Wer sich für den deutschen Film interessiert, kennt die Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Sie gehört zu den renommiertesten deutschen Ausbildungsstätten für Berufe, die mit Film zu tun haben. Viele von den bekannten Filmkünstlern der vergangenen Jahrzehnte haben dort studiert. Aber wer kennt noch Konrad Wolf, nach dem die Filmuniversität benannt ist? Er war der Sohn des Arztes und Dramatikers Friedrich Wolf und der Bruder von Markus Wolf, dem Chef des Auslandsgeheimdienstes der DDR. Mit Christa Wolf war er nicht verwandt. Als Filmregisseur erntete er schon bald Anerkennung, nicht nur in der DDR, wo er lebte und arbeitete, sondern auch im Westen. Zusammen mit Wolfgang Staudte und Helmut Käutner, die um eine halbe Generation älter waren und ihre Karriere bereits im Dritten Reich begonnen hatten, verhalf der dem deutschen Film nach den Jahren des Nationalsozialismus zu internationalem Ansehen. Jetzt sind alle Spielfilme, die Wolf zwischen 1955 und 1980 gedreht hat, auf 14 DVDs erschienen. Ein Leckerbissen für alle Filmfreunde, für die die Geschichte des Kinos nicht erst im 21. Jahrhundert begonnen hat.

Konrad Wolf

Talent, Überzeugungen und Charakter

Wolfs erster Spielfilm „Einmal ist keinmal“ von 1955 unterscheidet sich noch kaum von den Heimat- und Musikfilmen jener Jahre und ist auch schauspielerisch erbärmlich. So viel UFA-Schmiere bei einem Absolventen der Moskauer Filmhochschule ist eigentlich erstaunlich. Die DEFA, für die Konrad Wolf den Film gedreht hat, hatte damals immerhin schon solche Meisterwerke produziert wie „Die Mörder sind unter uns“, „Ehe im Schatten“, „Affäre Blum“ oder „Der Untertan“. Davon ist Wolfs erster Spielfilm weit entfernt.

Ein Jahr später, in „Genesung“, zeigt sich, worin Konrad Wolfs Stärke liegt: im politischen Film. Zum ersten Mal tauchen Motive auf, die Wolf in seinem Werk begleiten: die Nazi-und die Nachkriegs-Zeit, der Widerstand, das Ärztemilieu. Pathos und Sentimentalität sind zugelassen. Auf Klischees wird weitgehend verzichtet, aber die Fabel, die auf einem Hörspiel beruht, kann dramaturgische Schwächen nicht vermeiden. Die Hauptrolle spielt der Ost-West-Pendler Wolfgang Kieling. Historisch interessanter ist Eduard von Winterstein als Professor Beheim. Der Repräsentant eines seinerzeit glorifizierten Schauspielstils hatte schon im „Blauen Engel“ mitgespielt, gehörte im Dritten Reich zu den viel gefragten Künstlern, wurde von den Nazis auf die „Gottbegnadeten-Liste“ gesetzt, während sein Sohn Gustav von Wangenheim als Kommunist im sowjetischen Exil Seite an Seite mit Konrad Wolfs Vater das Nationalkomitee Freies Deutschland mitbegründete, und reüssierte nach dem Krieg als Star des Theaters und des Films in der DDR.

Mit „Lissy“ und der zauberhaften Sonja Sutter in der Titelrolle gelang Konrad Wolf das erste Meisterwerk. Es knüpft an den deutschen Vorkriegsfilm an und zeigt Einflüsse von Fritz Lang, Georg Wilhelm Pabst, Phil Jutzi, Slatan Dudow und Hans Tintner, der „Cyankali“ von Wolfs Vater verfilmt hatte. Thematisch erinnert „Lissy“ an Ödön von Horváths „Sladek“. Warum wurde einer Nationalsozialist? Konrad Wolf denunziert nicht, sondern bemüht sich um Verständnis – nicht im Sinne einer Entschuldigung, sondern einer Erklärung. Das Thema ist beängstigend aktuell, wenn man sich fragt, warum selbst frühere Sozialdemokraten heute von der AfD und ihren Gesinnungsfreunden in anderen Ländern angezogen werden. Übrigens: auch in „Lissy“ begegnet man Schauspielern, die belegen, dass Gustaf Gründgens nicht der Einzige war, der sich mit den Nazis arrangiert hat. Gerhard Bienert, der Lissys Vater spielt, stand auf der Gottbegnadeten-Liste. Bienert und von Winterstein kannten sich schon seit dem „Blauen Engel“, auf Gründgens trafen sie spätestens im Propagandafilm „Ohm Krüger“ von 1941. Mit „Lissy“, die durch den Titel ins eigentliche Zentrum rückt, schuf Konrad Wolf lange vor dem feministischen Konsens den Typus der eher unpolitischen Frau, die aber durch ihre spontane Menschlichkeit den Männern moralisch überlegen ist.

