Fiston Mwanza Mujila, geboren 1981, ist ein kongolesischer, französischsprachiger Schriftsteller, der in Graz lebt. Er wollte ursprünglich Musiker werden. Weil es aber dort, wo er wohnte, keine Musikschule gab, improvisierte er mit der Sprache. Nun hat er sein erstes deutschsprachiges Theaterstück geschrieben. Im Wiener Akademietheater wurde es aufgeführt, und Elvira M. Gross hat es gesehen.

Theater

Verpuffte Hoffnung

Fiston Mwanza Mujilas Zu der Zeit der Königinmutter

Nächtliche Stunde, die mir vergeht / da ich’s ersinne, bedenke und wende /und diese Nacht geht schon zu Ende. / Draußen ein Vogel sagt: es ist Tag. (Karl Kraus)

Es sind Illusionen und Anekdoten, aus denen eine Bar besteht, gemischt mit jener Präsenz von Einmaligkeit, die nicht müde wird, Schönheit als nächtliche Vergänglichkeit zu inszenieren. Es ist ein Cocktail aus allem, was einmal war und sein könnte, der dem Gast kredenzt wird. Und eines Tages, eines bittren Tages, bleibt womöglich davon nichts als der Geschmack von abgestandenem Bier, abgestandenem Leben, ein Ringelspiel um die eigene Achse, weil die andern, Gäste aus den exotischsten Ländern der Welt, sich längst verabschiedet haben.
Wortlos verpuffte Hoffnungen.

Umso wortreicher trauert ihnen nach, wer die goldenen Zeiten erlebt. Die goldenen Zeiten, das waren hier jene der Königinmutter, der „kleinen Gertraud“, Grande Dame der käuflichen Liebe, der großen Herzdame, die überall gewesen, gar manches erlebt, alles gegeben. Ihr Lächeln, das sie bis in den Tod behielt gleich einer Insigne, war Waffe ihres weiblichen Selbstverständnisses. Jetzt ruht es wie eine unsichtbare Reliquie in der sogenannten New-Jersey-Bar, in der man raucht, noch raucht, immer noch raucht, sich fortraucht, und mit dieser Geste beschwört, nachgezeichnet, was einmal war.
Bar der Welt, bar jeder Zeit.
In dieses Wortgeflecht verwoben sind zwei Erzählungen, das Märchen vom menschenmordenden Schlangenmann und vom unfolgsamen Sohn aus Lehm, die wie unerhörte Melodien aus dem Jazz der Sprache Fiston Mwanza Mujilas herausfunkeln.

Szenenfoto © Elisabeth Gruber/Burgtheater
Gertraud Jesserer © Elisabeth Gruber/Burgtheater
Szenenfoto © Elisabeth Gruber/Burgtheater
Mirco Kreibich © Elisabeth Gruber/Burgtheater

„Worte besitzen keinen Wert, wenn sie nicht in den Zustand der Existenz gebracht werden“, lässt Mwanza Mujila einen zufällig an der versifften Bar vorbeikommenden Schönling (Mirco Kreibich) behaupten. Oder auch, dass es „eine Kunst [sei], Wörter in Bewegung zu bringen, ihnen Inhalt zu geben, ihnen Leben und Atem einzuflüstern, ihnen ihre Verantwortung bewusstzumachen, sie süß oder salzig zu machen“. Sätze, die klingen mögen, aber in ihrer literarischen Aussagekraft fragwürdig bleiben. Der Wirkraum der Musik ist ein nichtsprachlicher, Worte existieren, sie sind unentwegt auch unbewegt vorhanden, dienen oftmals der Illusion, haben aber nicht wie die Kunst einen zu bestimmenden Wert, zum Glück. Auch Töne sind für sich betrachtet wertlos. Die Verantwortung liegt im Wittgensteinschen Sinne ganz im Gebrauch, nicht im Wort an sich. Worte, wohl sind sie kleine Paradiesvögel, sie fliegen: Manchmal auch nicht.
Und auf die Frage: „Wer von euch hat schon einmal ein Wort geöffnet, so wie man eine Dose aufklappt?“ kann ich nur sagen: Ich koche gerne, aber nein, das ist mir noch nicht gelungen, weder habe ich Worte geöffnet noch geschält oder angebraten.

