René Kalisky war ein belgischer Schriftsteller polnisch-jüdischer Herkunft. Ein Jahr vor seinem Tod 1981 veröffentlichte er das Bühnenstück »Falsch«, in dem ein älterer Herr auf der Straße zusammenbricht und daraufhin in eine Welt gerät, in der Zeiten und Orte nicht mehr getrennt sind, aber die Individuen des familiären Umkreises unverändert bleiben. Elvira M. Gross hat sich die österreichische Erstaufführung im Wiener Theater Nestroy/Hamakom angesehen.

Theater

Blumen im brüchigen Frühling

„Hier gilt: 1938 ist heute und heute ist 1938. Die Blumen von Neujahr 1938 sind nie verwelkt. Schmuck von damals, Schmuck von heute.“ – Heute Morgen las ich in der ZEIT (vom 7. März 2019): „Blumen blühen im warmen Frühling“ – in China ein zensurierter Satz.

Falsch von René Kalisky in der Inszenierung von Frederic Lion spielt derzeit im Hamakom am Nestroyplatz. Der im deutschsprachigen Raum weitgehend unbekannte belgische Autor René Kalisky, der im Alter von 45 Jahren an Lungenkrebs starb, schrieb dieses Stück zwischen 1979 und 1981. Der Text bleibt in seinen vielschichtigen Anspielungen und in seiner formalen Ausprägung rätselhaft, nicht einzuordnen. Auch konnte Kalisky das Stück, das autobiografische Züge trägt, nicht mehr abschließen. Fünf Jahre nach seinem Tod verfilmten die Brüder Dardenne den Stoff mit gleichnamigem Titel, gekürztem Text und kleinen räumlichen Änderungen. Auch Frederic Lion nahm für die Umsetzung im Hamakom Textkürzungen vor, konzentrierte sich auf dessen Kern.

Worum geht es? Ein älterer Mann, Joe, bricht auf der Straße zusammen, er robbt (tatsächlich oder nur in der Vorstellung?) über eine Schwelle, betritt bäuchlings eine andere Welt (oder bloß einen Tanzschuppen?), doch diese Transzendenz erweist sich bald als eine andere Form von Permanenz. Die Permanenz nämlich seiner jüdischen Familie, die er vor 40 Jahren verlassen hatte, als er 1938 von Berlin nach New York flüchtet. Das Stück erinnert formal an Huit Clos (Geschlossene Gesellschaft) von Jean Paul Sartre. Doch hängt hier jedes Familienmitglied an seinem jeweiligen Schicksal, seinen individuellen Erfahrungen, der kollektiven Erfahrung der Shoah zum Trotz.

Szenenfoto, @ Hamakom, Wien

Joe (Franz Xaver Zach) also findet sich plötzlich inmitten seiner verlorenen Familie wieder, in Begleitung seiner Jugendliebe Lilli (Marlene Hauser), die bei einem Bombenangriff auf Berlin ums Leben kam, trifft auf seinen Vater Jakob (Florentin Groll), der – wie er – Arzt gewesen, die Mutter (Katalin Zsigmondy), die ihn über alles liebt, seine deutsche Freundin hingegen verachtet, die Brüder Georg (Jakob Schneider) und Gustav (Thomas Kamper), die mit ihm nach New York gegangen, seinen jüngsten Bruder, den Musiker Ben (Thomas Kolle), den er zuletzt auf seinem ersten – „berühmten“ – Konzert in Berlin gesehen, seine temperamentvolle Tante Mina (Barbara Gassner), „die sich nicht geändert hat“. Es ist die von allen lang erwartete Rückkehr des Sohnes, der mittlerweile beinahe so alt ist wie sein Vater. Man tanzt um ihn, es wirkt wie ein Zitat eines Initiationsrituals, eine Wiederaufnahme in den Kreis der Familie.

In dieser hybriden Welt zwischen Leben und Tod, zwischen Sein und Nichtsein, entsteht Wahrheit, weil nichts mehr zu verlieren, auch nichts zu gewinnen ist. Die Standpunkte bewegen sich zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, jede Emotion findet hier Raum, Enttäuschung, Hoffnung, Liebe, Wut, damals ist heute ist heute ist damals. Verbindet also der Tod, was das Leben (die Zeit) trennte? Nein, die gerissenen Fäden lassen sich nicht verknüpfen, Verstehen stellt sich auch jenseits nicht ein. Wie konnte Joe seine Familie einfach verlassen? Warum wollte Jakob nicht erkennen, dass Widerstand sinnlos und die einzige Rettung das Exil war? Es gibt keine Antworten.

Der Raum im Hamakom, dick ausgelegt mit schwarzem Granulat, das an Asche oder Sand gemahnt, ist von kühlem Neonlicht beleuchtet, eingenebelt und beschallt mit Musik aus den Achtzigern, Pop und Techno. Es braucht für die etwas abstrakte Inszenierung Zeit, um sich einzufinden, hineinzudenken, bis man auch wirklich spürt, worum es sich dreht. Zunächst herrscht Distanz (Dis-Tanz), die Nähe bloß behauptet. Gerade beim Hauptdarsteller wirken manche Sätze her- oder aufgesagt, die Bewegungen spröde.
Wer allerdings Erwartungen an einen Sinn fallen und sich einlässt, wird am Ende verstehen, dass hier aufgehen gar nichts kann. Die Wiederholung kann letztlich nichts einholen, Vergangenes ist gegenwärtig und verloren. Doch gerade in dieser Ambivalenz, im flirrenden Zustand unserer Existenz, liegt Schönheit.

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erstellt am 15.3.2019

Plakat

Theater

»Falsch« von René Kalisky

Deutsch von *Ruth Henry
Österreichische Erstaufführung
Regie: Frederic Lion
Raum: Andreas Braito
Kostüme: Andrea Költringer
Musik: Karl Stirner
Choreografie: Jasmin Avissar
Maske: Marianne Meinl
Licht: Andreas Braito, Edgar Aichinger.

Mit: Barbara Gassner, Florentin Groll, Marlene Hauser, Thomas Kamper, Thomas Kolle, Jakob Schneider, Franz Xaver Zach, Katalin Zsigmondy.

Vorstellungen 12.–15., 19., 20. März
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Theater Nestroyhof/Hamakom