Mit ihrer Band „Evas Apfel“ möchte Imogen Gleichauf die verstaubte Männerdomäne Jazz aufmischen. Faust-Kultur hat mit der 1985 geborenen Schlagzeugerin und Sängerin über Frauen im Jazz und die Zukunft der Musikrichtung gesprochen.

Gespräch mit Imogen Gleichauf

»Es fehlen Vorbilder«

Faust-Kultur: Braucht Jazz eine Kur oder warum ist er insbesondere in Deutschland so wenig populär? Müssen wir uns Sorgen machen, dass er ausstirbt?

Imogen Gleichauf: Jazz, der Begriff alleine macht vielen Menschen schon Angst. Sie befürchten, das ist so eine Musik, die schräg ist, anstrengend, die man nicht genießen kann. Das ist eine weit verbreitete Meinung über Jazz. Insofern eine Kur, dass Jazz wieder mehr fürs Publikum gespielt wird, nicht nur für die Musiker, für Musikexperten. Wir müssen andere Musikeinflüsse zulassen, aber auch Stücke spielen, bei denen die Hörgewohnheiten der Menschen zumindest teilweise angesprochen werden.

Jazz ist hauptsächlich intellektuell, schwer verdaulich?

Ja, das ist wie mit hochkomplexer Literatur. Manchmal muss Musik aber Kompromisse eingehen, einen Mittelweg finden zwischen schwer verdaulich und sehr gut zu genießen.

Das klingt nach einem Spagat.

Ja, weil ich meinen eigenen Ansprüchen als Musikerin mit Jazzbackground gerecht werden möchte, meiner Profession und gleichzeitig versuche, die Zuhörer*innen mit anderen Hörgewohnheiten zu erreichen, bzw. mitzureißen. Und natürlich, diesen Spagat muss eine Musikerin, ein Musiker nicht machen. Aber dann muss man akzeptieren, vor wenig Publikum zu spielen und keine großen Säle zu füllen, wie zum Beispiel einige Jazz-Musiker*innen aus den USA das tun: Diana Krall, Jamie Cullum, Michael Buble, Norah Jones…
Aber zur Frage, ob er ausstirbt. Nein und Ja. Es gibt mehr und mehr Berufsmusiker*innen aus dem Jazz, die Jazzhochschulen sind gut besucht. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, von der Musik zu leben. Die Musiker*innen jedenfalls werden nicht aussterben, die Frage ist eher, ob das Publikum ausstirbt. Auftrittsmöglichkeiten gibt es zum Beispiel wenig, es wird für kleinere Lokale immer schwieriger, Live-Musik stattfinden zu lassen, d.h. sie kann wenig gehört werden. Das liegt u.a. an den hohen GEMA-Gebühren, aber auch an der städtischen Unterstützung. Musik im Bereich Klassik wird viel stärker gefördert als Jazz.

In den traditionell-etablierten Jazzlokalen fällt auf, dass dort vermehrt ein älteres, männliches Publikum anzutreffen ist, das den jazzenden Männern auf der Bühne zuhört. Ist Jazz eine Musikrichtung von Männern für Männer?

Schwierig. Im Moment natürlich ja. Man braucht sich nur die hr-Bigband anschauen, da sitzt keine einzige musizierende Frau drin, höchstens als Sängerin.

Ist an dieser Musik etwas, was typisch „männlich“ ist?

IMO: Der „Testosterongehalt”, der auf der Bühne herrscht, ist ziemlich hoch.

Wodurch zeigt sich dieser „Testosterongehalt“?

Am Energielevel, man spürt und hört eine enorme Power. Man(n) wagt, geht aus sich heraus, entwickelt ganz neue Ideen, wird getrieben von einer Kraft…

Du hast es schon angesprochen: Wenn Musikerinnen im Jazz in Erscheinung treten, dann sind das Sängerinnen. Waran liegt das? Warum gibt es in dieser Musikrichtung kaum Instrumentalistinnen?

Jazzbassistin oder Schlagzeugerin werden zu wollen ist ähnlich selten, wie Aufsichtsratschefin oder Pilotin ein Berufswunsch für junge Mädchen ist. Ich glaube, Chefin oder Pilotin zu sein, verlangt nach Eigenschaften, die in der Gesellschaft immer noch eher den Männern zugesprochen werden: Führungskraft, die eigene Meinung konsequent durchsetzen, ohne doppelten Boden Entscheidungen fällen… Als Teil einer Band braucht man aber genau diese Qualitäten, man muss den „Laden“ zusammenhalten. Dazu fehlen Vorbilder, denn die braucht es, damit mehr Frauen sich diese Aufgabe vorstellen und zutrauen können, das ändert sich zum Glück langsam.

Für Sängerinnen gibt es schon länger große Vorbilder wie Billie Holiday, Ella Fitzgerald…

Ja, sicher. Sängerinnen haben dazu auch noch eine andere (nicht weniger wichtige Aufgabe) in einer Band. Sie können durch Text und Melodie direkter Emotionen rüberbringen, sind das “Salz in der Suppe” aber weniger die „Gabelstaplerfahrerinnen auf der Baustelle”…

Musikalisches Talent alleine reicht also oft nicht aus, um erfolgreich zu sein. Du bist 2014 Stipendiatin des SOFIA Förderprogramms für Musikerinnen im Jazz gewesen. Wie sieht es mit anderen Förderungen aus?

