Tuschicks Kolumne

Als die Baracke noch fröhlich war

Das muss man Wolf Biermann lassen: Er altert erfrischender als die Zeitgenossen. Sein Spätwerk ranzt nicht so wie die letzten Sachen von Grass und Walser, meint Jamal Tuschick. Er hat Biermanns Novellen-Band „Barbara“ gelesen.

Wenn ich daran denke, dass ein Poster von Tom Jones zur Freude meiner Mutter im Hobbykeller am Mauerwerk klebte, so dass der Waliser mit dem Testosterontenor wie ein Schiedsrichter über die zahllosen Tischtennismatches zu wachen schien, die meine Mutter, einst südwestdeutsche Meisterin, bis ins hohe Alter fast immer gewann.  

Biermann erfüllte in der DDR, „als die Baracke noch fröhlich war (Manfred Krug)“, Aufgaben, die im Westen Tom Jones erledigte. Er verkörperte den Künstler in viril. Interessant finde ich, dass sich der alte Barde, den neuen Spielregeln zum Trotz, als Hecht im Karpfenteich weithin zu erkennen gibt und seine Eroberungen im Safaristil schildert.   

Während er mit Brigitte Soubeyran „wie verheiratet“ zusammenlebt, beschleicht den noch unbekannten Dichter (nach einer krankheitsbedingten Phase monogamer Enthaltsamkeit) das Verlangen, einer Krankenschwester nahezukommen, halb fatalistisch der Gier ergeben, halb scheusalisch die Gunst einer Stunde nutzend.

Auf der letzten Zielgeraden muffen auch Erinnerungen an die vitale Liebe wenigstens wie mit Mottenpulver imprägniertes Zeug. Da hilft kein Baudelaire und nicht das Aufsagen französischer Verse. Es hilft kein kalauern. Heine in Paris als Steigerung zu Gott in Frankreich. Die Matratzengruft als Olymp. Jeder weiß, wo Biermann seinen lyrischen Vogel, diesen greisen Geier, herhat. Gleichwohl wundert es mich, mich sagen zu hören, dass im Vergleich mit den verbliebenen Granden seiner Generation Biermann sich am besten schlägt. Er sieht den Tölpel vor dem Thron der Jahre. Der Künstler als junger Mann idealisiert die reizende, von dem Ganeff Lacenaire, dem Pantomimen Debureau, dem Schauspieler Frederic und dem Adeligen de Monteray verehrte Garance in „Kinder des Olymp“. Die Szenen des Glücks im hauptstädtischen Winkel der Deutschen Demokratischen Republik erreichen die cineastische Grazie des Films von Marcel Carné.

„Diese Frau war einfach der saftigste Pfirsich, den ich je gepflückt hatte … Ich zappelte als Fisch in ihrer Reuse.“

Die Segensreiche überflügelt ihre Konkurrenz in der Annäherung an das Ideal, so dass sie sich den Beinamen Garance verdient. Sie wird von der Stasi zum Einsatz frauenspezifischer Methoden (Stasijargon) angehalten und in Westberlin auf den Strich geschickt.  

Proust griff auf seine Vergangenheit zu, indem er dem Geschmack von Madeleines nachspürte. Biermanns Memorabilien sind nicht die Pfirsiche als Symbole des Erquicklichen. Vielmehr erschöpft sich das Agens der späten Produktion in der Liebe zu Einer und in Erinnerungen an politische Kämpfe als an das Überstandene. Die, die Biermann übelwollten, sind tot. Er hat ihre Leichen im Fluss der Zeit vorbeischwimmen sehen. Er hat den Angriff eines Staates auf seine Person überstanden.

Der Poet bringt peinlich mit Pein in Verbindung. Er deklariert die Episoden als Novellen. Der Autor tritt an den Erzähler ab, was er dem Leser nicht anders verraten will. Das ist ein Vexierspiel, in dem immer noch Vorsicht walten könnte. So, als käme es jetzt noch darauf an.

„Denn was ist eine Novelle anderes als eine unerhörte Begebenheit.“

So auf den Punkt brachte Goethe die Novelle in einer von Eckermann 1827 festgehaltenen Bemerkung. Die Novelle ist eine Form der Neuzeit ohne antikes Vorbild. Sie verlangt das Ereignis von schicksalhafter Bedeutung als Neuigkeit. Attraktiv erscheint die Vorgabe deutschen Autor*innen nicht, ich habe nur eine Zahl, 2001 erschienen sieben Titel, die als Novellen ausgewiesen waren.

Wie Biermann über Ruth Berlau spricht, die er erst trifft, als sie „schon ein alkoholisiertes Wrack“ ist, erfüllt die Bedingung schicksalhafter Bedeutung.

„Brecht starb, um sich nicht länger verhalten zu müssen.“ Heiner Müller

„Die alte Frau“ (ist) knapp über fünfzig.“ Vor ihrem Fenster steht auf dem Karlsplatz eine von Brecht in die Lyrik gebrachte Pappel. „Der große Lehrer“ hatte Berlau ausgemustert, als er zum Schreiben seiner Stücke keine Zuarbeiterin mehr brauchte, weil er keine Stücke mehr schrieb. Nun ist Brecht tot und Berlau versucht so ein bisschen brechtig Biermann zu ihrem Adlatus zu machen. Biermann erlebt die Zeit am Berliner Ensemble als „rationalen Rausch“.

Wolf Biermann, Barbara. Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten, Ullstein, 285 Seiten

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erstellt am 16.4.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.