Mit ihrer Inszenierung von Smetanas Oper „Dalibor“ hat Florentine Klepper wie selten Missmut und Ärger erzeugt. Stefana Sabin war bei der Premiere in Frankfurt dabei.

Oper

Ohne Witz und Wirkung

Vielleicht ist Bedřich Smetana im europäischen Westen tatsächlich ein verkannter, unterschätzter Komponist. Zwar führen tschechische Gastorchester gelegentlich seine sinfonischen Schlager wie die Moldau oder Mein Vaterland auf und lassen sich mit seiner Verkauften Braut immer wieder die Opernsäle füllen, aber seine anderen Bühnenwerke werden hierzulande nicht gespielt. Bis letztes Jahr das Staatstheater Augsburg Smetanas Oper Dalibor wiederentdeckt und für ihre Inszenierung im nationalen Feuilleton viel Lob bekommen hat. Nun hat auch die Oper Frankfurt diese Smetana-Oper auf die Bühne gebracht – und mit dieser Inszenierung das sonst wohlwollende Premierenpublikum zu heftigen Buhrufen genötigt und das lokale Feuilleton einigermaßen entsetzt.

Dalibor gilt als tschechische Nationaloper. Ausgehend von einer historischen Episode aus dem 15. Jahrhundert wird der Raufbold Dalibor, der die Bauern gegen die Obrigkeit aufwiegelte, als Freiheitskämpfer inszeniert. So wurde die Oper 1868 bei der Grundsteinlegung des Nationaltheaters in Prag uraufgeführt, dessen Bau symbolisch für die kulturelle Eigenständigkeit der Tschechen und also gegen das Wiener Kaiserhaus stehen sollte. Dementsprechend war die Premiere ein Erfolg, aber danach verlor die Oper schnell an Beliebtheit, und sie wird heute auch in Tschechien selten gespielt.

Smetana setzte den Funken der Freiheitsbewegung in eine ausdrucksstarke Tonsprache um und griff zur Leitmotivik nach wagnerschem Muster, während sein Librettist Josef Wenzig einen deutschsprachigen Text voller Pathos dazu schuf. (Ervín Špindler schuf ein zweites Libretto in tschechischer Sprache für die zweite Aufführung.) Darin wird die Geschichte des Ritters Dalibor erzählt, der einen Grafen tötet, um seinen Freund zu rächen, und dabei zum Beschützer der Bauern wird, zum Volksaufstand aufruft und schließlich vom König verhaftet und verurteilt wird. Historisch nicht unumstritten, wird Dalibor in der Oper zum Helden stilisiert, dessen Stärke sogar seine Hauptanklägerin zur Verbündeten, dann zur Retterin à la Leonore mutieren lässt – und so gibt es also auch eine Liebesgeschichte, die gattungsgemäß tödlich endet.

Kameramänner auf Rollschuhen: „Dalibor“ an der Oper Frankfurt, Foto: Monika Rittershaus

In Frankfurt wurde die mittelalterliche Geschichte in den modernen Alltag geholt und Femen, Gelbwesten, Reality-TV, Twitter-Gegenwart zu einem Mischmasch ohne Witz und Wirkung vermengt. Der Freiheitskampf als Soap-Opera, der Kerker als beliebiges Studio 19, die Liebesgeschichte vor laufenden Kameras als Instagram-Post, der Liebes- und Heldentod als Hashtag-Nachricht – dass die Sicherheitskräfte des Königs als Kameramänner auf Rollschuhen die toten Liebenden umkreisen, wunderte dann auch niemanden mehr.

So drückten die lauten Buhrufe für die Mannschaft um Regisseurin Florentine Klepper nicht nur gewissermaßen legitimes ästhetisches Missfallen aus, sondern Ärger – und man fragte sich, in welcher Parallelwelt der Intendant den Abend verbracht hatte, als er während der – dünn besuchten! – Premierenfeier von begeisterten Zuschauern berichtete.

Auch die Sänger haben diesmal für die Inszenierung nicht entschädigt. Der tschechische Tenor Aleš Briscein als Dalibor sang mit leicht gepresster Stimme und agierte ohne sichtbaren schauspielerischen Ehrgeiz, und die polnische Sopranistin Izabela Matuła, die ihr Frankfurter Debüt gab, verlieh der Milada wohl musikalische Kraft, aber keine szenische Ausstrahlung. Auch der versierte Stefan Soltesz am Pult konnte den Abend nicht mehr retten – immerhin erhielten er und das Orchester aufrichtigen Applaus.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 28.2.2019

„Dalibor“, Oper Frankfurt, Foto: Monika Rittershaus

Oper in drei Akten von Bedřich Smetana

Dalibor

Text von Josef Wenzig, Deutsche Fassung von Kurt Honolka

Musikalische Leitung: Stefan Soltesz, Inszenierung: Florentine Klepper, Bühnenbild: Boris Kudlička, Kostüme: Adriane Westerbarkey

Besetzung
Vladislav: Gordon Bintner, Dalibor: Aleš Briscein, Budivoj: Simon Bailey, Beneš: Thomas Faulkner et al.

Oper Frankfurt