„Nach Nordkorea“ ist ein Reise-Essay von Michael Ostheimer. Seine Erfahrungen in dem totalitär regierten Land gibt der Autor bewusst in Versform, ohne Satzzeichen und von Fotografien begleitet wieder. Faust-Kultur veröffentlicht das Prosagedicht in drei Teilen.

Originaltext, Teil 1

Nach Nordkorea

Von Michael Ostheimer

I. Prolog

Im Mai 2012 fand ich
Beim Joggen im Chemnitzer Zeisigwald
Ein zerrissenes Fähnchen mit Nordkoreas Flagge
Barg es in der Bauchtasche meines Kapuzenpullovers
Trottete mit abenteuerlichen Gedanken nach Hause
Der Riss durch das Papier
Schien dem zu entsprechen
Der seit meiner Nordkorea-Reise 2004
Als Teil einer internationalen Gruppe von 9 Personen
Mein Selbstverständnis durchzog
Wie sprechen über eine heillose Verwirrung
Wenn Floskeln nicht kurieren
ZÄSUR IN MEINEM LEBEN
TOTALITARISMUS SELBST ERLEBT
UNGLAUBLICHE PLASTIZITÄT DES MENSCHEN
Wenn die geläufigen Anekdoten
Garniert mit den immer gleichen Fotografien
Den inneren Wort- und Bilderhaushalt
Vom Marktplatz des freien Tauschs verwandeln
In ein Museum
Versteinerter Wort- und Bildblöcke
Dann tröstet der Glaube
Jede grundlegende Erfahrung
Finde die ihr gemäße Form irgendwann selbst

II. In Nordkorea

1

Am Bahnhof des Grenzorts Sinuiju
Erhebt sich hinter einer Betonmauer
Die überlebensgroße Statue
Des jungen Kim Il-sung
Geteilt für meinen Blick
Von Elektrokabeln abgetrennt der Rumpf
Die Rechte erhoben zum Gruß
Mit seiner Geburt begann neu die Zeit
Zehn Jahre nach seinem Tod
Als sich der offiziellen Biographie zufolge
DAS GANZE LAND IN EIN MEER
VON WEHKLAGEN UND TRÄNEN VERWANDELTE
Das Visum schreibt das Juche-Jahr 93
Benannt nach der herrschenden Ideologie
Wird Kohlegrus in Bahnwaggons geschaufelt
Entfernt ein gähnender Beamter im schwarzen Anzug
Direkt vor meinen Augen
Mit einem winzigen Edelstahlschaber seinen Ohrenschmalz

2

Im Speisewagen versorgen uns nordkoreanische Soldaten
Das Essen ist aus
Mit ihrem in China gekauften Trockenfisch
Wir trinken unter den Porträts von Kim Il-Sung und Kim Jong-il
Aus großen Flaschen braunes Taedonggang-Bier
Benannt nach dem Fluss
Der Pjöngjang teilt
Vorbeiziehen karge Hügellandschaften
Minutiös bewirtschaftete Felder
Mein Blick aus dem Fenster fällt
Auf eine Erdkuhle
In der ein Kleinkind liegt
Behütet von einer Decke
Unweit die vermutlichen Eltern
Bearbeiten mit Hacken den Acker
In mir machen sich später Zweifel breit
Als ob was Wahrnehmnung schien
Tatsächlich eine Sinnestäuschung war
Projektion eines erhitzten Gemüts
Begünstigt durch chinesische Geschichtsdarstellungen
Vom Leben in Erdlöchern aus Mangel
Oder durch die Lektüre Arno Schmidts
Vom Traum einer Existenz
Im Inneren eines KLEINST=CRATERS

3

Am Bahnhof der Hauptstadt
Schrumpft der Freiheitsgrad
Auf die Vorgaben von zwei Guides
Übersetzer und Aufpasser in einem
Werden aus den Touristen
Blitzartige Metamorphose
Staatsgäste in fürsorglichen Händen
Nur die Gruppe zählt
Ein Störfaktor der Einzelne
Den das System an der Leine hat
Eigenmächtigkeiten verpönt
Handle stets so
Dass die Maxime deines Willens zugleich
Als Prinzip der allgemeinen Erwartung gelten könnte
Beim Abendbier in der Bar des Hotels KORYO dagegen
Braucht man jungen Reisekadern
Der DEMOKRATISCHEN VOLKSREPUBLIK KOREA
Strotzend vor Selbstbewusstsein
Sicher im Englischen wie im Chinesischen
Nicht zu kommen mit der politischen Korrekheit
Einer möglichen Wiedervereinigung nach deutschem Muster
Oder mit einer Provokation
Namens George Orwell
Über dessen bescheidene Sozialpsychologie
In der Parabel FARM DER TIERE
Sie sich lauthals lustig machen

