Im Wiener Burgtheater hat Simon Stone die »Medea« des Euripides zeitgenössisch überschrieben. Zeit, Ort, Umstände und Personen sind verändert, der Plot aber ist der gleiche. Für Elvira M. Gross ist das neue Stück nicht ohne Wirkung geblieben.

Theater

Wie ist sie, die Liebe Medeas?

Hätte ich eine Tochter geboren, hätte ich ihr den Namen Medea gegeben. Kann dieser Name überhaupt getragen werden? Was ist sein Gewicht, wie schwer wiegt so ein Mythos? „Medea, antikes Ur- und Schreckensbild aller Rabenmütter“, schreibt ein Rezensent, dem die flotten Worte (Wortflotten?) nicht ausgehen. Ist es das Bild, auf das man sich gemeinhin einigen kann? In den ältesten Fassungen war die Königstochter Medea, die „Ratwissende“, als Enkelin des Helios unsterblich und hatte als Priesterin der Hekate verjüngende Zauberkräfte. Bei Hesiod oder Pindar ist von verbrecherischen Trieben noch keine Rede, erst in späteren Versionen wurde ihr Bild zunehmend verdüstert. Allerdings lässt sich auch bei Euripides ihre Rachgier nicht allein auf Eifersucht und blinde Liebe zurückführen, Medea handelt nicht aus dem Affekt. Sie weiß, dass ihren leiblichen Söhnen in der Fremde kein gutes Schicksal beschieden sein würde. Doch: Will man sich mit solchen Fragen der Ambivalenz quälen oder zusehend sich lieber zusehends ergötzen, Leben in extremis vorgeführt bekommen? Gehen wir hin, um von unseren eigenen Tragödien, die doch nur Dramolette sind, abzulenken? Gehet hin, nicht in Frieden. Auf den Grund. Das ist Medeas Credo.
(Während ich dies schreibe, höre ich aus der Wohnung unter mir übersteigertes Kreischen, knallende Türen. Es klingt bedrohlich, vor etwa einem Jahr war ich unsicher, wie reagieren, doch mit der Wiederholung kommt auch die Gelassenheit. Unter mir lebt und arbeitet eine nette Architektenfamilie, ganz harmlos und freundlich wie wir alle.)

Was lässt Medea an ihrer Liebe zu Jason erkennen? Und umgekehrt? „Es wohnt der Liebe ein Bedürfnis inne, an den Früchten erkannt zu werden“, schreibt Søren Kierkegaard, die Heilige Schrift zitierend. Erkennen sie einander in ihrer Liebe? Sind sie überhaupt auf Augenhöhe? Eine Fremde in Griechenland, Korinth, die ausgestoßen, gedemütigt wird, um ihre Liebe, von ihrer Liebe betrogen, verraten. Die für ihre Liebe und Überzeugung jede Grenze überschreitet, alles opfert, um nichts mehr zu haben, nichts mehr zu sein. Dieser nicht abzutötende Rest von Liebe, zu Hass geworden, erstickt alles, sie eingeschlossen.

Steven Scharf (Lucas), Caroline Peters (Anna), Mavie Hörbiger (Clara), Quentin Retzl (Georg), Wenzel Witura (Edgar), Foto: Georg Soulek/Burgtheater

