Michael Behrendts Buch „Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en“ spannt den Bogen von Stöhn-Grooves bis Anarcho-Hymnen, von Rechtsrock bis Gangsta-Rap. Faust-Kultur veröffentlicht einen Auszug, der ausgehend vom „Echo“-Skandal 2018 einen Überblick über das Thema liefert.

Kontoverse Songs

Jenseits von Scha-la-la-Land

Soll niemand sagen, Songs könnten keine unmittelbaren gesellschaftlichen Veränderungen bewirken. Es ist noch nicht lange her, da verursachten ein paar tumbe Beats und Lyrics ein geistiges Beben und brachten den bekanntesten deutschen Musikpreis zu Fall. Wir erinnern uns: Am 12. April 2018 wurden Kollegah und Farid Bang für ihr Album Jung, brutal, gutaussehend 3 mit dem „Echo“-Musikpreis in der Kategorie Hip-Hop/Urban National ausgezeichnet, und das vor dem Hintergrund kontroverser Diskussionen. Denn schon im Vorfeld hatte der auf dem Album enthaltene Track 08/15 mit Zeilen wie „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ polarisiert. Ein Ethik-Rat der „Echo“-Verantwortlichen hatte das kontroverse Album überprüft und seine Nominierung mit Verweis auf die künstlerische Freiheit zugelassen. Es war die Fehlentscheidung des Jahres, mit fatalen Konsequenzen: Das Preisspektakel 2018 befeuerte die Debatte um antisemitische Tendenzen im deutschen Rap. Aus Protest gaben mehrere Künstler ihre „Echos“ zurück, „Echo“-Beiratsmitglieder traten aus. Am Ende ging der „Echo“ selbst k. o.: Der Musikpreis wurde eingestellt, mitsamt den Sparten Klassik und Jazz. Für 2019 soll ein neuer Preis aufgesetzt und vor allem die Sparte Pop gegen solche Debakel immunisiert werden, zum Beispiel durch die Einsetzung einer Jury.

Denn was die Verantwortlichen vor allem in die Bredouille gebracht hatte, war die Tatsache, dass ihr „Echo“ nicht etwa künstlerisch wertvolle Leistungen auszeichnete, sondern den kommerziellen Erfolg. Und dummerweise hatte das Duo Kollegah/Farid Bang von Jung, brutal, gutaussehend 3 so viele Einheiten abgesetzt, dass es zwangsläufig nominiert werden musste. Hierin liegt das eigentliche Problem: dass sich abseits der Radio-Charts grenzwertige Songs wie geschnitten Brot verkaufen, dass in derben Genreversen, deren wahrer Charakter sich schwer bemessen lässt, problematische Botschaften transportiert werden, die sich Unmengen junger Fans bedenkenlos reinziehen. Womöglich eine „ästhetische“ Entsprechung zu den diffusen ausgrenzenden Haltungen, die sich in der globalisierten Gesellschaft von heute Bahn brechen? Ganz sicher aber eine Entwicklung, die Besorgnis erregt.

Spieglein, Spieglein …

Der „Echo“-Skandal unterstreicht: Musik ist Teil und Spiegel der Gesellschaft, mit all ihren Facetten, den aufregenden wie den finsteren. Das gilt natürlich nicht nur für den Hip-Hop, es gilt für die populäre Musik als Ganzes. Schon immer – bis hin zum Chemnitzer „Wir sind mehr“-Konzert gegen rechts am 3. September 2018 – hat diese „populäre Musik“ gesellschaftliche Entwicklungen lautstark begleitet und befeuert. So bildete der Rock ’n’ Roll der 1950er Jahre den Soundtrack einer Jugendrevolte, die sich gegen das konservative, repressive Wertsystem der weißen amerikanischen Mittelschicht nach dem Zweiten Weltkrieg richtete. In den 1960er- und 70er-Jahren brachten Rock- und Soulmusik den Aufbruch einer jungen Generation in eine neue, bessere Zukunft zum Klingen: den Kampf für die Gleichberechtigung der Schwarzen und überhaupt für eine gerechtere Welt, die Proteste gegen den Vietnamkrieg, die sexuelle Revolution. Viele Songs dieser Zeit packten die Ideen der auf Veränderung zielenden gesellschaftlichen Akteure in griffige Verse und Melodien, manche provozierten Eklats, ganz wenige wirkten sogar unmittelbar auf politische Entscheidungen ein. So wie Bob Dylans Song Hurricane, der in den 1970er Jahren ganz im Sinne der Gerechtigkeit die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen einen zu Unrecht wegen Mordes verurteilten Schwarzen erreichte. Ein positives Gegenstück zur destruktiven Energie von Kollegah & Farid Bang.

