Das Schreiben über Pop-Musik ist nicht mehr nur das Refugium von Musikjournalisten. Im Internet kann jede/r seine Gedanken über Bands, Platten und Konzerte verbreiten. Auch die Kulturwissenschaften haben Pop als Thema entdeckt. Der Journalist Manfred Prescher hat nun eine Geschichte der deutschen Pop-Musik vorgelegt. Uwe Schütte hat sie gelesen.

Buchkritik

Geschichte wird nacherzählt

Hat die Pop-Musik gesiegt? Das sieht fast so aus: Denn „keine der jetzt lebenden Generationen ist ohne Popmusik aufgewachsen“, wie Manfred Prescher in Es geht voran behauptet. Nun, ganz stimmt natürlich nicht, allein aus dem Familien- und Verwandtenkreis ließen sich einige Gegenbeispiele benennen. Menschen, für die Pop-Musik keine Rolle spielt.

Ebenso wenig trifft der Untertitel von Preschers Buch zu, der hochtrabend Die Geschichte der deutschsprachigen Popmusik annonciert. Der bestimmte Artikel verspricht mehr als das Buch liefern kann. Eine definitive Historie liefert Es geht voran nämlich keineswegs. Dafür aber sehr wohl eine durchaus interessante, stets deutlich subjektive Nacherzählung der Geschichte populärer Musik von der Nazizeit bis zum letztjährigen Skandal um die „Echo“-Preisverleihung.

Mit der Pop-Musik ist ja so eine Sache: neutral darüber zu schreiben ist eigentlich unmöglich, denn wer die Sachkenntnis besitzt, tut dies ja nur, weil er selber ein Musikfan mit bestimmten Präferenzen ist. Außerdem unterscheidet sich die Pop-Musik von der Klassik oder dem Jazz gerade dadurch, dass sie sich mit dem Hörer sehr früh schon auf recht vielschichtige und tiefreichende Weise verzahnt bei dem, was unser ureigenstes zu sein scheint: unsere Identität, kodiert in Mode, Sprache, Frisur und Geschmacksdingen aller Art.

Wer als Musikjournalist, so wie Prescher in Es geht voran, über die rund 70 Jahre Pop-Musik in Deutschland schreibt, wird dies zwangsläufig als Nachvollzug der eigenen Hörsozialisation tun. Prescher macht auch gar kein Geheimnis darum, etwa bei Udo Lindenberg: „Die Schilderung einer Pubertät mit den Liedern Udo Lindenbergs in den 1970er Jahren vermag den Nachgeborenen am ehesten zu verdeutlichen, was daran seinerzeit so bahnbrechend war.“ Und in der Tat gelingt ihm das Besondere Lindenbergs einem davon nicht affizierten Leser wie dem Rezensenten zu vermitteln.

Konfuse Ehrenrettung

Ähnlich spürbar ist der aus offenkundigem Fantum resultierende Enthusiasmus von Prescher auch beim Kapitel zu Konstatin Wecker wie bei seinem glühenden Plädoyer für den Schlager, das sich an ein Kapitel zu Udo Jürgens anschließt. Beide Abschnitte vermögen jedoch kaum zu überzeugen, selbst wenn man dem Interpreten wie dem Genre wohlwollend gegenübersteht: An Jürgens sind doch nicht die ausführlichen Schilderungen Preschers zu dessen Maskulinität und Sexualgebaren das Entscheidende, während die versuchte Ehrenrettung des Schlagers reichlich konfus daherkommt, dem Liebhaber nichts Neues bietet und keinen Zweifler überzeugen wird.

Inspirierende Ideen und erstaunliche Einsichten hätte Prescher beispielsweise in den Schriften des aus Peru stammenden Ethnomusikologen Julio Mendívil gefunden, der den deutschen Schlager mit der wissenschaftlichen Distanz eines Ethnologen erforscht und beschrieben hat. Auch für das Kapitel zu Rammstein oder die Hamburger Schule wäre es sicher hilfreich für Prescher gewesen, einmal nachzuschauen, was Kulturwissenschaftler, Germanisten und Popularmusikologen zum Thema Pop-Musik aus akademischer Perspektive zu sagen haben.

Nicht zuletzt, da Es geht voran im Verlagsverbund der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen ist, wirkt es doch etwas merkwürdig, dass sich Prescher allein auf journalistische Quellen verlässt, die er dann auch noch oft in überlangen Zitaten wiedergibt. Stören auf die Dauer vermag ebenso die ‚lockere Schreibe‘ von Prescher, die wohl dem populärkulturellen Thema entsprechen und zielgruppengerecht sein soll. Tatsächlich aber wird dadurch die konservative Abwertung befestigt, die in der Pop-Musik nur Trivialkultur und Massenmarktkommerz sieht, ohne deren subversive und emanzipierende Potentiale zu erkennen, die ihren kulturellen Wert begründen, von den ästhetischen Qualitäten innovativer Pop-Musik ganz zu schweigen.

Wer sich nämlich insbesondere für dieses Segment der Pop-Musik interessiert, wird von Es geht voran nicht weniger getäuscht als der von Adorno typisierte Konsument der Kulturindustrie, der glaubt sich die ‚neueste heiße Scheiße‘ zu kaufen, in Wirklichkeit aber einer Mogelpackung aufsitzt: Der Titel des Buches bezieht sich auf die 1982er Hitsingle der Fehlfarben „Ein Jahr (Es geht voran)“, die mit dem gerade für die deutsche Pop-Musik der 1980er typischen Stilmittel der subversiven Überidentifikation operierte.