Filmtrailer „Lissy“

In „Sonnensucher“ von 1958 geht es um die jüngste Vergangenheit und die damalige Gegenwart der DDR. Wegen seiner außenpolitisch sensiblen Thematik, den Uranbergbau, wurde der Film verboten und konnte erst 14 Jahre später aufgeführt werden. Es geht aber auch um die nicht konfliktfreie Verständigung zwischen Russen und Deutschen in den Nachkriegsjahren. Sie war Konrad Wolf, dem die Sowjetunion in den Jahren des Exils eine zweite Heimat geworden war, eine Herzenssache.

In „Sonnensucher“ begegnet man einem weiteren großen Star der DDR, Erwin Geschonneck, der 1932 in „Kuhle Wampe“ mitgespielt und den Krieg unter abenteuerlichen Umständen in KZ und Exil überlebt hatte.

„Sterne“ spielt in Bulgarien und handelt – als erster deutscher Spielfilm – vor dem Hintergrund des Holocausts von der Liebe zwischen einer griechischen Jüdin und einem deutschen Unteroffizier. Ein Happy End kann diese Geschichte nicht haben, aber Konrad Wolf und seinem bulgarischen Drehbuchautor Anžel Vagenštajn gelingt es, neben den eigentlichen „Helden“, den bulgarischen Partisanen, einen anständigen Deutschen in Zeiten des Völkermords zu zeichnen, ohne die äußeren Umstände zu beschönigen.

Gegenüber „Sterne“ erscheint „Leute mit Flügeln“ von 1960 als Rückschritt. Wieder geht es, in zahlreichen schwarz-weißen Rückblenden inmitten des farbigen Gegenwartsrahmens, um die Jahre seit 1933, aber im Gegensatz zu den früheren Filmen kommt Konrad Wolf hier den Erfordernissen eines Propagandafilms nahe. Dabei ist er nicht zimperlich. Die Kamera schwenkt im Zimmer eines Kommunisten über die Bände der Marx- oder der Leninausgabe, als gälte es, die politische Identität durch Buchrücken zu beglaubigen. Nebenbei reizt der Film die Attraktivität der Fliegerromantik aus wie 21 Jahre zuvor Howard Hawks mit „Only Angels Have Wings“.

Mit „Professor Mamlock“ nach dem gleichnamigen Drama seines Vaters schließt Wolf dann ein Jahr später wieder an die Intensität von „Sterne“ an. Das Stück war schon 1938 in der Sowjetunion und 1958 vom DDR-Fernsehen verfilmt worden, aber Konrad Wolfs Fassung ist ohne Zweifel die stärkste. Wolf arbeitet wieder mit Schauspielerinnen und Schauspielern zusammen, die er aus früheren Filmen kennt. In der Titelrolle aber glänzt Wolfgang Heinz. Der war 1956 von Wien nach Ost-Berlin übersiedelt, nachdem das Neue Theater in der Scala aus politischen Gründen geschlossen worden war, und arbeitete seitdem in leitender Position am Deutschen Theater. Er gehört wie Eduard von Winterstein oder auch Orson Welles zu jenen massiven Schauspielern mit sonorer Stimme, die eine mal Vertrauen erweckende, mal bedrohliche patriarchalische Autorität ausstrahlen. Typus Falstaff oder Macbeth.

Die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus ist in „Professor Mamlock“ nicht mehr bloß ein Randthema, sondern steht hier im Mittelpunkt und somit in einer Reihe mit Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“, Ferdinand Bruckners „Die Rassen“ oder Lion Feuchtwangers „Die Geschwister Oppenheim“. Das Stück wurde noch vor dem Holocaust geschrieben. Das Wissen über die nachfolgenden Ereignisse verleiht dem Film eine zusätzliche Eindringlichkeit.

