Spätestens im Sommer werden sie wieder sichtbar. Viele Menschen bedecken ihren Körper mit Tattoos. Woher kommt diese Mode? Welche Botschaft will der oder die Tätowierte aussenden? In seinem Essay denkt Peter Kern über die soziologische Dimension des Tattoos nach.

Essay

Totem und Tattoo

Die deutsche Gesellschaft will von Klassen nichts mehr wissen, und die mit Individualisierung, Pluralisierung und Singularität beschäftigte deutsche Soziologie pflichtet ihr bei. Dennoch ist der Klassenkampf nicht passe. Er ist zum Kulturkampf sublimiert, und findet mangels eines wirklichen Widerparts zwischen den demonstrativen Antibürgern und den Angestellten statt. Tattoo ja oder nein, die Frage bewegt. Das Tattoo ist der Totem all derer, die dem Clan der Angestellten nicht angehören wollen. Mit jedem Sommer wird sichtbar, ihre Zahl wächst. Die Modewelle hat ihren Scheitelpunkt noch nicht erreicht. Wie den Kontratjewschen Wellen der Ökonomie ist ihr eine lange Dauer beschieden.

Wann ist diese Mode entstanden? Ein Album der Rolling Stones namens Tattoo you kann als der Startschuss gelten. Die rote, rausgestreckte Zunge, das Logo der Rockgruppe, war zum Markenzeichen einer in die Jahre gekommenen Protestkultur geworden, in deren Dunstkreis das Tattoo gehört.

Es ist selbst ein Logo inmitten einer Welt, in der noch der menschlichen Körper zur Werbefläche geworden ist. Es stellt sich gegen diese Entwicklung, die Anfang der achtziger Jahre begann, indem es sie überbietet. Die Menschheit läuft seitdem als Litfaßsäule herum. Mit ihrer Sportswear macht sie für Kleiderkonzerne kostenlos Reklame. Warum nicht für sich selbst Reklame laufen, statt für einen gewissen Hugo, Oliver oder Tommy? Das ist die Logik des Tätowierten: Er will sich inmitten einer Konfektionsware behaupten, die endlos bebildert und beschriftet ist.

Der Tätowierte will für sich selbst etwas bedeuten, nicht nur für anderes, für die Produktion, für den Konsum fungibel sein. Wer in der Welt der Fungiblen und bürgerlich Anständigen seinen Platz nicht fand, der Zuchthäusler, die Prostituierte, der Seemann, hat sich, tätowiert, das Urteil der Gesellschaft einmal stolz zu eigen gemacht. Von dieser Aura der Unangepassten zehren die heutigen Tätowierten. Sie schlüpfen wie in ein Kostüm, ähnlich der Faschingsverkleidung, mit der wir als Kinder uns in Piraten, Cowboys und Rothäute verwandelten.

Das Tattoo hat die Wirkung eines Permanent Make-ups. Es schmückt und stärkt das Selbstbewusstsein. Wer die Mehrheitsgesellschaft der Angestellten herausfordert, braucht viel davon. Das gilt für den, der die geforderten Qualifikationen nicht aufweisen kann, in besonderer Weise. Hat er Spezialkenntnisse, kann er sich etwas herausnehmen; dies mag die Tätowierung sein. Wem der Zugang zu den gut bezahlten Jobs verschlossen bleibt, dem bleibt die Flucht in den Trotz. Er wolle den unerreichbaren Arbeitsplatz sowieso nicht haben, langweilig wie dieser sei, lautet die Hermeneutik seines Tattoos.

Die Anzahl der Arbeitsplätze, die früher Arbeitern vorbehalten war und für die man heute eine wissenschaftliche Ausbildung braucht, hat in allen Sparten der Industrie enorm zugenommen. Reine Körperkraft zu verausgaben, Domäne der Unqualifizierten, ist kaum mehr verlangt. Selbst die herkömmlich qualifizierte Arbeitskraft entwertet diese Entwicklung, gegenwärtig Industrie 4.0 genannt. Man macht den Akademiker dafür verantwortlich. Der antiakademische Unterton des Tattoos ist unüberhörbar. Es verhöhnt den schwächlichen Intellektuellen, dem der Bizeps fehlt, auf dem das mächtige Signet Platz finden könnte.