Entstelltes Zitat

Der Fehlfarben-Refrain „Keine Atempause. Geschichte wird gemacht. Es geht voran.“ war eine strikt ironisch intendierte Zeitkritik in der Ära von Rüstungswettlauf, Präsidentschaft von Reagan und anbrechendem Neoliberalismus. Das aber scheint Prescher nicht zu wissen. Zumindest geht er nicht darauf ein und nutzt das somit entstellte Zitat nochmals am Ende des Buches, in dem er – etwas zu blauäugig für meinen Geschmack – dem Leser versichert: „Denn es geht voran. Unweigerlich. Mit guter Musik.“

Die stilisiert dargestellten ‚Coverstars‘ des Buches wiederum sind Kraftwerk, wobei auch die Farbgebung das ikonische rot-schwarz-weiße Design von deren programmatischem Album Die Mensch-Maschine (1978) kopiert. Ausgerechnet Kraftwerk als paradigmatische Repräsentanten der deutschen Pop-Musik zu wählen ist in vieler Hinsicht stimmig und sinnig, nicht zuletzt da die Düsseldorfer Pioniere elektronischer Musik zum einen höchst produktiv aus dem Fundus der deutschen (Kultur-)Geschichte (Gesamtkunstwerk, Bauhaus, Autobahn etc.) schöpften, als auch international als bedeutendste deutsche Band in künstlerischer Hinsicht gelten.

Umso unbegreiflicher aber ist angesichts dessen, was dem Käufer von Titel, Untertitel und Umschlagdesign versprochen wird, der beschämende Inhalt der nicht einmal acht Buchseiten des Kapitels „Es geht voran – Neue Deutsche Intelligenz“, in dem Kraftwerk, Fehlfarben, DAF und Einstürzende Neubauten überfliegerhaft verhandelt werden: Die künstlerisch wichtigsten und international einflussreichsten Musikgruppen Deutschlands werden darin – mitsamt weiterer ästhetisch wie konzeptuell herausragender Bands wie Palais Schaumburg oder Der Plan – summarisch gestreift auf eine derart platte Weise, dass nicht einmal die Kernpunkte von deren Verdiensten erfasst wird.

Überdeutlich zeigt sich an dieser Fehlleistung die grundlegende Problematik von Es geht voran: Die Bands scheinen nicht Preschers Geschmack zu treffen, daher konzentriert er sich lieber auf Themen und Musiker die ihm näher liegen, wie beispielsweise die Dialektlieder aus der bayerischen Provinz, die modernen Chansons von Reinhard Mey und Sven Regener oder den künstlerisch belanglosen Fun Punk von Die Toten Hosen und Die Ärzte. Gerade aber aufgrund der individuellen Präferenzen des Autors wie seinem Prinzip, just auf jene Bereiche der deutschsprachigen Pop-Musik zu verweisen, die im akademischen Diskurs aufgrund eines gewissen Snobismus der Poppromovierten nie oder kaum vorkommen, kann Es geht voran durchaus als Lektüre empfohlen werden.

Bemerkenswerte Österreicher

Prescher nämlich hat beispielsweise keinerlei Scheu, im Kapitel „Ein bisschen Spaß muss sein“ auf die popkulturelle Bedeutung von Insterburg & Co, Otto Waalkes und der Ersten Allgemeinen Verunsicherung hinzuweisen. Letzte Gruppe ist auch keineswegs die einzige österreichische Band, die im Buch vorkommt; vielmehr rückt Prescher – neben einem sehr lesenswerten Kapitel über die Pop-Musik der DDR und einem ausführlichen Hinweis auf den Schweizer Liedermacher Faber – auch den Austropop in den Fokus, ebenso wie viele bemerkenswerte österreichische Musiker und Bands, die in Deutschland oftmals unbekannt sein dürften.

Nicht nur Ambros, Falco und Wanda also kommen in Es geht voran vor, ebenso stellt Prescher verdienstvoller Weise etwa das Erste Wiener Heimorgelorchester, Voodoo Jürgens, Willi Resitarits oder Wiener Blond vor (obgleich er andererseits etwa Hans Platzgumer oder Ja, Panik ignoriert).

Lesenswert sind auch seine Ausführungen zu den auf der Burg Waldeck in den 1960ern veranstalteten Liederfestivals zu Beginn und das Kapitel „Liedermacher oder neue Schlagerhelden?“ gegen Ende des Buches, in dem Prescher anhand der Exempel Mark Forster, Tim Bendzko und Gisbert zu Knyphausen der Frage nachgeht, inwieweit sich die traditionellen Grenzziehungen zwischen Liedermacher, Schlagersänger und Singer-Songwriter mittlerweile aufgelöst haben.

Den Abschluss von Es geht voran bildet dann ein insbesondere auf den „Echo“-Skandal von 2018 eingehender Ausblick, der die Problematik der kalkulierten Provokation durch den Deutsch-Rap, in dem sich Diskurse aus unterprivilegierten Minderheitenmilieus mit den kommerziellen Interessen der Rap-Stars und ihrer Plattenfirmen verbinden auf zunächst leicht durchschaubare Weise verknüpfen, sich aber zugleich eine ganze Reihe komplexer Nebenergebnisse zeitigt, wie beispielsweise die Begeisterung des Hochfeuilletons für die zweifelhaften Werke des Gangstarappers Haftbefehl.

Was Prescher zu all dem zu sagen hat, ist erneut reichlich unterkomplex. So endet ein Buch, das von vielen Schwächen wie Stärken geprägt ist. Es wird manche begeisterte Leser, als auch einige enttäuschte Käufer finden. Aber diese just diese Spaltung hat ja viel mit dem Pop als geschmackliches Trennungs- und soziales Disktinktionsmerkmal zu tun.

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erstellt am 04.4.2019

Manfred Prescher
Es geht voran
Die Geschichte der deutschsprachigen Popmusik
248 Seiten
ISBN: 978-3-8062-3776-4
wbg Theiss, Darmstadt 2018

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