Bertolt Brechts Lehrstück „Die Maßnahme“ hat kontroverse Reaktionen ausgelöst. Es fragt nach der Legitimation von Gewalt im Namen der Revolution. Jetzt ist Enrico Lübbes Leipziger Inszenierung der „Maßnahme“, verknüpft mit Aischylos' „Persern“, als DVD erschienen. Thomas Rothschild stellt die Aufnahme vor.

DVD

Krieg und Revolution

In der Literatur wurde die Berechtigung von Gewalt, nicht nur in der Französischen Revolution, sondern grundsätzlich gegenüber gewalttätigen Machthabern, gegenüber Persönlichkeiten, die die herrschende Macht symbolisieren, aber auch gegenüber Verrätern aus den eigenen Reihen immer wieder und keineswegs nur mit ent­schiedener Ablehnung diskutiert – bei Dostojewskij, Romain Rol­land, Wsewolod Wischnewskij, Michail Schatrow, in Brechts „Maßnahme“, aber auch in den „Tagen der Commune“, in den „Gerechten“ von Camus, den „Schmutzi­gen Händen“ von Sartre, bei Peter Weiss, Tankred Dorst und immer wieder bei Heiner Müller.

In der „Maßnahme“ geht es darum, ob die Ermordung eines Genossen gerechtfertigt ist, wenn durch ihn ein revolutionäres Ziel gefährdet erscheint. Darin heißt es: „Wer für den Kommunismus kämpft, hat von allen Tugenden nur eine: dass er für den Kommunismus kämpft.“

Brecht selbst war bei seinem 1930 geschriebenen und uraufgeführten und 1931 erstmals umgearbeiteten Lehrstück nicht ganz behaglich. Nach 1945 hat er die Zustimmung zu einer Aufführung in der Regel verweigert. „Die Maßnahme“ hat in der bürgerlichen und reaktionären Presse sowieso, aber auch innerhalb der Arbeiterbewegung kontroverse Reaktionen hervorgerufen. Die Unterstellung, Brecht habe mit diesem Stück die Moskauer Schauprozesse vorweg beschönigt, die sechs Jahre später stattfanden, hat den Blick auf eine tatsächlich weit in die Zukunft verweisende Dramaturgie verstellt. „Die Maßnahme“ mit ihrem Aufbau nach dem Muster einer naturwissenschaftlichen Versuchsanordnung wirkt bis heute moderner als vieles, was gegenwärtig für das Theater geschrieben wird. Es besteht das Paradox, dass Brechts Anregungen längst in den Bühnenalltag eingegangen sind, häufig auch missverstanden wurden, er selbst aber zunehmend in Vergessenheit gerät.

Das Spiel im Spiel verleiht der in China angesiedelten Fabel, ähnlich wie in Brechts „Kaukasischem Kreidekreis“, den Rang einer Parabel. Die Zuschauer sind aufgefordert, sich zu den vorgeführten und von einem Kontrollchor kommentierten exemplarischen Szenen ein eigenes Urteil zu bilden. Mit dem heutigen regressiven Mitmachtheater hat das wenig zu tun. In Hanns Eislers Musik sind seine Erfahrungen als Schönberg-Schüler wie als Leiter von Arbeiterchören eingegangen. Unverwechselbar – die Marschrhythmen mit den charakteristischen Bläserstaccati.

Der Regisseur Enrico Lübbe nimmt Brechts Methode ernst. Maskierte Darsteller führen in seiner Leipziger Inszenierung, die jetzt als DVD vorliegt, die Situationen, die es zu beurteilen gilt, extrem antiidentifikatorisch vor, wie Roboter fast. Äußerlich mag das an Susanne Kennedys „Selbstmordschwestern“ denken lassen, aber Kontext, ideologischer Hintergrund und Wirkungsabsicht sind nicht vergleichbar.

Gespielt wird vor einer Wand von Etienne Pluss, deren quadratische Felder sich zugleich funktional und manieristisch verschieben lassen und zu allerlei Effekten dienen. Was „Die Maßnahme“ von anderen Stücken über revolutionäre Gewalt unterscheidet und noch einmal problematischer erscheinen lässt, ist dies: Die Gewalt richtet sich nicht gegen den erklärten Gegner, sondern, im Interesse der „Sache“, gegen einen Genossen. Das, in der Tat, lässt an den Stalinismus denken, dem in nicht geringer Zahl just Kommunisten zum Opfer fielen. Was Robespierre am 5. Februar 1794 vor dem Konvent erklärt und was der Gewalt eine Legitimation als Antwort auf Gewalt verliehen hat, kann hier keine Anwendung finden: „Gleicht euer Terror dem des Despotismus? Ja, so wie das Schwert in den Händen des Freiheitshelden dem in den Händen der Vasallen der Tyrannei gleicht.“

Enrico Lübbe verknüpft „Die Maßnahme“ übergangslos mit einer stark, namentlich um die lange Einleitung des Chors gekürzten Fassung der „Perser“ des Aischylos in der Übersetzung von Durs Grünbein. Die Hälfte des minimalistisch inszenierten Rests nimmt ein Botenbericht ein, der von den Schrecken des Krieges handelt. Hier bleibt kein Platz für die Rechtfertigung von Gewalt, auch wenn es sich, wie Durs Grünbein im Beiheft beteuert, nicht um ein Antikriegsstück handelt. Aischylos lässt seine Figuren nicht diskutieren wie Brecht, sie verkünden. Der Chor, der in der „Maßnahme“ unsichtbar blieb, wird jetzt zu einem wichtigen Akteur. Er stellt Fragen an den unrühmlichen Xerxes. Die Antwort geben die Leichen, die am Schluss auf der Bühne liegen.

Videotrailer: Enrico Lübbes Leipziger Inszenierung „Die Maßnahme / Die Perser“

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erstellt am 04.3.2019

Brecht & Eisler / Aischylos
Die Maßnahme / Die Perser
Inszeniert von Enrico Lübbe
DVD
belvedere 08046

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