4

In der sozialistischen Musterstadt Pjöngjang
Standardisierter Massenwohnungsbau
Breite Prospekte mit monumentalen Gesellschaftsbauten
Herrscht kein geschäftiges Treiben Durcheinander Lärm
Wie in asiatischen Metropolen üblich
Sondern Ordnung Sauberkeit Ruhe
Kreuzungen haben Fussgänger oder Fahrradfahrer
Durch Unterführungen zu passieren
Den kaum vorhandenen Verkehr regeln
Junge Polizistinnen in adretter Uniform
Mit genau abgezirkelten Gesten
An den Bushaltestellen stehen die Wartenden
Entlang der Bordsteinkante akkurat Schlange
Gedeckte Farben dominieren
Ausgenommen die Nationalflaggen an den Straßenlaternen
Oder die Frauen im traditionellen Kleid
Aus Polyester heutzutage
Der Himmel ein Wolkenband der Verzagtheit

5

Foto: Ingo Schöningh
Foto: Ingo Schöningh

Nordkorea präsentiert sich uns als ein Land
Der kommunikativen Asymmetrie
Der ungefragten Antworten
Der unbeantworteten Fragen
DER GROSSE FÜHRER GENOSSE KIM IL-SUNG…
Passepartout für alle Lebenslagen
Greift nicht bei den schlichten Fragen
Die sich Fremde seit Homers Zeiten stellen
Wohin Woher
Wohin etwa geht die ältere Frau mit dem Kleinkind im Huckepack
Auf dem Mansudae-Hügel
Dem zentralen Ort des Führerkults
Woher kommt der Mann im braunen Anzug
Der ihr hinterherschaut
Oder ganz im Eigeninteresse
Warum fällt entgegen dem verabredeten Programm
Der Besuch der 1.-Mai-Soiree aus
Warum wurde unser Gepäck im Hotelzimmer durchsucht
Zumal so offensichtlich
Ganz zu schweigen von Fragen wie
Gibt es spezifische Symptome für den mentalen Erwartungsdruck des Systems
Welche Rolle spielen Träume in der Familie unter Freunden in der Gesellschaft
DER PROZESS
IN DESSEN VERLAUF WIR ALLMÄHLICH ANDERE MENSCHEN
ALS ‚EINEN VON UNS‘ SEHEN STATT ALS ‚JENE‘
HÄNGT Richard Rorty zufolge
Dessen Reiselektüre ich mir als geistiges Antidot verschrieben habe
AB VON DER GENAUIGKEIT
MIT DER BESCHRIEBEN WIRD
WIE FREMDE MENSCHEN SIND
UND NEUBESCHRIEBEN
WIE WIR SIND
An der Verborgenheit des Denkens scheitern
Selbst Liebende und das mächtigste System
Ein Reservoir für Tragödien
Eine Farce des kategorischen Nichtwissens hier
Wenn für den Besucher
Was auch immer der Fall ist
Vom praktischen Alltagsleben
Bis zum sozialen und politischen Funktionszusammenhang
Hinter der Grenze des Erfahrbaren beginnt
Stiften infolge bewussten Nichtwissens
Womöglich die Unschärfe des dem Blick Entzogenen
Der Ausnahmezustand einer aktiven Unentschiedenheit
Fragmente von Wirbeln zusammenstoßender Ereignisse
Auch eine Art von Erzählung
DIE ZWEITBESTE FAHRT

6

Das LAND DER MORGENFRISCHE
Wie noch 1956 der ostdeutsche Schriftsteller Max Zimmering
Der idyllisierenden Tradition gemäß
Sein Nordkorea-Buch nannte
Erscheint mir als ein Land
Der Inszenierung und der Bilder
Vor der 20 Meter hohen Statue Kim Il-sungs
Bedeutet man uns die Ablage von Leihblumen samt Verneigung
Für deren Aufzeichnung ein Kameramann bereitsteht
Der nunmehr selbst zum Gegenstand wird
Mit mir in der Rolle als Beobachter zweiter Ordnung
Die visuelle Repräsentation Nordkoreas generiert enigmatische Szenarien

