Der Choreograf und frühere Tänzer Jacopo Godani ist das Gesicht der Dresden Frankfurt Dance Company. Seit der Spielzeit 2015/2016 ist er deren Direktor und künstlerischer Leiter. Walter H. Krämer stellt Godani vor und blickt auf seine Arbeitsweise.

Tanz

Das Ein-Mann-Orchester

Ein Vormittag im Bockenheimer Depot in Frankfurt. Die Tänzer*innen wärmen sich auf. Proben für die nächste Premiere stehen an. Jacopo Godani, energisch, kraftvoll und immer voller Ideen, spricht mit mir über seine neuste Arbeit, die ersten vier Spielzeiten, das Ankommen in einer Stadt, über gewachsene Zuschauerzahlen. Später bei der intensiven Probenarbeit sieht man ihn voll konzentriert. Er beobachtet genau, stimmt zu, korrigiert. Wenn er es für nötig hält, tanzt er selbst vor. Eine insgesamt entspannte und lockere Arbeitsatmosphäre.

Sein Elan und seine Begeisterung für den Tanz und seine Company sind auch nach vier Spielzeiten geblieben. Gut für den Tanz. Gut für die Company. Gut für die beiden Städte Frankfurt und Dresden.

Ich erinnere noch gut die erste Pressekonferenz des neu gekürten Direktors im März 2015. Jacopo Godani war da schon kein Unbekannter mehr. Hatte er doch jahrelang (1991-2000) als Solist bei William Forsythe im Ballett Frankfurt getanzt. Spätestens seit 1998 war er mit eigenen Choreografien – manchmal bis zu 6 Stück im Jahr – erfolgreich unterwegs und arbeitete mit verschiedenen Ensembles an vielen Orten.

Für die Auswahl der Tänzerinnen und Tänzer, die künftig der Dresden Frankfurt Dance Company angehören sollten, hatte sich Jacopo Godani zusammen mit Luisa Sancho Escanero, seiner Repräsentantin und künstlerischen Koordinatorin, viel Zeit genommen. Durch Gespräche und mittels Videoaufzeichnungen wurde mit etwa 800 Tänzer und Tänzerinnen aus aller Welt Kontakt aufgenommen und letztlich noch zwei Auditions – eine in Frankfurt und eine in New York – durchgeführt. Danach waren diejenigen gefunden, die – so der Anforderungskatalog des Choreografen – „auf hohem tänzerischen Niveau und Können bereit waren, sich den Herausforderungen zu stellen und die Verantwortung mit zu tragen, die ein solcher Neuanfang, an den seitens der Zuschauer*innen und der Verantwortlichen beider Städte hohe Erwartungen geknüpft waren, mit sich bringt.“

Choreografie, Bühne, Licht und Kostüme

Etliche der Tänzer*innen der ersten Spielzeit sind nicht mehr dabei. Neue sind hinzugekommen. Das sei normal und so völlig in Ordnung, sagt Jacopo Godani. Und er sucht heute anders: die Tänzer*innen haben die Möglichkeit, an Proben teilzunehmen, mehrere Tage, Wochen mit der Company zu arbeiten. Eine – wie er nach vielen Erfahrungen weiß – für ihn bessere Art, die passenden Mitglieder zu finden und vor allem für alle Beteiligten weniger stressig.

„Produkte auf der Bühne müssen spannend und aufregend sein für die Leute im Zuschauerraum“ sagt der Choreograf. Um das zu erreichen, arbeitet er bisher lieber alleine. Der frühere Tänzer Godani bezeichnet sich daher gerne als „Ein-Mann-Orchester“ und zeichnet neben der Choreografie auch für die Bühne, das Licht und die Kostüme verantwortlich. Als sein eigener Lichtdesigner arbeitet er mit starkem Lichteinsatz. Licht sei für ihn ein wichtiges Medium und bedeutsam für die Dramaturgie eines Stückes: „Szenen werden so unterscheidbar und es können starke Effekte gesetzt werden.“

Bei der Musik vertraut er bisher fast ausschließlich auf Ulrich Müller und Siegfried Rössert und deren Kompositionsgruppe 48nord. Dafür spreche, „dass man eine gemeinsame Sprache entwickelt habe, sich untereinander gut versteht. Sie bereits wissen, was er für seine Choreografien brauche. Die beiden Musiker seien offen und gleichzeitig sehr strukturiert in ihrer Arbeit. Außerdem gefalle ihm ihre Mischung aus klassischer Komposition und elektronischer Recherche von Klängen.“

Neue Tänzer*innen für die Company brauchen – so Jacopo Godani – vor allem anderen „einen offenen Kopf“ oder anders formuliert „einen wachen Geist.“

Ideen, Kreativität und Körper

Für ihn bedeutet Teil einer Company zu sein, eine Entscheidung zu treffen. Es gehe nicht mehr um Lernen. In erster Linie gehe es darum, „sich zu fragen, ob ich etwas zu dieser Arbeit und diesem Arbeitsumfeld beitragen kann. Ob ich bereit bin, Teil dieses futuristischen Konzepts zu werden. Meine Ideen, meine Kreativität und natürlich meinen Körper einzubringen.“