Das Tattoo inszeniert einen Anachronismus. Diesen Typus des Intellektuellen gibt es gar nicht mehr, es sei denn als Exot an der Uni. Der zeitgemäße geht selbst ins Fitnessstudio und hat das Tattoo für sich entdeckt. Wer etwas werden will und etwas kann, muss ein wenig auf den Putz hauen und auf sich aufmerksam machen. Ein bewährtes Verfahren, um den Prof., den Oberarzt oder Institutsleiter zu beerben. Das Tattoo taugt auch für akademische Positionskämpfe.

Die Tätowierung changiert zwischen Bild und Schrift, ähnlich den Hieroglyphen. Es steht ihr die ganze Enzyklopädie der Zeichen zur Verfügung, vom roten Röslein bis zur Runenschrift. Die Zeichen folgen der Tauschlogik. Der tätowierte Name der Geliebten schwört ihr ewige Treue und soll sie zur Treue verhalten. Der Name der Kinder, auch ein beliebtes Motiv, soll als magische Versicherung gegen ein missgünstiges Schicksal wirken, das die Kinder rauben könnte. Das ab und an noch sichtbare christliche Symbol verliert als Tattoo seinen antimythologischen Charakter. Als Verstoß gegen das Bilderverbot war es selbst schon ein Rückfall in Mythologie. Auf die profane Haut tätowiert, wird das Kreuz zum magischen Zeichen, das den zum Götzen mutierten Gott für die eigenen Zwecke manipulieren will.

Das magische Zeichen will beschwichtigen, erschrecken, sich der bezeichneten Sache durch Ähnlichkeit angleichen. So liest es die Dialektik der Aufklärung. Das zackige, zersplitterte, flächig ausgemalte, dunkle Ornament, bar jeder floralen Verspieltheit, das halb an eine Maske, halb an einen Tierpanzer erinnert und auf kräftigen Oberarmen prangt – wem will sich dies anähneln? Solche Reminiszenz, auch die neuerdings beliebte Frakturschrift, kalkuliert mit dem Schrecken, einem drohenden Was wäre wenn. Was wäre, wenn wir derart Tätowierten uns zusammentun und auf eigene Faust für Ordnung sorgen würden? Dieses Wir ähnelt sich einer Macht an, die es selbst sein will. Die Anderen sollen parieren. Unsere Stadt, unsere Regeln; die Parole des Chemnitzer Straßenmobs taugt ins Nationale übersetzt als Sammlungsparole.

Das Tattoo ist die Signatur der Zweideutigkeit. Es bebildert den Protest gegen die Verdinglichung. Ein stilisiertes Batteriefach auf dem Schulterblatt, mit dem Text: Akkuwechsel nicht erforderlich, sei als Beispiel genannt. Zugleich taugt es als Vereinszeichen von Hooligans und Schlägertrupps, die sich als Türsteher der Angestelltengesellschaft nützlich machen und die Fremden draußen halten wollen.

Seine Zweideutigkeit entfaltet es im Verhältnis der Generationen. Es macht den Jüngeren zu schaffen, dass schon die älteren Semester tätowiert sind. Wie sich von diesen abgrenzen? Die Jüngeren rüsten auf: Ring durch die Nase, gestanzte Ohrläppchen, Piercing am Bauchnabel. Dass die Angestelltenkultur diesen symbolischen Klassenkampf befrieden wird, indem sie die Symbole absorbiert, ist gegenwärtig schon absehbar. Das dezente Tattoo der jungen Verkäuferin ist schon gelitten, der Arbeitskraftmangel im Einzelhandel macht tolerant. Der Tätowierung wird es einmal ergehen wie den langen Haaren der Beatniks. Man wird mit ihr so unmöglich aussehen, wie der aus der Zeit gefallene Zausel heute.

Die durch das Tattoo delegitimierte Angestelltengesellschaft reagiert zwiespältig auf die Herausforderung. Sie macht sich über die Motive der Tätowierten lustig. Was einmal letzter Schrei war, wird als Arschgeweih geschmäht, die ganze Mode als Prolokultur abgetan. Völlig die Sache zu verwerfen, traut man sich nicht. Zu groß die Gefahr, dass der eifernde Kritiker als provozierter Spießer dastehen könnte. Nicht auszuschließen auch, dass man sich, wie es sprichwörtlich heißt, immer zweimal im Leben begegnet, und die Jungtätowierten einmal das Sagen haben werden, wenn man selbst alt und schwach geworden ist.

