Tuschicks Kolumne

Geschliffener Meilenstein

Im Epizentrum des neuen Romans von Brigitte Glaser steht eine Sternstunde der alten Bundesrepublik: Willy Brandts Wiederwahl (nach einem konstruktiven Misstrauensvotum) am 19. November 1972. In einem breiten Randgeschehen kommen viele Zeitzeugen zum Zug, wie Jamal Tuschick weiß.

In die Fiktionalisierung historischer Ereignisse sind zwei Frauenschicksale verwoben. 

Beide Frauen haben Grund, sich zu fürchten. Ihnen droht Verrat.

„Verrat ist die gültige Währung“, sagte Glaser in einem Interview.

In der Umgebung dieser aufgeladenen Konstellation gärt eine Mischung aus breitem Behagen und Aufstandsbereitschaft. Brandt, der 1969 knapp Kanzler wurde, erlebt 1972 seinen größten Triumph. Bei einer Wahlbeteiligung von über neunzig Prozent wird er mit 45,8 Prozent der abgegebenen Stimmen (in einer vorgezogenen Wahl) im Amt bestätigt. Doch der von den eigenen Leuten hart angegangene Tribun ist zermürbt. Kurz nach dem Sieg müssen seine Stimmbänder geschält werden. Herbert Wehner und Helmut Schmidt nutzen die Rekonvaleszenzabsenz, um ihren Chef in den Koalitionsverhandlungen zu hintergehen.

Die Logopädin Sonja Engel bemüht sich um Brandt in der Bonner Universitätsklinik auf dem Venusberg. Ihr entgegengesetzt erscheint Hilde Kessel, die resolute Wirtin des titelstiftenden Restaurants „Rheinblicks“, einem Treffpunkt der Rheinischen Republik und ihrer Intriganten. Hildes Dreck am Stecken sorgt für Spannung im Roman.

Hilde weiß, welche Hinterbänkler auf zu großem Fuß leben und folglich für Zuwendungen empfänglich sind. Die Schwäche eines Menschen durchzieht den Charakter. Das Defizit trägt viele Namen. Der Wunsch nach Anerkennung ist ein Fass ohne Boden. Wer einen Schmeichler nicht in die Schranken weist, lässt sich auch bestechen. Prassend schlittert er über die Strecke seines Niedergangs.

Die Frage lautet: Wer ließ sich bestechen, um Brandts Kanzlerhals beim Misstrauensvotum zu retten? Oppositionsführer Rainer Barzel hatte schon einen Friseurtermin im Kanzleramt vereinbart. Das Votum scheiterte an der Käuflichkeit von Abgeordneten. Im Fall des Parlamentariers Julius Steiner bleibt nichts interessanter, als die Behauptung Brandts, Steiner habe doppelt kassiert. Karl Wienand, 1972 Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD, soll im Auftrag der Doppelspitze Brandt/Bahr Steiner mit fünfzigtausend Mark bewogen haben, sich der Stimme zu enthalten.

Bei Hilde kreuzt Wienand als Erwin Tibulski auf. Glaser markiert Tibulski mit Wienands Meriten – mit sechsundzwanzig Jahren jüngster Abgeordneter im Deutschen Bundestag, als Mann für heikle Fälle hochrangig gehandelt. Er endete als schräge Figur mit Knast-Hautgout, die sich Bestechlichkeit nachsagen lassen musste. 

Hilde kennt alle, so auch Max Dorando, dem am Wahlabend das Unglück in Gestalt eines Schlägers begegnet, der ihn grob ermahnt, Schulden zu begleichen. Max studiert, fährt Taxi und wohnt mit Kurt zusammen. Vielleicht habe ich noch ein Klischee übersehen.

Das Geschehen folgt einer Raumzeit-Choreografie und so den Suggestionen des Chronologischen als einer Simulation von Zwangsläufigkeit. Glaser verbreitet Zeitungswissen. Sie wiederholt, was Egon Bahr uns in den Jahrzehnten seiner politischen Ohnmacht anvertraute. Etwa, dass Schmidt dagegen war, 1969 die CDU/SPD-Koalition platzen zu lassen. Oder wie Schmidt Kanzleramtschef Horst Ehmke („Der Spezialist für alles“) beurteilte. Anschaulich schildert sie, wie die sozialdemokratische Gefolgschaft Brandts Furioso nutzte, um hinter dem Kunstnebel zum Theaterdonner der Konvergenztheorie aufzurücken; indes die Galionsfigur demontierend. Brandts politische Zugänglichkeit war auch vielen Genossen ein Gräuel. 
Ja, Brandt hätte gegen die Genossen regieren müssen, fand dazu aber nicht die nötige Form. Anders als dann Schmidt und Schröder. Vielleicht ist die SPD ihrem Wesen nach eine Machtverhinderungspartei. An anderer Stelle mehr dazu.

Glaser bedient sich bei der Patina des Kölsch trinkenden Klüngels im Kranz der kleinen Schnellkipper und im Geist von Adenauers Rosenzuchtphilosophie. Manchmal trifft sie die Töne einer verlorenen Zeit und ich erkenne die Zeichen wieder.

Man kann den Roman wie einen Krimi lesen und genauso wie ein fleißiges Gesellschaftsstück. Es wird viel zusammengetragen. „Bonn im November, ein Eldorado für Depressive“ – noch vor dem 21.11.1972 bricht in Sonjas Wohngemeinschaft „eine Grundsatzdiskussion“ aus. Zeitgleich wird der „Rheinblick“-Tresen zum heimischen Herd für Anschluss suchende Abgeordnete. Plötzlich steht da Lotti, eine wild entschlossene Journalistin aus dem Badischen, die das parlamentarische Greenhorn Wolfgang Schäuble als einen von uns für ein Provinzperiodikum porträtieren soll. „Auf dem heißen Bonner Pflaster“ gibt sie Max‘ Begehren ein neues Ziel.

Ganz zum Schluss erinnert die Autorin daran, dass 1972 das Wahlalter von einundzwanzig auf achtzehn Jahre herabgesetzt wurde. Auch das ist ein geschliffener Meilenstein der Nachkriegsgeschichte.

Brigitte Glaser, Rheinblick, Roman, Ullstein/List, 432 Seiten

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erstellt am 07.3.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.