Foto: Hps-poll [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]
Fiston Mwanza Mujila

Zu der Zeit der Königinmutter ist das erste von Fiston Mwanza Mujila auf Deutsch geschriebene Stück. Dem aus Lumbashi in der Demokratischen Republik Kongo stammenden und derzeit in Graz lebenden Autor, Sohn eines Buchhändlers, der sich staunenswerterweise „bereits im Alter von 16 Jahren … einmal um die ganze Welt gelesen“ hat, wie es im Programmheft des Burgtheaters (in Zusammenstellung von Fanziska Eisele) heißt, geht es beim Schreiben nicht so sehr um die Handlung als um „Rhythmus, Sprache und Emotion“. Mwanza Mujila wollte ursprünglich Saxophonist werden, da es aber keine Musikschule gab, „machte er stattdessen die Sprache zu seinem Instrument“, „dekonstruierte“ sie und „spielte mit ihr wie ein Jazzmusiker“, weshalb seine Texte „eher zum Sprechen und Hören als zum Lesen gedacht“ seien. – Gut, vielleicht habe ich zu sehr gelesen beim Zusehen, allerdings scheint hier eine gewisse Legendenbildung biographisch doch angelegt.

Die legendäre, mittlerweile heruntergekommene New-Jersey-Bar, wo immer sie sich befinden mag, in Amerika, Asien, Afrika, Europa, gar in Österreich?, in der sich die immergleichen Typen versammeln, in der noch Jazz gespielt wird, live, in der der Jazz die Sätze zusammenhält, verstärkt oder verklärt, kann als existentielle Untergangsmetapher gelesen werden, als Streifzug durch die Literaturgeschichten, durch das Erzählen. Il était une fois … Es war einmal … Once upon a time in the west. Wo Resthoffnung, Restwürde, immerhin vergeht die Schönheit nicht ganz, in der Erinnerung erstrahlen, wo einem Bären aufgebunden werden, die aber nur stumm am Rande des Geschehens sitzen, bis der letzte Ton, der letzte Shot versiegt.

In Philipp Hauß’ Inszenierung im Akademietheater ist die New-Jersey-Bar auf der abgesehen von riesigen Boxen und bunten Vorhängen leeren Bühne (Ausstattung: Katrin Brack) wie ihre Legende eine Behauptung. Gertraud Jesserer, einzige Frau unter den Darstellern, ist mit zweimaligem Monolog zu Anfang und Ende vielleicht die Königinmutter selbst, jedenfalls fällt sie allein schon ihrer herben Raunigkeit wegen aus Zeit und „Handlung“. Sven Dolinski und Simon Jensen staksen schwatzend als abgetakelte Tänzerinnen in fummelhaften Frauenkleidern herum, der Soloerzähler Mirco Kreibich tritt in weißem Hemd und schwarzer Hose wie ein Clark Gable 2.0 auf, performt mit Lehm, tritt wieder zurück. Jimmy, der „Chef“, eigentlich von Markus Hering, diesmal krankheitshalber von Regisseur Philipp Hauß selbst gemimt, trägt einen ausladenden Schaumstoffwanst unter enganliegendem Sportshirt und hellblauen Hosen. Die drei Musiker, ein Saxophonist (Patrick Dunst), ein Schlagzeuger (Christian Pollheimer) und eine Gitarristin (Elena Toderova) bringen eine gewisse Bewegung auf die Bühne, ebenso die bunten Stoffbahnen, die auf- und zugezogen werden. Komparse Manuel Niederkofler sitzt als Bär verloren herum – vielleicht ein Platzhalter für eine neue Büchse der Bedeutungen.

Was hier in Ansätzen anklingt, Vergänglichkeit, das unbehauste Nachtleben, in Rauch aufgelöste Schönheit, trägt gedanklich fort, doch schon im nächsten Moment fängt es an zu tagen.

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erstellt am 31.3.2019

Szenenfoto © Elisabeth Gruber/Burgtheater

Elena Todorova, Patrick Dunst, Markus Hering, Mirco Kreibich, Christian Pollheimer
© Elisabeth Gruber/Burgtheater

Theater

Zu der Zeit der Königinmutter
von Fiston Mwanza Mujila

Regie: Philipp Hauß
Bühne und Kostüme: Katrin Brack
Musikalische Leitung: Patrick Dunst

Mit: Sven Dolinski, Markus Hering, Simon Jensen, Gertraud Jesserer, Mirco Kreibich

Nächste Vorstellungen im Akademietheater: 6. 4. und 17.4.2019

Akademietheater Wien