„Nach Nordkorea“ ist ein Reise-Essay von Michael Ostheimer. Er bereiste das totalitär regierte Land als Teil einer internationalen Gruppe von 9 Personen. Auch im zweiten Teil des Essays gibt der Autor seine Erfahrungen in Versform, ohne Satzzeichen und von Fotografien begleitet wieder.

Originaltext, Teil 2

Nach Nordkorea

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Unser Besucher-Schicksal nennt sich Programm
Punkt für Punkt dem Zufall keine Chance
Von Schauplatz zu Schauplatz im japanischen Kleinbus
Erwartungserfüllung im Kreislauf des geschlossenen Seins
Erstickt das Situationspotential für Spontanität
Konzept eines ganz anderen Miteinanders
Was machen lautet unsere Frage
Auf der Fahrt ins Myohyang-Gebirge
Nordkoreaner abseits von Arbeit und Familie
Die Antwort treffen wir in Form
Einer Abordnung Frauen im Sonntagsstaat
Einen Gruppenausflug zur Internationalen Freundschaftsausstellung zum Beispiel
Die in zwei Gebäudekomplexen traditionell koreanischen Stils
Die Geschenke für Kim Il-sung und Kim Jong-il hütet oder zur Schau stellt
Eisenbahnwaggons von Mao Zedong und Stalin
Handys und Flachbildschirme aus Südkorea
Ein Plüschbär mit FDJ-Hemd und Schweizer Armbanduhren
Lagern in den nach Ländern geordneten Schaukästen
Dazwischen gleiten die Besucher auf Plastikschuhüberziehern dahin
Fotografieren strengstens verboten
Warum auch immer
Elektronische Schautafeln mit Weltkarte und Lämpchen für die Geberländer
Zählen die Staatsgeschenke
Gradmesser wohl für das nationale Selbstbewusstsein
Der Souvenirladen bietet traditionelle wie moderne Mitbringsel feil
Kunsthandwerk oder ein Tonikum gegen radioaktive Verstrahlung
Nach der Autopsie des Nationalschatzes
Sucht die Vor-Ort-Führerin zu meinem Erstaunen das Gespräch
Ob ich schon ein wenig von der Welt gesehen habe
Ob mir je Schöneres begegnet sei
Gerne würde ich mit ihr über Platons Höhlengleichnis diskutieren
Über den Unterschied von Sein Schein Glauben Wissen
Sie aber ersehnte allein die Abfolge der Worte JA NEIN
Was haben die Lebensumstände zu tun
Mit einer Person
Mit einer möglichen Herberge in der Endlichkeit
Mit einem Mal wittere ich das drohende Jenseits
Einer Zeit ohne Erinnerung an eine andere Geschichte
Als die der einen Großerzählung
Des Interpretationsmonopols der Vergangenheit
Der offiziellen nordkoreanischen Version
Könnte es sein dämmert es mir
Dass es gar nicht darum geht
Was der Fall war ist sein wird
Nicht um den Wahrheitsgehalt
Von zur Debatte stehenden Gegenständen
Sondern um ein Leben in der Realpräsenz des Sinns
Führerkult Nationalismus Belagerungsmentalität
Beseelt vom Geist Kim Il-sungs
Des ewigen Präsidenten qua Verfassung
Der noch aus dem Jenseits strahlt
Um einen Staat im Zustand der Vollendung
Auf den kein aufgeschobenes Ziel mehr wartet
Auf das hin die Gegenwart zu überschreiten wäre
Den zu preisen für den sich zu opfern
Dem Einzelnen allein noch bleibt
Dass die Rationalität der gesellschaftlichen Ordnung nurmehr darin besteht
Dass sich die Vorgänge prinzipiell beherrschen lassen
Erschöpft nach der Wallfahrt zu den gehorteten Staatstributen
Durchpulst von meiner polyphonen Unabgeschlossenheit
Die sich fragt
Ob es wirklich humaner ist
Sich dauerhaft überfordern zu lassen
Von einer überkomplexen Vielfalt
Als in einem optimierten Verwertungssystem
Eins mit der Eindeutigkeit zu sein
Stehe ich allein vor einem Restaurant im Westen Pjöngjangs
Rauche und schaue auf eine mehrspurige Magistrale
Vor schlangenförmig sich windenden Wohnriegeln
Kulisse einer kollektiven Gesellschaftsidee
Auf näherkommende Straßenbahnen und Trolleybusse
Auf einen Strom in meine Richtung sich ergießender
Wohl auf dem Nachhauseweg befindlicher
Durchweg dunkel gekleideter Menschen
Erfüllt mich plötzlich das Bewusstsein
Ein ganz für mich seiendes einzelnes Wesen zu sein
Schwinden die klaren Unterscheidungen
Vermischen sich Personen und Stadtraum
Zu einer magmatischen Masse
Von der sich einzig rote Punkte abheben
Die auf der linken Brust von der gesamten Bevölkerung
Getragenen Anstecknadeln mit dem Konterfei Kim Il-sungs
DEN GROSSEN FÜHRER
AUF DEM HERZEN DIE MENGE
EIN PUNKTIERTES GRAU

