Dorothy Parker (1893-1967) war Journalistin, Dichterin, Drehbuchautorin und Salondame. Die Lyrikerin Nora Gomringer hat Parkers Gedichte in Liedform umgesetzt. In Zusammenarbeit mit dem Jazzschlagzeuger Philipp Scholz ist die CD „Peng Peng Parker“ entstanden. Karin Betz empfiehlt sie.

Jazz-CD

Ein Glanzstück

Es gibt Dichter, die Texte auf eine Melodie schreiben, und Komponisten, die Dichtertexte vertonen. Eine Lyrikerin, die ihre Gesangsstimme in den Dienst einer anderen Lyrikerin stellt, ist dagegen unerhört selten. Kaum hat man gedacht, dass sie gar nicht noch besser und vielseitiger werden kann, diese Nora Gomringer, so wie sie dichtet, schauspielert, komponiert, filmt, säuselt und trällert und überhaupt den Mund an den richtigen Stellen aufmacht – da knöpft sie sich das Werk ihrer geistigen Ahnin Dorothy Parker vor und macht mit einem Fingerschnippen (es kann nicht länger gedauert haben, denn sie tu ja noch so viel anderes) eine Jazz-CD draus.

Das tut sie nicht allein, sondern mit einem ihrer bewährten Partner in Crime, dem Leipziger Jazzschlagzeuger Philipp Scholz. Auf Peng Peng Parker schlägt Scholz neben seinen Drums und anderem kreativen Schlagwerk überraschend auch das Piano an. Und dann kommt Stöckchen auf Hölzchen das erste von zwanzig Liedern angeritten, noch als minimalistischer Sprechgesang. Ein sehr kurzes Lied heißt es, und geht so: Einst – ich war noch jung und treu -/Blieb traurig ich und leer;/Einer brach mein Herz entzwei/Und das war wirklich schwer. Liebe ist ein Griff ins Klo./Liebe lässt uns leerer./Einst brach ich ein Herz so roh;/Das wiegt wohl noch schwerer.

Liebe ist ein Griff ins Klo? Wer so forsch Parkers Love is for unlucky folks nachdichtet ist der zu Recht mehrfach ausgezeichnete Übersetzer Ulrich Blumenbach, sozusagen der stille Dritte im Bunde von Peng Peng Parker. Vor zwei Jahren erschien seine treffsichere Übertragung von Parkers Gedichten ins Deutsche unter dem Titel Denn mein Herz ist frisch gebrochen im Dörlemann Verlag. Wie gut diese Übersetzung ist, demonstriert sie noch einmal in dieser praktischen Umsetzung in Liedform. Das zeigt sich vor allem dann, wenn Nora Gomringer mit ihrer weichen Jazzstimme immer wieder zwischen deutschem und englischem Text wechselt, ohne dass ein Bruch zu spüren oder zu hören wäre. Zum zweisprachigen Mitlesen liegt der CD ein Booklet bei. Natürlich sind Gomringer & Scholz mit diesem Programm in diesem Frühjahr auch live auf Tour.

Die New Yorker Journalistin, Dichterin, Drehbuchautorin und Salondame Dorothy Parker war eine Frau, die ihre geistige Unabhängigkeit nicht versteckte und dafür die übliche Häme erntete, vor allem weil sie wagte, über Männer so zu schreiben, wie sonst nur Männer über Frauen schrieben: „Er war in der Tat ein sehr gut aussehender junger Mann, wie geschaffen zur Belästigung.“ Die Bamberger Dichterin und brillante Performerin Nora Gomringer ist eine Frau, die in ihren Werken ebenso unabhängig und mindestens so vielseitig schafft und wagt wie Parker. Und ihren umfangreichen Kanon jetzt zusammen mit Philipp Scholz um ein Glanzstück erweitert, das Parkers Facetten (und Blumenbachs Übersetzung) funkeln lässt. Eine glückliche Fügung unter den vielen unglücklichen Fügungen, die Parker bedichtet und von denen auch auf dieser CD zu hören ist: Schwört er, seine Liebe rein,/Ist aus Erz gefügt -/Herzchen, red dir bloß nichts ein:/Einer von euch lügt.

Musikalisch bewegen sich Musik und (Sprech-) Gesang auf Peng Peng Parker irgendwo zwischen Miles Davis, Holly Cole und Patti Smith. Verblüffend erfinderisch spüren Gomringer & Scholz die Melodien auf, die Dorothy Parkers poetischem Biss entsprechen. Der Ton des Duos oszilliert wie die lyrischen Vorlagen zwischen satirischem Spott über die üblichen Männerliebeslügen wie in Social Note/Gesellschaftsnotiz und bitterzartem Liebesweh wie in Pattern/Muster. Damit erweist sich diese klingende Hommage als ebensolcher Glücksfall für das Andenken an die unangepasste New Yorkerin wie die deutsche Übertragung ihrer Gedichte. Und so wie diese Gedichte und ihre Autorin biedert auch die CD sich nicht an das Ohr des Hörers an. Der Ton ihres Humors, ihrer Zartheit, ihres Rhythmus kommt immer wieder schräg und überraschend und lässt den Zuhörer mit gestärktem Herz und gestärkten Zwerchfell zurück. Vielleicht einer der schönsten Akte von Solidarität mit alles andere als handzahmem weiblichen Liebesleid. Man möchte alle vier küssen dafür.

Hörprobe: „Peng Peng Parker“

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erstellt am 11.4.2019

Nora Gomringer / Philipp Scholz
PENG PENG PARKER
CD
inkl. Booklet mit allen Texten
Spielzeit 37 min.
Verlag Voland & Quist, Dresden 2019

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