Was zeigt Simon Stone nun in seiner Medea-Bearbeitung „nach Euripides“? Gleich einer Prämisse steht folgendes Zitat am Cover des Programms: „Es ist nicht zu spät, es ist nie zu spät, wieder neu anzufangen. So oft hab ich das irgendwo in Büchern gelesen, und nie hab ich’s geglaubt. Aber jetzt. Jetzt fangen wir neu an. Wir fangen alle neu an.“ Vergessen, was war: das euripidische Bild der Medea, die konkrete Vergangenheit der nouvelle héroïne Anna. Es sind die ersten Worte, die sie, Anna (Caroline Peters) an ihren Mann Lucas (Steven Scharf) richtet, als sie nach einem Psychiatrieaufenthalt zurückkehrt in das fremd-vertraute Leben. Sich neu einlassen. Dass es nicht gutgehen wird, sagt schon der Titel. Caroline Peters spielt in (noch) hoffnungsfroher Unaufgeregtheit, in jeder Mimikfalte lässt sich der innere Kampf ablesen, die Hoffnung, die sich gegen ein Heer von Enttäuschungen bäumt – gegen das sogenannte Schicksal, das doch seine fleißigen Zuarbeiter hat. Nichts auf dieser grellweißen Bühne (von Bob Cousins) lenkt ab, wie im white cube scheint alles gemäldehaft, gleichzeitig klinisch ausgeleuchtet. Wenngleich sich die Figuren Stones spielend in Figuren Euripides’ übersetzen lassen – die Ärztin Anna ist Medea, der aufstrebende ehemalige Assistent Lucas ist Jason, Laborchef Christoph ist Kreon, seine Schwester Clara ist Gauke, die Sozialarbeiterin Anne-Marie Lou ist möglicherweise der Chor oder die Amme –, so verläuft die Geschichte und so sind auch die Charaktere anders.
Stone zeigt eine neue Medea, die auf einer spürbaren Kenntnis des Stoffes beruht, aber völlig frei davon atmet. Er hat Versatzstücke einer Begebenheit aus den 1990er Jahren in die Handlung einfließen lassen, eines versuchten Giftmords einer betrogenen Notfallärztin, die sich an ihrem Gatten rächt und schließlich ihre Söhne tötet, indem sie das Haus in Brand steckt. Man kann Stones Stück auch ohne mythologische Vorkenntnisse sehen, es verstehen. Trotz oder vielleicht wegen seiner Klarheit stellt es einen Egozynismus bloß, ein abgekartetes Spiel im kühlen Verständnisjargon. Anna ist von Anfang an draußen, sie weiß es nur noch nicht. Sie denkt, sie hätte eine reale Chance. Ihr Fremdsein ist im Gegensatz zu Medeas ein konstruiertes, das sie nicht wahrhaben will, ein für die anderen Figuren, ihren Mann Lucas, die Konkubine Clara (Mavie Hörbiger), den Laborchef Christoph (Christoph Luser), äußerst bequemes, dem die vorausgegangene Schuld nicht mehr abzuwaschen ist. Als sie es merkt, ihr bewusst wird, dass in dieser kalten Ordnung nichts mehr in Ordnung, für sie kein Platz ist, will sie Fakten schaffen, die nicht zu korrigieren, nicht aus dem Gedächtnis zu löschen sind. Dieser zerstörten Ordnung, dem letzten Bühnenbild, wohnt ein unheimliches Moment von Ästhetik inne.

Wie viel nun diese Inszenierung am Burgtheater mit Euripides zu tun hat, sei dahingestellt, es gibt Bezüge, und es gibt sie nicht. Stones Medea ist wie andere moderne Bearbeitungen des Stoffes vielleicht ein wenig zu psychologisch, pathologisch und zu wenig verrätselt, zugegeben. Aber in ihrer Wirkung ist sie gerade durch Caroline Peters als Anna-Medea zutiefst erschütternd.

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erstellt am 11.3.2019

Caroline Peters (Anna), Foto: Georg Soulek/Burgtheater

Theater

Medea

Mit: Caroline Peters, Steven Scharf, Mavie Hörbiger, Christoph Luser, Irina Sulaver, Falk Rockstroh, Sandro Eder, Moritz Krainz, Wenzel Witura, Noah Fida, Lucas MacGregor, Quentin Retzl.

Regie: Simon Stone
Bühne: Bob Cousins
Kostüme: An D’Huys, Fauve Ryckebusch
Musik: Stefan Gregory
Licht: Friedrich Rom
Dramaturgie: Klaus Missbach

Weitere Termine: 30. März, 20. April, 29. April.

Burgtheater Wien