Bob Dylan, „Hurricane“

Eher unpolitisch, aber auf ihre ganz spezielle Weise abweichlerisch, „deviant“ waren die hedonistischen Mods und die proletarischen Rocker, die sich als gerne selbstbezogene Jugendkulturen im England der 1960er Jahre bekriegten und ihre Haltungen und Styles in teilweise berauschende Songs gossen. Auch was The Velvet Underground und durchgeknallte junge Garagenrocker in den USA der späten 1960er Jahre an faszinierendem düsterem Lärm fabrizierten, ließ sich nicht unbedingt als links oder liberal deuten; es unterlief ganz bewusst auch die progressiven populärmusikalischen Strömungen, war weniger gesellschaftskritisch, sondern eher ästhetisch motiviert, bisweilen anarchisch, oft trotzig und manchmal einfach psychotisch: Konfrontation als künstlerisches Konzept gewissermaßen – oder um der Konfrontation willen.

Aber gerade weil populäre Musik als Spiegel der Gesellschaft fungiert, dauerte es nicht lange, bis sich neben aufbegehrenden linksliberalen Ideen und schrillen subkulturellen Stilen auch reaktionäre, menschenfeindliche Haltungen in Rock und Soul niederschlugen. Das fing schon an bei Musikern, die sich in ihren Songs zwar einigermaßen neutral verhielten, aber mit ihrer persönlichen konservativen Haltung nicht hinterm Berg hielten. Man denke an Ted Nugent, einen begnadeten Hardrocker aus Detroit, der in den 1970er Jahren Millionen junger Männer zum Luftgitarrespielen animierte, aber seit den 1990er Jahren als Waffennarr und Republikanerfan regelmäßig mit erzreaktionären, teilweise rassistischen Kommentaren auffällt. Spätestens Anfang der 1980er Jahre hatte die oft leidenschaftlich verklärte Popmusik begonnen, auch breitenwirksam unappetitliche Facetten zu entwickeln: Skrewdriver und andere Skinhead-Bands formulierten im Rock-, vor allem aber im Punk-Gewand rassistische Botschaften, speziell in Deutschland machte das Rechtsrock-Phänomen traurige Furore. Gleichzeitig irritierten schwarze Hip-Hop-Künstler wie Public Enemy, die man eigentlich im unterstützenswerten Kampf gegen Rassismus wähnte: weil sich in ihren gefeierten Raps der nachvollziehbare Protest gegen das unterdrückerische weiße Establishment plötzlich mit antisemitischen Statements mischte.

