1918 erschien der erste Band von Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. In seinem Buch „Spenglers Visionen“ blickt der Philosoph Peter Strasser auf Entstehung und Wirkung der vieldiskutierten Schrift. Gudrun Braunsperger sprach mit ihm darüber.

Gespräch über Spenglers »Untergang des Abendlandes«

»Die Demokratie ist unser Optimum«

Oswald Spengler, Zeichnung von Rudolf Großmann, 1922
Oswald Spengler, Zeichnung von Rudolf Großmann

Gudrun Braunsperger: Herr Strasser, Sie haben jetzt, wenn man so will, mit dieser Geschichtsbetrachtung abgerechnet. Können Sie versuchen, Ihr Urteil zusammenzufassen? Verblasen, unzeitgemäß, präfaschistisch. Trifft es das?

Peter Strasser: Ja, das ist alles richtig. Einerseits ist Spengler natürlich obsolet, weil er sein Geschichtsmodell, könnte man sagen, aus einer Art Metaphysik herleitet, die etwas mit Aristoteles und Goethe zu tun hat, also der Idee des Wachstums von Kulturen, vornehmlich abgeleitet aus dem Pflanzenwachstum. Und es hat auch mit Nietzsche zu tun, wegen dessen Idee, dass wir in einer Spätzeit leben und der Übermensch uns ins Haus stünde. Das ist klar abzulesen im ‚Untergang‘, vor allem auch mit Bezug auf unsere eigene Zivilisation.

Andererseits hat Spengler etwas getroffen, was zu seiner Zeit aktuell, ganz aktuell war, diesen Gegensatz zwischen Kultur und Zivilisation. Es ging ja um die angebliche zivilisatorische Verflachung in einer zusehends kulturlosen Massengesellschaft. Das hat viele Autoren vor Spengler schon zu respektablen Kommentaren bewogen, und es ist auch heute wieder dabei, aktuell zu werden wegen der anlaufenden neonationalistischen und zum Teil ja auch präfaschistischen oder sogar faschistischen Hoffnungen, wonach es mit dieser Demokratie, die ausgebrannt sei, innerlich endlich zu Ende gehe.

Bleiben wir mal bei dem Umfeld, dem kritischen, beziehungsweise auch zustimmenden Umfeld im 20. Jahrhundert. Viele Intellektuelle haben ja damals Spengler gelesen und sich an ihm abgearbeitet und ihm durchaus auch zugestimmt. Sie erwähnen da Robert Musil als einen seiner intelligentesten Kritiker. Adorno hat ihm einen Essay gewidmet und da einiges entgegengehalten. Er sagt aber auch, Spengler habe kaum je einen ebenbürtigen Kritiker gefunden. Wenn man jetzt die Diagnose des Niedergangs per se nimmt, dann waren das auch andere Intellektuelle, Denker. Der Schriftsteller Günther Anders in seiner Technikphilosophie, der Ökonom Joseph Schumpeter in seiner Arbeit ‚Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie‘ von 1942, also ein paar Jahre nach dem Tod von Oswald Spengler. Die haben dieser Diagnose in gewisser Weise auch zugestimmt. Wie erklären Sie sich diese Wirkmacht?

Naja, der erste Band des ‚Untergangs‘ erscheint 1918. Das war unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, und die Deutschen haben sich zutiefst gedemütigt gefühlt durch den Versailler Vertrag und durch das Diktat der Siegermächte. Da war natürlich sehr viel an Boden zu gewinnen für Spengler, wenn er meinte, die Deutschen hätten jetzt eigentlich keine große, tiefe nationale Kultur mehr. Sondern es stünden ihnen dann höchstens noch zivilisatorische Höchstleitungen ins Haus. Damit hat er vor allem technische Leistungen gemeint. Aber das sei zu wenig, um eine Gesellschaft zusammenzuhalten. Die Folge wäre also, dass, wie er meinte, neue, mächtige Führer in Erscheinung treten, welche er ‚Cäsaren‘ titulierte, die sogar ihre Parteien nur benützen, um sie zu instrumentalisieren. Er hat damit Mussolini und auch Hitler im Auge gehabt. Allerdings war ihm Hitler noch zu sehr ein Parteimann, als dass er ihn wirklich hätte schätzen können. Und er hat sich dann auch von ihm äußerlich und innerlich distanziert. Also das war die eine Seite.

