Artur Becker
© Emanuela Danielewicz

In seinem neuen Roman „Drang nach Osten“ hat Artur Becker Geschichte, Erleben und Erfahrung zwischen Gut und Böse aufgesucht. In einem Auszug aus dem Buch kommt ein deutscher Pastor in die Verlegenheit, einer jungen Polin das Böse erklären zu müssen. Angesichts der Kriegsgräuel ist die Glaubenswahrheit mit dem gefallenen Engel ein schwaches Argument…

Romanauszug

Artur Becker: Drang nach Osten

In den Wäldern würden Menschenfresser hausen, behauptete Renatas Mann, er habe sie während seiner beiden Entführungen durch die Partisanen gesehen; wie Parasiten würden sie von Dorf zu Dorf ziehen und Opfer suchen und verschleppen, um sie in ihren Waldverstecken zu töten und zu verspeisen. Renata glaubte ihrem Mann kein Wort. Sie wusste, dass er einen sonderbaren Humor hatte, dass er unberechenbar war ‒ der Krieg und die Prügel im Dritten Reich erklärten wohl einiges, die Veränderungen in Ryszards Gehirn und Verhalten waren das Ergebnis dieser unmenschlichen Folter. Aber ein wenig Angst hatte Renata trotzdem, wenn er solche Geschichten erzählte, zumal sie selbst auf viele Leichen von Zivilisten und Soldaten am Straßenrand oder im Wald gestoßen war und gelegentlich immer noch stieß.
Der deutsche Pastor empfing die junge Frau des Dorflehrers mit einem freudigen Gesicht, was die Besucherin wunderte, war er doch meistens betrübt und fast schon weinerlich. Er sagte gleich an der Tür: »Du verstehst doch meine Sprache, und mein Polnisch ist so schlecht … Aber ich habe gute Nachrichten: Ihr werdet bald … erlöst werden, die katholische Kirche schickt euch einen Priester aus ihren eigenen Reihen, einen Landsmann von euch. Was aus mir wird, kann ich allerdings nicht sagen. Vielleicht muss ich nach Deutschland ausreisen. Eigentlich wollte ich meine Landsleute nicht im Stich lassen. Aber was führt dich zu mir, Frau Renata?«
»Verabredung und Frage«, sagte sie und übergab ihm das Geschenk.
Der Pastor bedankte sich für den Fisch, den er erst am Abend verzehren würde, er wolle den Hecht dann mit seiner Tante aus Königsberg teilen, dem einzigen Menschen, der ihm aus seiner Verwandtschaft und Familie übrig geblieben sei ‒ alle anderen seien im Krieg umgekommen, hier in Ostpreußen oder in Dresden, wohin es viele Flüchtlinge verschlagen habe. Dresden sei eine Falle der Alliierten gewesen, und es hätte sicher weniger Opfer gegeben, wenn die Leute in Ostpreußen geblieben wären.
Renata war es manchmal müde, all die Klagen der Deutschen zu hören. Irgendwann konnte einem schon der Kragen platzen, zumal die Polen im Dorf sich nicht über ihr Schicksal beschwerten, obwohl sie allen Grund dafür hatten. Warschau existierte nicht mehr, die Hauptstadt war dem Erdboden gleichgemacht worden, zumindest nach den Beschreibungen von Überlebenden, und in den Konzentrationslagern sowie in den Städten, Dörfern und Wäldern und auf offenen Feldern seien nicht nur polnische Juden hingerichtet worden, so Ryszard, sondern genauso viele polnische Christen, man müsse daher von Millionen Toten insgesamt sprechen, und all die Zerstörungen und Menschenverluste könne selbst so eine Kriegsbeute wie das ehemalige Ostpreußen nicht ersetzen.
»Verzeih, meine Tochter! Wir waren verabredet, stimmt. Wie geht es dem deutschen Mädchen? Besser?«
»Gut«, antwortete Renata und betrat den geräumigen Flur mit dem Treppenhaus. Der Boden war wie ein Schachbrett gefliest, die Atmosphäre düster, und Jesus Christus, der überall anzutreffen war ‒ am Kreuz oder auf üppigen Gemälden ‒, erschien Renata müde und traurig (und irgendwie passend zu den Fragen, die sie seit dem Eingriff durch den Quacksalber quälten).
Sie setzte sich auf den ihr vom Pastor zugewiesenen Platz in seinem Empfangszimmer.
»Vater«, begann sie, »ein Problem mit mein Herz hier und in Kopf: Warum ist Böse so groß in Welt? Bitte die Antwort! Obwohl Christus ist da!«
Der Pastor ging in seinem Zimmer auf und ab, schweigend und leicht gebückt, als suchte er etwas auf dem Fußboden. Schließlich setzte er sich an seinen Schreibtisch und sah Renata direkt ins Gesicht. Er begann mit seiner Antwort noch ein wenig zögerlich, und er sprach langsam und mit Bedacht. Renata verstand nicht alles, und manche Geschichten, die ihr der Pastor kurz erzählte, hatte sie selbst erlebt, manches kam ihr sogar so vertraut und doch unglaublich vor, dass sie dachte, der alte Mann habe ihr in den Kriegsjahren jeden Tag zugeschaut, während sie versucht hatte zu überleben, das Ende des Krieges möglichst unverletzt zu erreichen, um anschließend ihren Geliebten zu heiraten und nach Hause zu ihrem Sohn zurückzukehren.