Interview mit Ted Nugent

Und es ging noch weiter: Auch verschiedene jamaikanische Künstler, vor allem Vertreter der raporientierten Reggae-Spielart Raggamuffin, hatten und haben keine Probleme damit, in ihren Texten offen zur Gewalt gegen Homosexuelle aufzurufen – Homophobie war in dem Karibikstaat jahrzehntelang sogar gesetzlich gedeckt. Die schillernde Inszenierung, die populäre Musik oftmals auszeichnet, fällt in den genannten Fällen häufig weg – die entsprechenden Songtexte sind fast 1:1-Umsetzungen dessen, was die Künstler auch im realen Leben denken. Ähnliches gibt es ansatzweise auch im deutschsprachigen Raum. Da finden sich heute selbst in Songs angesagter Soul- und Rock-Popper irritierende Spuren des antidemokratischen Gedankenguts von sogenannten Reichsbürgern, Pegida-Aktivisten und der Identitären Bewegung. Provokationen der überraschenden Art … Natürlich: Auch die frühe Rockmusik – von Bill Haley bis zu den Beatles, von Frank Zappa bis Velvet Underground, von den Doors bis MC 5 – wurde vom damaligen gesellschaftlichen Mainstream als Provokation, gar als Bedrohung, als antidemokratische Kraft und Gefahr für die öffentliche Ordnung angesehen. Und doch war ihr grundsätzlicher Impuls, erst recht in der Rückschau, ein freiheitlich menschlicher – Bewusstseinserweiterung, Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Frieden, Solidarität und vielleicht ein bisschen Anarchie inklusive. Popmusik deshalb als von ihrem Wesen her positive, heilsbringende linksliberale Kraft zu feiern, wie es Kritiker und Stars gerne taten, erwies sich allerdings bald als Mythos. Schon lange lassen sich Songs nicht mehr auf eine irgendwie links und liberal orientierte Haltung reduzieren. Die Hits von heute spiegeln ganz einfach die gesamte Gesellschaft wider: mit all ihren Weltanschauungen und Ideologien, so fragwürdig, reaktionär und menschenverachtend manche davon auch erscheinen mögen.

Eine Sonderstellung nimmt hier, siehe Kollegah & Farid Bang, der Battle- und Gangsta-Rap der letzten Jahrzehnte ein – auch und vor allem wegen seiner Darstellungsform. Weisen die Ich-Sprecher in homophoben Raggamuffin-Songs, in Liedern von Neonazi-Bands, aber auch in engagierten Protestsongs oftmals eine große Nähe zu ihren Urhebern und Interpreten auf, operieren Battle- und Gangsta-Rapper in ihren Tracks mit schillernden Mega-Egos, die sich im Rahmen eines „Dissing“ genannten rhetorischen Wettstreits mit Beleidigungen und Selbstüberhöhungsparolen gegenseitig zu überbieten versuchen. Was dort an gewaltverherrlichend, antisemitisch, homophob und sexistisch anmutenden Wortkaskaden produziert wird, ist vordergründig derbstes ästhetisches Spiel, lässt aber eben hier und da auch auf mögliche tatsächliche Haltungen der Interpreten schließen. Nur: Wann und bei wem genau das der Fall ist, ist schwer zu ermitteln. Zumal es die erfolgreichsten Künstler des Genres perfekt verstehen, ihre Kernklientel spektakulär zu bedienen und Außenstehende, die breite Öffentlichkeit, immer wieder an der Nase herumzuführen. Wer spricht eigentlich im Song? So lautet die spannende Frage. Die jeweilige Antwort hilft maßgeblich dabei, einen Song und die Haltung des Urhebers einzuordnen: ob ein heftiges Lied noch als pubertäres Maskenspiel, als aufklärerische Provokation, als satirische Zuspitzung durchgeht oder ob es schon ein authentisches „Hass“-Statement beinhaltet.

Konfrontationslinien in der Musik

Schaut man sich die kontroversen Songs der letzten 100 Jahre an, kristallisieren sich zeitlose Dauerthemen heraus. Zu allen Zeiten haben Songs gegen aktuelle politische Verhältnisse und staatliche Unterdrückung protestiert, gegen Rassismus, bestimmte Moralvorstellungen und Bigotterie, Religionskritik inklusive. Gleichzeitig sind Songs schon immer für die Einhaltung von Menschen- und Bürgerrechten eingetreten, für die Gleichberechtigung der Frau, für sexuelle Freiheit, die Rechte der LGBTQ-Community, für gesellschaftliche Außenseiter und sozial Schwache, zuletzt für Migranten. Auch das Engagement für eine Liberalisierung der Drogenpolitik ist ein Standard, ebenso wie das (häufig in Kombination mit bestimmten Reizthemen auftretende) Austragen von Generationenkonflikten und die szeneinterne Kontroverse – hier tun sich mit jeder neuen Subkultur und jedem neuen Star auch immer neue Konfrontationslinien auf. Manchmal sorgen auch weniger die Songs als die Künstlerpersonen selbst, ihr Lebensstil und das ins Rampenlicht gestellte Show-Ich für die Kontroverse.