Auf den Film über die Vorkriegszeit folgte 1964 einer über die damals unmittelbar zurückliegende Vergangenheit der DDR, die Zeit kurz vor dem Mauerbau: die Verfilmung von Christa Wolfs Erzählung „Der geteilte Himmel“, die ein Jahr zuvor erschienen war. Das schwarz-weiße Breitbildformat macht einmal mehr deutlich, was Konrad Wolf an seinem Kameramann Werner Bergmann hatte. Er kombiniert Einflüsse des Dokumentarfilms mit solchen des expressionistischen Films und der symbolverliebten Montage des frühen Sowjetfilms.

Filmtrailer „Der geteilte Himmel“

„Der kleine Prinz“ nach Antoine de Saint-Exupéry unter Verwendung von dessen Zeichnungen reicht weder an Konrad Wolfs vorausgegangene Filme, noch an die herausragenden Kinderfilme der DDR oder Osteuropas – etwa „Das kalte Herz“, „Die Geschichte vom kleinen Muck“, „Das Zauberkorn“, „Die steinerne Blume“, „Sadko“, „Prinz Bajaja“ – heran. Vielleicht liegt das auch daran, dass er fürs Fernsehen und nicht fürs Kino produziert wurde. Manche mögen ihn für poetisch halten, aber er ist, trotz der erstklassigen Besetzung, in erster Linie steril und allzu naiv. Freilich, der Dissens dürfte schon vor dem Film, bei der überaus populären Vorlage beginnen. Die hatte 1966 auch in der DDR ihre Freunde gefunden.

Mit dem autobiographischen Film „Ich war neunzehn“ kehrt Konrad Wolf in sein Element zurück. Er handelt davon, wie ein junger Deutscher, der im Film Gregor Hecker heißt, 1945 mit der Roten Armee nach Deutschland einmarschiert, und von den Konflikten, die er zu bewältigen hat. Er zeichnet ein differenziertes Bild der Reaktionen deutscher Zivilisten und Wehrmachtsangehöriger auf jenes geschichtliche Ereignis, das die einen Befreiung und die anderen Niederlage nennen. Und er liefert einen Anlass, einmal darüber nachzudenken, wie Russen seit Jahrzehnten in westdeutschen oder amerikanischen Filmen dargestellt werden, welche Klischees deren Bild geprägt haben.

In ein völlig anderes Genre wechselt Konrad Wolf 1971 mit seinem international besetzten aufwendigen Kostümfilm in Farbe und 70mm-Format nach Lion Feuchtwangers zwanzig Jahre zuvor veröffentlichtem Roman „Goya oder der arge Weg der Erkenntnis“, einer gesellschaftskritischen Künstlerbiographie, vergleichbar Ariane Mnouchkines „Molière“ von 1978. Am Drehbuch der Koproduktion mit der Sowjetunion war wieder Anžel Vagenštajn (als Angel Wagenstein) beteiligt. „Goya“ ist über die spezifische Biographie hinaus ein Film über die Inquisition, darin in einem Atem zu nennen mit Carl Theodor Dreyers „Passion der Jeanne d‘Arc“ oder mit Charles De Costers großartiger „Geschichte von Ulenspiegel und Lamme Goedzak und ihren heldenmäßigen, fröhlichen und glorreichen Abenteuern im Lande Flandern und anderwärts“, aber auch über das Verhältnis von Künstlern zur (politischen) Macht im Allgemeinen. Schließlich kann man ihn, auf einer zweiten Ebene, verstehen als Reflexion über Film, Malerei und Realität.

Vom Künstler in der Gesellschaft handelt auch „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“, allerdings in der Gegenwart und mit den Mitteln des Dokumentarfilms. In der Hauptrolle brilliert der in der DDR beliebte Kurt Böwe, der schon für die Rolle des Goya vorgesehen war, aber dann zugunsten des litauischen Schauspielers Donatas Banionis verzichten musste. Einzelne Anspielungen sind heute kaum noch verständlich, etwa auf die Kritik Chruschtschows an dem sowjetischen Bildhauer Ernst Neizvestnyj und auf Jewtuschenkos Gedicht „Babij Jar“, in dem es heißt: „Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal“ oder auf Einwände gegen den DDR-Bildhauer Fritz Cremer.