Auf der anderen Seite muss man sehen, dass es heute, aber nicht nur heute, sondern schon in den 1960er-, 70er-, 80er-Jahren, viele Intellektuelle gab und gibt, die eine radikale Technikkritik geübt haben. Hinter dieser Kritik steckt stets das Unbehagen, wonach wir eigentlich keine Kultur mehr sind, hier, in dem so viel verschrienen Abendland, sondern eben bloß eine flache Zivilisation. Dazu kommt der Verdacht, dass das Technische selber quasi einen Terror in sich trage, der immer irgendwann praktisch und politisch ausgelebt wird. Günther Anders haben Sie bereits erwähnt, sein Buch über die ‚Antiquiertheit des Menschen‘. Grob gesagt, postuliert Anders: Der Mensch beginne sich vor seinen eigenen Maschinen zu genieren und, indem er ihre Perfektion bewundert, sich ihnen anzupassen, was immer das im Einzelfall heißen mag. In der gegenwärtigen Faszination des Cyborg und der Posthumanismus-Debatte steckt viel von dem, was Anders prophezeite.

In den 60er-Jahren war es dann Herbert Marcuse, der eine radikale Technologiekritik geübt hat. Und Jürgen Habermas redete damals in seinen Publikationen von der ‚instrumentellen Vernunft‘, ja einem entsprechenden Apriori, das durch eine ‚emanzipatorische‘ Sichtweise zu ergänzen, wenn nicht gar abzulösen sei. Das heißt, Zivilisationskritik zieht sich durch. Aber es war später gerade auch Habermas, der bemerkt, dass undifferenzierte Zivilisationskritik zu wenig sei. Weil nämlich die Zivilisation wesentlich den ganzen liberaldemokratischen Apparat erst ermöglicht, der uns hilft, in unserer Gesellschaft friedlich, tolerant und auch mit einigem Wohlstand zu leben.

Sie sprechen jetzt von der Kritik der 60er-, 70er-, 80er Jahre. In ihrem Buch weisen Sie aber auf eine Spengler-Renaissance hin, die ich so verstanden habe, dass sie auf die Gegenwart bezogen ist. Wie steht es heute um Spengler, was beobachten Sie? Wie steht es auch um die Rezeption jenseits des deutschen Sprachraumes?

Also man sieht heute, dass Spengler etwas Nachhaltiges geschaffen hat. Ich glaube, ein Teil von Spenglers überdauernder Faszination besteht darin, dass der ‚Untergang‘ ganz unterschiedliche Motive gleichzeitig befriedigt. Und deswegen ist er auch heute noch aktuell. Das sogenannte christliche Abendland steht nach wie vor in einem schlechten Ruf bei vielen liberal Denkenden, und man könnte sagen: zu Recht. Bei Spengler geht das Abendland notwendigerweise unter, weil es vergreist ist, weil diese ‚faustische Seele‘, die ihm innewohnt – das ist Spenglers Ausdruck – keine kulturleitende Funktion mehr hat. Der Mensch will, um es mit Nietzsche zu sagen, nicht mehr über den Menschen hinaus. Nietzsche phantasierte in seinem Werk ‚Also sprach Zarathustra‘, dass der abendländische Mensch in seiner metaphysischen Fülle einen neuen Stern gebären wolle, ja den Pfeil des Menschen über sich selbst hinausschleudern möchte. Da ist so ein tragischer Schwung, welcher der deutschen Romantik eignet, aber natürlich auch Richard Wagner, man denke an dessen ‚Götterdämmerung‘.