Loretta Lynn, „The Pill“

Daneben gibt es zeitbezogene Aufreger- und Trendthemen, die in Songs kontrovers behandelt werden, etwa „die Pille“ in den 1970er Jahren oder den unerfüllten Kinderwunsch 1990. Eher zu den zeitlosen genüsslichen Reißbrett-Provokationen gehören Stücke wie das prompt indizierte Geschwisterliebe, in dem die Ärzte 1986 einen testosterongesteuerten jungen Mann explizit von Sex mit der eigenen Schwester schwärmen lassen. Spätestens seit den 1980er Jahren kommen Rechtsrock und sexistische, antisemitische, homophobe Statements als unappetitliche Dauerthemen in Songs dazu. Die noch relativ junge Hip-Hop-Kultur trägt neben aufregender Musik und wichtigen Haltungen auch jede Menge die Grenzen des guten Geschmacks verletzender Botschaften in die Welt. Hatte in den 1960er Jahren das Ringen um ein Four-Letter-Wordchen wie „fuck“ noch den Protest gegen moralische Zwänge und Unterdrückung markiert, sind die Schimpfwortkaskaden heutiger Raptexte oftmals selbstverliebte und gar zynische Pose. Während die Songprovokationen in den 1960er und -70er Jahren eher aus der politisch linken Ecke und von neuen Jugendkulturen kamen, werden sie heute vor allem aus politisch rechten Kreisen und in sozialen Brennpunkten, quasi „von unten“, formuliert. Aufmüpfige, rebellische Musik hat oft das gesellschaftliche Establishment, den kulturellen Mainstream im Visier, gegen den es sich zu behaupten gilt. Möglicherweise sind die linksorientierten, liberalen Aufbegehrer von damals heute selbst ein Teil des Establishments – und werden deshalb zur Zielscheibe jüngerer Subkulturen. Auffällig ist, dass Rechtsrocker neben ihren menschenverachtenden Botschaften gern die angebliche „political correctness“ und das mutmaßlich „Verlogene“ eines „überheblichen Bildungsbürgertums“ attackieren – und dass Hardcore-Rapper, oft mit sogenanntem „Migrationshintergrund“, neben gezielten Provokationen auf Ebenen wie Sexismus und Homophobie aktuell auch den vegan lebenden Hipster ins Visier genommen haben, Stichwort: „Muskel-Rap“. Vereinzelt finden sich bei Rappern, auch solchen mit Migrationshintergrund, antisemitische Textelemente oder ein Kokettieren mit antisemitischen Äußerungen. In ihrem erzkonservativen Frauenbild und ihren Attacken gegen den gesellschaftlichen Mainstream sind sich ausländerfeindliche deutsche Rechtsrock-Bands und Rapper mit ausländischem Background zum Teil frappierend ähnlich.

Auf eine Neuausrichtung des „Echo“-Musikpreises muss die Welt offenbar noch warten –„Für die Konkretisierung der Änderungen wird sich der Vorstand die erforderliche Zeit nehmen“, heißt es schon seit Monaten auf der Website. Möglicherweise tut sich in der Sache auch gar nichts mehr. Die nächste Songprovokation aber, die kommt bestimmt.

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erstellt am 22.3.2019

Michael Behrendt
Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en
Flexicover, 296 Seiten
ISBN: 978-3-8062-3922-5
wbg Theiss, Darmstadt 2019

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