Das Tattoo will seinen Träger individualisieren, will ein Siegel seiner Besonderheit sein. Es betrügt um das, was es verspricht, Produkt der Kulturindustrie, das es ist. (Noch ist es deren halbseidenes Produkt. Um ein respektables zu werden, muss das Tätowiergewerbe seinen Handwerkscharakter abstreifen. Dazu wäre beispielsweise ein Franchisesystem geeignet, das den Charme des Kiezes mit dem Drang des Kapitals nach economy of scales verknüpft). Der dem Tattoo eingeschriebene Drang nach Individualität ist der Reflex auf die entwerteten Familiennamen. Diese haben den Einzelnen einmal mit seiner Vorgeschichte verbunden und ihn individualisiert. In den heutigen Arbeitsteams reden sich alle mit Vornamen an, und in der Nachbarschaft und der Facebook-Community ebenso. Der Nachname ist außer Gebrauch gekommen. Das mindert „die unbequeme Distanz zwischen besonderen Menschen“, wie es in der Dialektik der Aufklärung heißt, aber um den Preis der kollektiven Standardisierung. Das Tattoo will dagegen ein Zeichen setzen.

Wer sich tätowiert, hat eine Tat vollbracht. Objekt seiner Tat ist das Subjekt selbst, sein Körper. Ihn verändert es, in der Regel unwiderruflich. Es zeigt sich damit einer Entscheidung fähig. Es ist nicht bloß entschlossen, ohne zu wissen wozu, wie ein alter Philosophenwitz über die Eigentlichen, die Deutschversion der Existentialisten lautet. Seinem Entschluss folgt die Tat des gegen sich selbst Verhärteten; denn er hält Schmerzen aus. Das soll Respekt einflößen. Wieviel man an Schmerzen ertragen kann, beweist das Tattoo. Es zeigt den Grad an erlittenen an; denn es ist einer Hierarchie der Körperpartien zugeordnet. Die für die stechende Nadel empfindlichste hat das höchste Prestige. Ganze Kerle sind auf den Waden tätowiert.

Sobald er sich zur Tat entschließt, gerät der Tätowierte in eine Dialektik. Als kleines Zeichen an unscheinbarer, wenig schmerzhafter Stelle erntet sein Tattoo eher Spott als Respekt, nach dem Motto: Da traut sich einer nicht. Bigger is better. Ein großes, mehrfarbiges, an ins Auge fallender Stelle zieht den bewundernden Blick auf sich. Bewundert wird mit der Größe die finanzielle Potenz des Tätowierten. Das Tattoo hat am Geldfetisch teil. Wer viel Geld ausgeben kann, kauft die Aura des Einzigartigen, für wenig Geld gibt es das Motiv aus dem Online-Shop. Prominente, Profikicker, die Creme der gut Betuchten aus dem Show- und Sportbusiness zeigt ohne verhüllendes Tuch was sie hat.

Schon wird das Tattoo vom Kunstbusiness zur Kunst geadelt. Es soll die Echtheit aufweisen, die das technisch reproduzierte Kunstwerk verloren hat. Echtheit, so Benjamin, verlangt ein „einmaliges Dasein an dem Ort, an dem es sich befindet.“ Einmalig ist der Ort auf der Haut eines Individuums. Die tätowierte Haut wird zum Kunstmarkte getragen, der erste Tätowierte in einem Baseler Museum zur Schau gestellt.

Wie die Sprache kennt die Zeichensprache der Tätowierten verschiedene Genera. Der männlichen korrespondiert eine weibliche Bildersprache. Diese erlaubt verspielte Blumenornamente, die in jener Welt der Wölfe, Löwen und Adler völlig deplatziert wäre. Manches weibliche Tattoo reizt mit seiner partiellen Verhüllung, halb sichtbar, halb im Bikini verschwindend. Es zitiert das Rotlichtmilieu, verheißt das Glück jenseits der Monogamie.

Die Gesellschaft der Angestellten ist der Ort des Tattoos, seine Zeit kommt mit jedem Sommer und der leichten Bekleidung. Es ist die einfache Negation der Angestelltengesellschaft, die bestimmte steht aus.

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erstellt am 21.3.2019

US-Matrosen beim Tätowieren, 1944, Foto: Charles Fenno Jacobs [Public domain]