So, dieses Abendland ist erledigt, nur noch museal zu genießen. Was bleibt, ist laut Nietzsche ein Zukunftspanorama, in dem der ‚Letzte Mensch‘ den Ton angibt. Dieser, von dem es heißt, er werde schwerer auszutilgen sein als der Erdfloh, will, als Teil der Massendemokratie nichts anderes, als sein Leben möglichst wohltemperiert zu fristen und möglichst schmerzlos zu sterben. Also keine tieferen kulturellen Werte mehr… Und in diesem Punkt stimmen nun, über Nietzsche vermittelt, sehr viele jener Gebildeten und Halbgebildeten, die von rechts kommen, Spengler zu: Die neuen Nationalisten wollen wieder die Größe ihrer Kultur spüren, sie wollen keine globale Einebnung, sie hassen das EU-bürokratische Denken. Und sie sagen: Da muss etwas Neues her, weg mit dem Utilitarismus und Hedonismus, weg mit dem Gutmenschentum und der Gesinnungsethik. Das alles muss weg und durch eine neue Härte und kämpferische Begeisterung ersetzt werden.

Und so wird Spengler, wohl aus unterschiedlichen Gründen, in unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Ambitionen gelesen. Also ich kann mir vorstellen, dass in einem Land wie China, wo es angeblich eine kleine Spengler-Renaissance gibt, aufgrund der dort herrschenden politischen Verhältnisse, das heißt, in dieser Art von gleichgeschalteter, autoritärer Massengesellschaft mit strikter Konsumorientierung, der ‚Untergang‘ eine gewisse Attraktivität ausübt. Aber die dortige Re-Lektüre Spenglers entspricht wohl nicht jener in den USA, wo sich Teile der Neokonservativen auf ihn berufen, vermutlich ohne sein Werk im Detail überhaupt zu kennen. America first – das wäre für Spengler kein neuer kultureller Aufbruch, sondern eine Vorbereitung zum Showdown eines narzisstischen Möchtegern-Cäsaren.

Jetzt beinhaltet das Spengler’sche Werk ja auf 1200 Seiten eine Fülle von Einzeldiagnosen. Wenn man einiges gesondert betrachten kann, gibt es da aus Ihrer Sicht jetzt auch Diagnosen, mit denen er Recht behalten hat?

Also da bin ich sehr zwiespältig. Einerseits, würde ich sagen, spürt jeder, der in unserer Gesellschaft lebt, dass hier irgendwie etwas zu fehlen scheint. Aber das hat vielleicht immer gefehlt. Diese Art von Tiefe, dieses Verlangen, das ja fast religiös ist, nach einem Lebenssinn. Ja, also das, könnte man meinen, hat Spengler getroffen, hat schon Nietzsche getroffen. Allerdings, was diese Denker nicht gesehen haben, weil sie ja Elitaristen und Volksverächter waren, ist der Umstand, dass in einer Massendemokratie liberalen Zuschnitts eigentlich nichts weiter verlangt werden sollte. Das ist unser Optimum, und es ist das Beste, was die Weltgeschichte für die Massen und zum Schutz des Einzelnen hervorgebracht hat. Unsere Demokratie hat eine Verfassung, welche die Grundrechte schützt, die Menschenrechte anerkennt und ganz allgemein das Volk als Souverän ausweist. Und es ist der Souverän, der seinen Repräsentanten, den Politikern, den allgemeinen Kurs vorgibt, während das repräsentative System selbst anpassungsfähig bleibt an unterschiedliche soziale Probleme und geopolitische Szenarien, die den Sachverstand und das Differenzierungsvermögen der Masse übersteigen.

Also Spengler, für den Menschengeschichte gleich Kriegsgeschichte war, hat die Bedürfnisse der kleinen Leute vollkommen missverstanden. Und er hat sie natürlich auch geringgeschätzt. Ihm zufolge sollten wir ausweglos am Rande großer Kriege, ja eines dritten Weltkrieges stehen, um das Zivilisationsgeschwür auszubrennen. Die Frage ist nur: Damit was entstehe? Natürlich eine neue Kultur, nur welche das sein könnte, sagt uns Spengler nicht. Die nationalistischen Kräfte heute wissen, was sie wollen; sie wollen nach vorne, indem sie nach hinten marschieren, restaurativer Aktionismus ist angesagt, die alte Nation, den Führerstaat gälte es demnach wieder zu etablieren. Das war gar nicht Spenglers Idee!

