Die Kirgisin Ayka, Protagonistin des gleichnamigen Films von Sergey Dvortsevoy, versucht, sich im Moloch Moskau durchzuschlagen. In der russischen Hauptstadt kann sie auf wenig hoffen, gibt jedoch nicht auf. „Ayka“ ist ein eindrücklicher, wahrhaftiger Film, meint Jens Balkenborg.

Filmkritik

Ein Leben am Abgrund

Klirrende Kälte hält die Stadt in ihren Fängen, der Wind eines Jahrhundert-Schneesturms pfeift durch Mark und Bein. „Die Natur rächt sich an den Menschen“ , mystifiziert eine Nachrichtensprecherin das Wetter. Mittendrin ist Ayka (Samal Yeslyamova), die titelgebende Heldin, der wir bei einem Überlebenskampf folgen, wie man ihn sonst nur aus Survival-Filmen kennt. Menschenfeindlich ist in Sergey Dvortsevoys Tour de Force allerdings nicht nur die Natur, die die Stadt mit eisigem Atem in Schach hält, sondern vor allem der Mensch selbst.

Das Moskau, das der in Kasachstan geborene Regisseur in „Ayka“ zeichnet, ist pure urbane Trostlosigkeit, ein Unort, in dem es keine Empathie gibt, sondern nur nackten Existenzkampf. Keine Spur von dem Sehnsuchtsort Stadt, von dem die begehrte Hirtentochter in Dvortsevoys Spielfilmdebüt „Tulpan“ noch träumte. Kamerafrau Jolanta Dylewska fotografiert das Geschehen in naturalistischen Bildern und folgt der getriebenen Ayka mit unruhiger Handkamera durch den Schneesturm mitten hinein in den Moloch, in vor Menschen platzende U-Bahn-Schächte und unwirtliche Straßen.

Dass die Not der Frau aus Kirgistan gewaltig sein muss, wird gleich zu Beginn klar. Ayka flieht aus dem Krankenhaus und lässt ihr Neugeborenes zurück. Ein Akt der Verzweiflung. Aber was bleibt ihr anderes übrig? Illegal nächtigt sie mit dutzenden Arbeitsmigranten auf engstem Raum in einem heruntergekommenen Hostel und kann kaum für sich selbst sorgen. Der Traum von einer Existenz als Näherin ist in weite Ferne gerückt, die Schulden, die sie dafür gemacht hat, kann sie mangels Arbeitserlaubnis nicht zurückzahlen. Ein Leben am Abgrund.

Im Regiekommentar erklärt Dvortsevoy, dass eine Zeitungsstatistik ihn zu dem Film inspiriert habe: „2010 wurden in Moskauer Geburtskliniken 248 Babys von Müttern aus Kirgistan aufgegeben.“ Die nüchterne Statistik übersetzt der vom Dokumentarfilm kommende Regisseur in einen eindrücklichen, ja: wahrhaftigen Film. Mit schmerzlicher Unmittelbarkeit wird Aykas Geschichte erzählt. Ayka, die auf wenig hoffen kann, aber dennoch die Hoffnung nicht aufgibt. Samal Yeslyamova, die ihr Leinwanddebüt in „Tulpan“ gab, bekam in Cannes im vergangenen Jahr die Palme als beste Darstellerin. Tatsächlich zeichnet das Spiel der Kasachin eine große Natürlichkeit aus, trotz ihrer großen Zurückhaltung nimmt sie für sich ein. Die Kamera klebt an ihr, tastet immer wieder über ihr zwischen Verzweiflung und letzter Kraft changierendes Gesicht, fokussiert die noch nicht ganz leeren Augen der abgekämpften Mutter. So drastisch das Handeln dieser wortkargen Frau, über die man wenig erfährt, auch ist: Man ist bei ihr, von Anfang bis Ende.

Das zurückgelassene Kind bleibt als quasi stiller Protagonist den Film über gegenwärtig. Und das nicht nur in den Szenen, in denen Ayka mit Geburtswunden und Milchstau kämpft, sondern auch als assoziativer Nabel. Etwa wenn sie Hühner ausnimmt, wenn Welpen an den Zitzen der verletzten Hundemutter saugen oder wenn Ayka sich in ihrer Höhle aus Tüchern zusammenkauert, um sich zumindest einen halbwegs privaten Raum in dem lauten Hostel zu schaffen. Nie wirkt das bedeutungsschwanger aufgepfropft, wie sowieso nichts in Dvortsevoys düster pulsierendem Film. Es sind schonungslose Bilder aus der Lebenswirklichkeit dieser Frau, die früher oder später zu ihrem Kind zurückfinden muss. Und es sind vor allem auch Bilder, die von den Folgen sozialer Verrohung erzählen.

Nur einmal erfährt Ayka so etwas wie Glück: Als die Putzfrau der Tierklinik ihr hilft, fängt die Kamera ein zartes Lächeln in dem vom verschwitzten Haar umrahmten Gesicht ein. Es ist ein kurzer Moment der Menschlichkeit, unglaublich berührend und entwaffnend in diesem existenzialistischen Kampf, den man nicht so schnell wird vergessen können.

Filmtrailer: „Ayka“

Der Text ist in der Ausgabe 4/2019 der Monatszeitschrift epd Film erschienen.

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erstellt am 17.4.2019

Filmplakat „Ayka“
Filmplakat „Ayka“