftstellerverbandes und Sekretär der europäischen Akademie für Wissenschaft, Kunst und Literatur in Paris, besang die Insel Ufenau im Zürichsee, streute mit erheblichem Pathos und großer Gestik seine wehmütigen und surrealen Gedichte über die Köpfe des Auditoriums: „weine nicht, mein Wolf, der grüne Tee kommt gerade“.
Beeindruckend war der Auftritt der Kolumbianerin Marisol Bohórquez Godoy mit ihren leicht fasslichen, starken Versen „die Poesie, die nicht geschrieben sein wollte“, nämlich solche über und gegen Hunger, Krieg und sexuelle Gewalt, die dann doch geschrieben werden musste; auch der Schriftsteller und Chefredakteur der Zeitschrift „Literatura şi Arta“ Nicolae Dabija aus Moldavien mit seinen hintersinnigen Poemen „Pressekonferenz eines großen Erfinders“ oder dem Brief „Sehr verehrter Generaldirektor der Gedichtmanufaktur“ prägte sich ein; Maria Caspani aus Como, die mit Alttimbre und erhöhtem Sprechtempo eine Dringlichkeit vermittelte, die nach ihren Erfahrungen als web producer und Reporterin bei der Reuters Foundation ihren poetischen Texten über typisches Männerverhalten, Menschen- und Frauenrechte zukommt. Caspani, die ihre ungeschönten Gedichte auf Italienisch und auf Englisch „am Rande des Lebens“ schreibt, gehört zu den starken Stimmen des italienischen Nordens inmitten der diversen internationalen poetischen Gemeinschaft.

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erstellt am 29.4.2019

Villa Gallia
Maria Caspani