Was hat Sie dazu motiviert, sich mit Oswald Spengler zu beschäftigen? Wenn ich das so sagen darf, mein Lesereindruck war, dass Sie sich durchaus lustvoll, polemisch an einem Feind abarbeiten.

Sie haben völlig recht. Es ist für mich einerseits diese Lust gewesen, aufzuzeigen, dass Spengler eigentlich ein Mythologe ist, und dass nun aber seine Kulturmythologie trotzdem frappierende Auswirkungen auf viele Intellektuelle hatte und hat. Robert Musil hat das so ausgedrückt: Spengler machte deshalb so viele Fehler, weil er etwas wollte, wovor kleinere Geister zurückschreckten, nämlich sozusagen beide Ufer unserer Kultur zusammenspannen wollte, das Rationale und das Irrationale. Also da ist es schon für einen Autor wie mich, der sich als kleines Licht empfindet, interessant und auch eine Lust, sich in diese Fülle einer Gedankenwelt hineinzuarbeiten.

Aber ich hatte natürlich in erster Linie das Anliegen, unsere eigene Form der Gesellschaft gegenüber dem Spengler’schen Elitarismus und Totalitarismus zu verteidigen. Es ist einfach nicht wahr, dass wir an ein Ende gelangt sind. Im Gegenteil. Ich würde mich auf den Standpunkt eines Liberalen wie John Stuart Mill stellen, der sagt: Das Wichtigste in einer Gesellschaft ist das Gemeinwohl; und das Gemeinwohl verdankt sich, grob gesprochen, dem größtmöglichen Glück, der Abwesenheit von quälender Armut, von Leid und Furcht. So gesehen ist das Gemeinwohl letztlich ausgerichtet auf das Wohlbefinden der Bevölkerung unter Einhaltung der Menschen- und Grundrechte, der gleichen Freiheit für alle, der Leistungsgerechtigkeit und einer fairen Gleichheit der Chancen. Dass unsere soziale Realität diesem Ideal immer weniger genügt, ist ein trauriger Befund, kein Grund mit Spengler zu triumphieren.

Das Gespräch führte Gudrun Braunsperger

Univ.-Prof. Dr. Peter Strasser, geb. 1950, unterrichtet an der Karl-Franzens-Universität in Graz Philosophie. In der Edition Faust erschien zuletzt sein Buch „Land inmitten“.

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Kommentare


MICHAEL ROLOFF - ( 16-03-2019 06:28:32 )
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Mein Vater, Wilhelm Roloff, 1900, wer mit Spengler befreundet & glaubte diessei das Zeitalter


)






der Ingenoere & gluecklicherweise lebten wir nur ganz kurz in meiner Kindheit zusammen, so dass er nur Halb-Bruder Stephen mit dieser Idee traktieren konnte, der als Kuenstler sehr gelitten hat.
Als ich dann endlich Spengler las, bemerkte ich, dass der Vater diese Idee, von Spengler hatte. Die Abenlaendische Kultur kam mir damals schon als etwas eher holpriges vor; und um so mehr ich uralte nur noch von Affen besetzte Staette besuchte um so mehr wurde mir mein eigene Vergaenglichkeit eingebleut. Fuer mich ist Spengler deswegen unwichtig , aber Peter Strasser had ja viel schoenes und interessantes ueber den Empfang erzaehlt.

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erstellt am 09.3.2019

Peter Strasser
Spenglers Visionen
Hundert Jahre Untergang des Abendlandes
Gebunden, 128 Seiten
ISBN-13: 978-3-99100-238-3
Braumüller Verlag, Wien 2018

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