Bei der Dresden Frankfurt Dance Company wird auch auf Spitze getanzt. „Spitzentanz ist ein Mittel, dessen Funktionalität bei weitem noch nicht erschöpft ist und noch viele Entwicklungsmöglichkeiten in sich birgt“, ist Jacopo Godani überzeugt. Auch Monster Plateau Schuhe sind gefragt. Beides versteht der Choreograf als eine Art Prothese, mit denen man Dinge und Bewegungen machen kann, die barfuß gar nicht denkbar sind. Bei angesagten komplizierten körperlichen Bewegungen bringen diese Schuhe einfach mehr.

„Tanz bedeutet in erster Linie tanzen für mich. Konzepttanz ist entschieden nicht meine Sache!“ sagt er von sich. Und das sieht man sein bisherigen Choreografien auch an. In erster Linie geht es hier um Bewegungen, die alles und nichts bedeuten können und für die er immer besondere Räume gestaltet, auf Lichteffekte setzt und Materialien einsetzt – seien es Masken, Metalltüren, Leuchtröhren oder Plastikplanen.

Der Choreograf Godani verzichtet dabei bewusst auf eine inhaltliche Botschaft und konzentriert sich in seinen Arbeiten ganz auf den Tanz. Hierbei geht es ihm auch darum, die Grenzen der menschlichen Natur zu überwinden, sich frei zu machen von eingeübten Bewegungsfolgen und Mustern. Das Potenzial des eigenen Körpers soll erfahren und tänzerisch ausgeschöpft werden. Indem er seine Tänzer und Tänzerinnen immer wieder dazu bringe, „ihre Grenzen auszuloten und zu verinnerlichen“, erführen sie zugleich, „dass es Dinge gibt, die man nicht lernen kann, sondern die man durch Ausprobieren erfahren muss!“ Die einzelnen Tänzer*innen sollen zum Wesenskern des Tanzes vordringen. Frei von unnötigem, vergeistigtem Zierrat. Dabei ist der Tanz oft heftig und gewaltig, voller Dynamik, die nicht nur dem Publikum den Atem raubt

Kopperationen, Kontakt und Workshops

Kooperationspartner aus unterschiedlichen Wissensgebieten sind interessant und bereichern die Company. Mit der Senckenberg Gesellschaft in Frankfurt hatte Godani Partner gefunden, mit denen zusammen er den künstlerischen Ansatz beim Tanz durch einen wissenschaftlichen Blick auf Natur und Mensch erweitern konnte. Es sei ihm wichtig, sich immer mehr und besser in der Stadt zu verankern, an vielen Orten öffentlich präsent zu sein, kulturelle Aktivitäten in und für die Stadt zu entwickeln.

Er und seine Company sollen Teil des städtischen Umfeldes werden. Immer wieder sucht er den Kontakt mit den Zuschauer*innen und der Bevölkerung – beispielsweise durch Tanzworkshops für Laien, in denen man seine Arbeitsweise kennenlernen kann. Und – auch das ein Herzenswunsch des Choreografen Jacopo Godani – perspektivisch wünscht er sich eine größere Company – 25 Tänzer*innen sollten es schon sein.

Die Dresden Frankfurt Dance Company ist schon jetzt eine Erfolgsgeschichte – dank Jacopo Godani, seiner Mitarbeiter*innen und vor allem auch dank der virtuos auftretenden Tänzer*innen der Company. Tanz auf höchstem Niveau – wie Kritiker*innen bestätigen. und vom Publikum begeistert gefeiert wird: „Die Zuschauerzahlen haben sich seit 2015 enorm gesteigert und die Nachfrage nach Karten ist groß. Die Company ist gefragt – auch auf Festivals und in anderen Städten im In- und Ausland“.

Es gilt, so der Choreograph, bei 48 Shows in Dresden und Frankfurt und insgesamt drei neuen Produktionen pro Jahr, die künstlerische Linie weiter zu entwickeln und das Niveau zu halten – wenn möglich noch zu steigern. Hinzu kommen noch Gastspiele und die Teilnahme an verschiedenen städtischen Aktivitäten mit Eventcharakter. Ein volles Programm für Godani und die Dresden Frankfurt Dance Company also.

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erstellt am 04.4.2019

Jacopo Godani, Foto: Rahi Rezvani
Jacopo Godani, Foto: Rahi Rezvani
Weitere Informationen und Termine

Dresden Frankfurt Dance Company

Der Name der Company ist Ausdruck und Anerkennung für die Kooperationsvereinbarung, dem die Städte Frankfurt am Main und Dresden sowie der Freistaat Sachsen und das Land Hessen zugestimmt haben, um den Erhalt der Gruppe zu sichern und deren Arbeit möglich zu machen. Derzeit ist die Arbeit der Company bis Ende 2021 gesichert. (Walter H. Krämer)