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Kaesong die einstmalige Hauptstadt am späten Nachmittag
Bis heute fesselt mich das Foto
X-fach angesehen
Wie eine Black Box
Die alle Worte
Noch bevor sich eine Aussage in mir formieren kann
Ins dunkle Weltall des Unsagbaren zurückholt
Unsichtbar dagegen sollen uns in Kaesong
In einem Staat der seinen Anschein sorgsam kontrolliert
Menschen mit Reisigbündeln bleiben
Was denken die am Waldrand
Von Beamten zum Warten Angehaltenen
Das Gewicht des existentiellen Überlebenskampfs auf dem Rücken
Bis in der Nähe weilende Ausländer
Die örtlichen Überreste der Koryo-Dynastie besichtigt haben
In beflissener Erwartungserfüllung
Permanente Kontrolle garantiert
Die Abwesenheit des Unerwarteten
An der Kette der umfänglichen Fremdbestimmung der Einzelne
Der Gesellschaftskörper im Gipsbett
Vegetiert nur noch zum Machterhalt des Systems
Mein Zustand eines mürrischen Kindes
Dem in seiner verstockten Verkommenheit
Irgendwann nichts mehr recht ist
Muss zu tun haben
Mit der durchdringenden Atmosphäre
Einer sorgfältigen Verhinderung
Von Möglichkeitsräumen für den Einzelnen
Zur Auseinandersetzung mit anderen Vorstellungswelten
OHNE PHANTASIE GIBT ES
KEINE WIRKLICHKEIT
Unablässig die Aerosole der Gleichschaltung einatmend
Breitete sich in mir eine lähmende Ohnmacht aus
Deren hemmende Umfassendheit
Auf die Gesellschaft hochzukopieren
Meine Vorstellungskraft übertrifft
Wie imaginieren über ein Land
Das auf Imaginärem basiert
In Stein gemeißelt für das Kollektiv
Über das Selbstverständnis etwa
Von Familie Eigensinn Träumen

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Der Staat der Setzungen
Der keiner Begründungen bedarf
DEM RATSCHLUSS DES GROSSEN FÜHRERS
Entspricht
DIE WIDERSPIEGELUNG DES EINHELLIGEN WILLENS
DES KOREANISCHEN VOLKES
Hat seinen archäologischen Ausgangspunkt in Mangyongdae
Einem Dorf nahe der Stadt Pjöngjang
Zur Zeit der Geburt Kim Il-sungs am 15. April 1912
Der Ort wo alles begann was heute ist
Wohin wir am 1. Mai pilgern
Zu einem traditionellen Bauernhaus
Lehmwände Strohdach bergen Arbeitsgeräte Tontöpfe
Zum Zentrum des ursprungsmythischen Denkens
Das in der Genealogie fortlebt
Solange ein Familienmitglied
An der Spitze des koreanischen Volkes steht
WEILT KIM IL-SUNG AUCH HEUTE
UND AUF ALLE ZEITEN
UNTER SEINEM VOLK

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Foto: Ingo Schöningh
Foto: Ingo Schöningh