Filmtrailer „Mama, ich lebe“

Mit „Mama, ich lebe“ kehrt Konrad Wolf zur Thematik des Zweiten Weltkriegs und des Konflikts zwischen Russen und Deutschen zurück. Warum es als verwerflicher erscheint, auf eigene Landsleute zu schießen als auf Menschen eines anderen Landes, wird auch in diesem Film nicht beantwortet. Vaterlandsliebe gilt offenbar international als eine Tugend, die mehr wiegt als das Tötungsverbot. Das ist in Filmen der DDR nicht anders als in amerikanischen Filmen. Konrad Wolf musste 1977 noch mit älteren Zuschauern rechnen, die, in den Jahren von 1933 bis 1945 sozialisiert, so dachten. Aber es gab in der DDR, anders als im Westen, auch Jüngere, die sich in die Sicht der Russen einzufühlen vermochten. „Mama, ich lebe“ experimentiert am radikalsten mit Zeitsprüngen und Jump Cuts, die der Regisseur schon in seinen früheren Filmen benützt hatte. Russisch gesprochene Partien werden, sofern sie nicht von einer Figur im Bild übersetzt werden, nicht etwa, wie in anderen Filmen Wolfs, untertitelt, sondern als Voiceover auf Deutsch eingesprochen, als fände der Dialog gerade statt. Es geht um vier junge deutsche Kriegsgefangene, die sich der Roten Armee anschließen und nach mehreren Zwischenfällen der eher undramatischen Art entscheiden müssen, ob sie bereit sind, im deutschen Hinterland eine Kommandoaktion durchzuführen. Drei von ihnen kommen dabei ums Leben. Der Vierte, der durch ein Los von der Aktion ferngeblieben ist, wird die Botschaft des Titels, die ihm ein Kamerad im Kriegsgefangenenlager anvertraut hatte, nach Saarbrücken bringen.

Konrad Wolfs letzter Film, „Solo Sunny“, spielt wieder in der Gegenwart. Wolfs langjähriger Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase figuriert als Koregisseur. Im Mittelpunkt steht die Popsängerin Sunny, deren Geschichte zugleich ein aktuelles Bild der Jugend in der DDR entwirft. Genau genommen sagen die Bilder in diesem Film mehr aus als die Dialoge. Sie verraten viel über die Spießigkeit der DDR, de zu jedem sozialistischen Ideal im Widerspruch steht. „Solo Sunny“ wurde zu Konrad Wolfs erfolgreichstem Film. Sunny, die eine reale Sängerin zum Modell hat und von Renate Krößner gespielt wird, wurde in der DDR zu einer ähnlichen Identifikationsvorlage wie sieben Jahre davor die weibliche Titelfigur aus Heiner Carows „Legende von Paul und Paula“. Beide, Sunny wie Paula, repräsentieren einen selbstbewussten plebejischen Frauentypus, wie man ihn eher aus englischen als aus deutschen Filmen kennt. (Nebenbei: Sowohl in der „Legende von Paul und Paula“, wie auch in Ken Loachs „My Name Is Joe“ spielt Beethovens Violinkonzert eine wichtige dramaturgische Rolle.)

Wer mehr über Konrad Wolf erfahren will, wird durch den Dokumentarfilm „Die Zeit, die bleibt“, der als Bonus auf einer der DVDs enthalten ist, unaufgeregt und ausführlich informiert. Der Film wurde 1985 gedreht, drei Jahre nach Wolfs frühem Krebstod, fünf Jahre vor dem Ende der DDR, aus einer Perspektive, die heute kaum jemand einzunehmen wagte. Im Abspann, wie auch in einem weiteren Bonus-Film über Konrad Wolfs berühmten Vater, wird unter anderem Michael Kienzle, dem Koautor zweier Publikationen zu Friedrich Wolf, gedankt. Der ist mittlerweile Redenschreiber von Winfried Kretschmann. Der wiederum hat sich pflichtschuldig für seine frühe Mitgliedschaft im KBW, wo ihm Kienzle begegnet sein muss, als seinem „größten politischen Irrtum“ entschuldigt und erklärt: „Aber dass wir jetzt nicht Kommunisten in den Staatsdienst lassen, daran hat sich sicher nichts geändert.“ Konrad Wolf, der von 1965 bis zu seinem Tod Präsident der Akademie der Künste der DDR war, hätte bei ihm keine Chance. Boris Blacher, einer der im Dritten Reich meistgespielten modernen Komponisten, der zur gleichen Zeit Präsident der westlichen Akademie der Künste war, hätte es da leichter. Konrad Wolf besaß nicht nur Talent, sondern auch Überzeugungen und Charakter. Was Trost spendet, ist die Gewissheit, dass Konrad Wolfs Filme Bestand haben werden, wenn niemand mehr weiß, wer Winfried Kretschmann war.

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erstellt am 28.3.2019

Konrad Wolf
Alle Spielfilme 1955–1980
14 DVD
Studio Hamburg Enterprises (PROGRESS Filmverleih GmbH)

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