Eine Fotografie David Guttenfelders aus dem Jahr 2011 zum Beispiel
Die Jahre über meinem Schreibtisch hing
Zeigt im Vordergrund ein Mädchen im hellblauen Einteiler
Mitten im Spagatsprung
Dahinter vier weitere Mädchen in Pandakostümen
Und vermutlich eine Betreuerin
Vor Nadelbäumen
In meinen Augen symbolisch für Nordkorea
Wie eine an das Zeitalter
Der technischen Reproduzierbarkeit angepasste Version
Von François de Només manieristischen Gemälden
Mit Szenen aus der christlichen Mythologie
Vor ruinöser Architektur oder freudloser Landschaft
Märchenspiele vor dürrer Kulisse hier
Disneyland ist abgebrannt
Ein Triptychon aus
Stockender Bewegung
Kryptischen Kontexten
Unbehaglicher Natur
Bei den Arirang-Massenfestspielen etwa
Bemühte die nordkoreanische Propaganda
Gerne Tänzerinnen und Pandakostüme
Zur theatralischen Demonstration
Der sino-koreanischen Freundschaft
Bis die Zuneigung zum Reich der Mitte
Nach 2012 erkaltete
Die Plüschpandas in den Fundus wanderten
Nachzuschauen auf Youtube
Wer sich ein bewegtes Bild machen möchte
Martin Heidegger zufolge heißt modern
Wer ein Weltbild besitzt
Kein Bild von der Welt hat
Sondern die Welt als Bild begreift
Im Zeitalter des Weltbilds
Verliert der Mensch seine Stellung
Als Subjekt einer Welt
An den Schein als Schein
Vollenden sich Geschichte Wahrheit im ALS OB
Der Bilderwelt als zweiter Welt
Die Macht hat
Wer die Verfügungsgewalt über die Bilder besitzt
In seinem Buch ÜBER DIE FILMKUNST
Schreibt Kim Jong-il
DAS WAHRE ZIEL DER FILMKUNST BESTEHT DARIN
DIE MENSCHEN ZU KOMMUNISTEN ZU ERZIEHEN
UND DIE REVOLUTION VORANZUBRINGEN
DIESES ZIEL WIRD ERREICHT
DURCH SCHAUSPIELER ALS VORBILDER ECHTER MENSCHEN

7

Im Fahrstuhl des Juche-Turms
Erbaut 1982 anlässlich des 70. Geburtstags von Kim Il-sung
Am Ufer des Taedong-Flusses
170 Meter hoch und aus 25550 Granitblöcken
Einen für jeden seiner Tage
Ein Heiligtum westlichen Kathedralen vergleichbar
Sucht mein Schwindel nach Halt
Juche bestehend aus den Zeichen für HERR und KÖRPER
Also HERR ÜBER SEINEN KÖRPER
Oder SUBJEKT DES EIGENEN SCHICKSALS
Anfang der 1960er Jahre verstärkt propagiert
Zur Abgrenzung von den OBJEKTEN Moskau und Peking
Verbindet Sozialismus Nationalismus Führerprinzip
Zur Gestaltungsfreiheit des Führers im Namen Kim Il-sungs Kim Jong-ils
Und des heiligen Juche
Dessen Geist der internationalen Verständigung auch Ausländer huldigen
Folgt man den vielsprachigen Steintafeln am Fuße des Turms

Auf der Aussichtsplattform eröffnet sich unterhalb einer riesigen Fackel
Was als Heimstatt der vergegenwärtigten Zukunft
Aus dem Koreakrieg aufstieg
Worin sich zu tummeln auf eigene Faust
Uns nicht explizit untersagt worden war
Wird zum Ziel des späten Abends
Mit zwei Freunden nehme ich mir ein schlechtes Besipiel
An einigen vermutlich selbständig ins Hotel zurückkehrenden Touristen
Wir schleichen uns führungslos um die Straßenecke
Weichen Fahrradfahrern aus
Mit an die Dunkelheit noch nicht gewöhnten Augen
Erkennen mit Not eine Metallbrücke
Die eine Bahnstrecke überquert
Machen kehrt angesichts des wenig Versprechenden
Werden prompt
Ohne die andere Richtung erkundet haben zu können
Von einem unserer Guides abgefangen
Ohne sein Beisein erklärt er uns
Außer Atem wie voller Empörung
Sei unser Umherstreifen unmöglich
Wir ringen ihm einen Nachtspaziergang ab
Erblicken die Auslagen einer Spätverkaufsstelle für Getränke
Führerbildnisse in spärlich möblierten Wohnungen
Paradierende Wachmannschaften mit Stahlhelm und Maschinengewehr
Vor zu schützenden Villen
Auf der anderen Straßenseite erkenne ich ein Pärchen
Er in Soldatenuniform
Mit großem Stoffrucksack sie
Hand in Hand gehend
Ein wärmender Zaubermantel die Dunkelheit
Enthüllt in einer von Intimitätsbekundungen
Befreiten Öffentlichkeit
Einen Anschein von Zuneigung

Die nicht anders gekennzeichneten Fotos sind vom Autor.

Fortsetzung folgt.

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erstellt am 05.3.2019

Zum Autor
Michael Ostheimer, Foto: Erik-Jan Ouwerkerk
Michael Ostheimer, Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

Michael Ostheimer, Studium der Germanistik, Griechischen Philologie und Volkswirtschaft in Tübingen und Berlin. Promotion mit einer Studie über Heiner Müller, DAAD-Lektor an der Peking-Universität, Habilitation mit einer Arbeit über den neuen deutschen Familienroman. Lebt und arbeitet als freier Autor und Literaturwissenschaftler in Berlin. Zuletzt als Buch: „Leseland“ über Zeit-Raum-Verhältnisse in der DDR- und Post-DDR-Literatur (Wallstein) und „Sichtspiele“ über Filmkunst (Distanz).