»… und ich habe Soldaten gesehen«, erzählte der Pastor, »denen der Kopf abgeschossen wurde und deren enthauptete Leiber immer noch ein paar Meter liefen, geköpften Hühnern ähnlich, bevor sie endgültig tot umfallen. Ich habe gesehen, wie Frauen und Kinder bei lebendigem Leib verbrannten, wie Kleinkinder brennend in den Himmel schossen und als schwarze Bälle aus Asche wieder auf die Erde fielen. Und die Russen brachten mich schließlich nach Stutthof ‒ zur Besichtigung des KZs ‒, wo ich dann das Elend unserer Zeit und unsere Verbrechen sehen sollte, und ich habe alles gesehen. Und trotzdem kann ich dir nicht erklären, woher das Böse in uns kommt: Es liegt wohl daran, dass ich auch oft Schönes, Erhabenes, Großes gesehen habe, das das Böse überschattet, ausgeblendet und sogar ausgeschaltet hat. In Königsberg und in Allenstein und selbst in unserem kleinen Bartenstein, woher ich komme, gab es einmal wunderbare Bibliotheken und Schlösser ‒ es gab Schuster und Bäcker, Schneider und Krämer, Kirchen und Synagogen, und all die prächtigen Gebäude, all die lebendigen Menschen hatten mir Hoffnung gemacht, dass wir nichts Falsches tun, dass uns eine Zukunft voller Siege und Errungenschaften bevorstand. Selbst ich habe für unser Pfarrhaus eine Waschmaschine von Miele gekauft! Aber dann ereilte uns der Krieg. Und ab und zu hörte man tragische Geschichten über schlimme Verbrechen und Verluste ‒ die Unkenrufe, wenn unsere Söhne, Onkel und Väter von der Front in den Heimaturlaub kamen oder als Krüppel nach Hause zurückkehrten, doch wir wollten ihnen nicht zuhören, weil wir alle an den Endsieg geglaubt haben: an den Endsieg! Allerdings: Was soll man schon sagen, wenn selbst unser Herr von Stauffenberg, unser Landsmann und Held, es nicht geschafft hat, den Führer zu töten! Wenn ihm allerdings das Attentat gelungen wäre, hätte er sicherlich dafür gestimmt, den Krieg fortzusetzen, weil er ein stolzer Patriot war und euch Polen als minderwertige Wesen angesehen hat – genauso wie die Russen. Abschaum waren sie alle für ihn gewesen, Abschaum einer niederen Rasse. Aber das Böse in uns ist trotzdem unerklärlich, zumal wir keine Kraft und auch keine Begabung haben, um es richtig zu bekämpfen, da es immer wieder zurückkehrt: Unsere einzige Waffe, die uns geschenkt wurde, ist Christus ‒ die Liebe also –, wobei selbst der Gottessohn am Kreuz hängen musste! Satan, der gefallene Engel, ist in seinem Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit vom Schöpfer so listig, dass er es immer wieder schafft, uns zu verführen, zu verblenden … Christus wird deshalb bis in alle Ewigkeit am Kreuz hängen und jeden Tag von Neuem für uns leiden und sterben und auferstehen müssen, um wieder gekreuzigt zu werden ‒ zumindest solange wir leben und sündigen … Verstehst du, Renata, meine Tochter?«
Er war jetzt müde und sank in seinem Sessel tiefer ein, wurde kleiner und schwieg.
»Sie glauben nicht an Gott?«
»Ich flehe Sie an, Renata, lassen Sie bitte Gott aus dem Spiel. Ich habe von unseren irdischen Angelegenheiten gesprochen. Der Himmel braucht keine Erlösung.«
»Was heißt Wort ›Spiel‹ und ›Angelegenheiten‹?«
»Gehen Sie, bitte, lassen Sie mich jetzt allein. Ich habe alles gesagt.«
»Nein. Nicht alles.«
Er schaute Renata in die Augen und schien über etwas Wichtiges nachzudenken; er sagte: »Ich muss mich für meine Landsleute entschuldigen: Sie stehlen Kartoffeln von Ihrem Hof.«
»Wir erlauben das«, sagte Renata, die diese kleinen Diebstähle selbstverständlich bemerkt hatte; sie meldete die Verluste ihrem Landgutsverwalter nicht, da sie wusste, dass manche Familien ‒ insbesondere die deutschen ‒ hungerten und auf Almosen und auf solche regelmäßigen Kleindiebstähle angewiesen waren, weil sie sonst nicht überleben würden.

Aus: Artur Becker: Drang nach Osten © weissbooks.w, Frankfurt am Main 2019
Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Verlags weissbooks.w

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erstellt am 29.3.2019

Artur Becker
Drang nach Osten
Roman
Gebunden, 394 Seiten
ISBN 978-3-86337-119-7
Weissbooks.w, Frankfurt am Main 2019

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