Nebenan im Mangyongdae-Vergnügungspark
Haben wir eine Stunde zur freien Verfügung
Dauerte es keine halbe Stunde bis eine Frau mittleren Alters
Sich mir kategorisch Widerrede zwecklos
Als mein neuer Guide vorstellt
Ertrotze ich mir eine Riesenradfahrt
Ohne dass mir der Sinn danach steht
Mich in einer Kabine im Kreis zu drehen
Lediglich das Alleinsein verlockt
Zurück am Treffpunkt einer Zirkusvorführung im Freien
Man jongliert Keulen bietet Akrobatik lässt ein Äffchen auf einer Ziege reiten
Wird endlich ein langes dickes Seil geschwungen
In das ein Freiwilliger im Rhythmus einspringt
Bis seine Augen verbunden werden
Das Aufschlagen des Seils auf der Planche hinfort sein Sprungkommando
Nun springt der Blinde brav
Indes die Artisten anstatt das Seil zu schwingen
Mit den Händen im Takt auf den Boden schlagen
Die Menge johlt beschämt blickt der wieder Sehende drein
Während des Schauspiels das aufzufassen als Allegorie
Auf die Beziehung von Führung und Volk in Nordkorea
Für westliche Augen sich buchstäblich aufdrängt
Kippt die Bewegungsunfreiheit
In die Einbildungsfreude des Innenlebens
Legt ein etwa vierjähriger Junge im blauen Trainingsanzug
Seinen müden Kopf in meine Armbeuge und schläft ein
Was hat er mitbekommen vom trügerischen Spaß
Träumt er und wenn ja wovon
In der Nacht zuvor erwachte ich mehrmals aus Alpträumen
Heimgesucht von Schuldgefühlen
Gegenüber dem Über-Ich Kim Il-sung
Der sich meiner Vorstellungswelt bemächtigte
Dem einzigen Raum der Unbeobachtetheit
Ein bloßer Name für mich bis vor wenigen Tagen
Aus dem Geschichtsbuch eines reichlich fremden Landes
Kann das Schuldbewusstsein im Traum
Egal ob man für oder gegen das System ist
Lackmustest für den Triumph des totalen Staates sein
Am Morgen kommt mir die Erzählung einer Bekannten in den Sinn
Wonach ein ausländischer Junge
Kurze Zeit erst im nordkoreanischen Kindergarten
Seine Eltern darin zu unterweisen versucht
Wie man sich angemessen
Vor Bildnissen des Großen Führers zu verneigen habe
Die von Kindesbeinen an gelehrte Weltanschauung
Zu akzeptieren mit umfassendem Wahrheitsanspruch
Die Existenzgarantie Nordkoreas
Jetzt denke ich an die Schlussworte der Erzählung
TAGEBUCH EINES VERRÜCKTEN von Lu Xun
Dem Türhüter der modernen chinesischen Literatur
Der nach dem Ende der Kaiserzeit
Dem republikanischen China nur eine Chance
Zum Überleben gab
Sich dem Westen zu öffnen
Ohne sich selbst zu verleugnen
RETTET DIE KINDER…

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Nach zwei Stunden Warten am Bahnhof Pjöngjangs
Nach einer Zugfahrt aus der Stadt hinaus und wieder retour
Mischt sich Sorge in das Verlangen nach Heimkehr
Was wenn der Rückweg versperrt ist
Unser Schicksal Bleiben heißt
Im Bus zur Grenze
In den man uns schließlich ersatzweise verfrachtet
Eines Problems auf der Zugstrecke wegen
Entgleiste Waggons wie wir später sehen sollten
Fragt einer der Guides
Was ich da schreiben würde
Verweise auf Notizen zur Schreibunterlage auf meinem Schoß
KIM IL-SUNGLEBENSABRISS
Während draußen der Regen
Staub- zu Schlammpisten verwandelt
Vor uns LKWs steckenbleiben
Bei der Pause in einer Kleinstadt
Scharen sich Kinder um uns in scheuer Verlegenheit
Als wir in einem chinesischen Kleinbus
Die Brücke über den Grenzfluss Yalu überqueren
Kommt mir HAMLET in den Sinn
Ausgangspunkt für mein späteres Hirngespinst
In einem unterirdischen Theater in Nordkorea
Einmal eine Shakespeare-Adaption zur Aufführung zu bringen
Die mit den Worten enden würde
ICH BIN NICHT MEHR HAMLET
ICH STEHE AUF DER BRÜCKE NACH CHINA
UNTER MIR FLIESST DIE STIMME OPHELIAS
HINTER MIR LIEGEN DIE RUINEN NORDKOREAS
Die chinesischen Grenzbeamten zeigen sich irritiert
Über westliche Ausländer mit Heimatgefühlen
Angesichts der Einreise in die Volksrepublik China
Kaum hat der Beamte die Pässe zum Abstempeln eingesammelt
Umringen uns Händler mit nordkoreanischen Briefmarkenalben
Darin eine Sondermarke
Gedruckt im Juche-Jahr 90
Zum 80. Jahrestag der Gründung der KP Chinas
Mit dem damaligen Generalsekretär der Partei Jiang Zemin
Vor einem traditionellen Landschaftsgemälde
Über dessen Berge ein Schwarm Kraniche zieht
Ostasiatisches Sinnbild für Treue und Langlebigkeit

Die nicht anders gekennzeichneten Fotos sind vom Autor.

Fortsetzung folgt.

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erstellt am 22.3.2019