Die erste staatliche Förderung ist ja ein Studium. Nach meinen Erfahrungen haben Frauen zwar gute Chancen die Aufnahmeprüfungen an den Hochschulen zu bestehen, vielleicht manchmal sogar bessere als Männer, weil es eben so viel weniger Frauen im Jazz gibt. Trotzdem haben sie es danach nicht leicht: Die Hochschule ist eine Männerdomäne, in der du dich als Frau durchsetzen musst. Sexismus und die Reduzierung auf dein Geschlecht sind häufige Erfahrungen. Du wirst als musizierende Frau, der die Musik über alles geht, leider immer wieder auf deinen Körper reduziert. Dein Frau-Sein wird selten vom Musikmachen getrennt. Sich da durchzusetzen und ein gesundes Selbstbewusstsein aufzubauen ist nicht immer leicht.
Förderungen im Bereich Jazz gibt es allgemein nicht viel, sie müssten verstärkt werden.

Können Jazzmusikerinnen an ihrer randständigen Lage selbst etwas ändern, um stärker wahrgenommen zu werden?

Ja, sicher. Mutiger sein, häufiger wagen, Führung zu übernehmen, sich zusammenschließen und gegenseitig unterstützen, ohne Parallelwelten entstehen zu lassen. Dranbleiben, dranbleiben, dranbleiben. 150 Prozent geben.

Autorinnen wie Ingeborg Bachmann oder Christa Wolf haben in der Literatur den Begriff des „weiblichen Schreibens“ geprägt und sich immer wieder schreibend die Frage nach seiner Essenz gestellt. Eine Essenz, die schwer erkennbar ist und teilweise erst hergestellt werden muss, weil sie durch eine seit Jahrhunderte wirkende, von Schriftstellern geprägte Erzählweise unterdrückt oder überlagert worden ist. Würdest du sagen, dass das für die Jazzmusik gleichfalls gilt? Wie spielen Frauen Jazz?

Ich mache die Weiblich-Männlich-Schublade ungern auf. Allerdings höre ich immer wieder, dass jazzenden Frauen vorgeworfen wird, dass sie keine „Eier” haben, nicht grooven können. Musikalisch ist damit gemeint, dass die Frauen nicht so eine Power auf der Bühne haben, weniger Energie entwickeln, wie einige männliche Kollegen. Ich denke, manchmal ist da was dran. Das liegt wahrscheinlich an der Sozialisation. Wir fühlen uns oft seltsam damit, aus uns heraus zu gehen, öffentlich in Ekstase zu verfallen. Was nicht bedeutet, dass wir das nicht könnten. Übrigens: Ein zartes Spiel, wie es Frauen oft zugeordnet wird, sollte auf keinen Fall aufgegeben werden, auch nicht von den Jazzern (einige Musiker wie Brad Mehldau am Klavier machen das richtig gut!). Auch darf es nicht darum gehen, das Spiel der Jazzer zu imitieren, nur um in der Szene anerkannt zu sein. Vielleicht geht es zuletzt darum, Vielfalt und andere Spielweisen zuzulassen, egal ob mit „Eiern” in der Hose oder ohne.
Eine herausragende Qualität bemerke ich bei Musikerinnen aber immer wieder:
Sie nehmen das Publikum stärker wahr. Nicht umsonst kenne ich einige Musikliebhaber*innen, die Jazzern gerne mal vorwerfen, dass da auf der Bühne nur für sich selber und nicht für die Zuhörer musiziert wird. Viele Musikerinnen die ich kenne „sprechen“ beim Spiel nicht nur mit den Bandmitgliedern, sondern auch mit dem Publikum, nehmen die Stimmung im Raum stärker wahr und reagieren dann darauf. Das verändert auch die Musik, so kann Jazz noch mehr zu einem auch kommunikativen Erlebnis werden.

Also wird Jazzmusik nicht aussterben, wenn in Zukunft mehr (kommunikative) Musikerinnen auf der Bühne stehen?

(lacht). Es wird die Musik in jedem Fall noch weiter bereichern.

Das Gespräch führte die Faust-Redaktion

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erstellt am 08.3.2019

Imogen Gleichauf, Foto: Alex Schnoor
Imogen Gleichauf, Foto: Alex Schnoor

Imogen Gleichauf, geboren 1985 in Freiburg im Breisgau, begann ihre musikalische Laufbahn mit Bratsche und Klavier. Mit fünfzehn Jahren entdeckte sie die Liebe zum Schlagzeug. 2005 folgte ein Musikstudium in Weimar (Diplom Jazzschlagzeug) und Verona. Seit 2011 lebt und arbeitet sie als freischaffende Musikerin im Rhein-Main-Gebiet. 2014 war sie Stipendiatin des SOFIA Förderprogramms für Musikerinnen im Jazz.
Women in Jazz ist eine Konzertinitiative ihrer Band EvasApfel und findet am 14. März 2019 in der Milchsackfabrik Frankfurt statt.