Herbert Fritsch macht Schule. Er hat an die historischen Mittel eines autonomen Theaters erinnert, das nicht auf Einfühlung und Nachahmung setzt. Bernadette Sonnenbichler verschreibt sich in ihrer Stuttgarter Inszenierung von Molières „Menschenfeind“ bedingungslos dieser Methode. Wer sie nicht grundsätzlich, aus ideologischen oder aus ästhetischen Gründen, ablehnt, hat seinen Spaß daran. Konsequenter jedenfalls war keine Regie in der laufenden ersten Saison von Burkhard C. Kosminski, meint Thomas Rothschild.

Theater

Die Lächerlichkeit des Affektierten

Molière ist bekanntlich der Großmeister der Charakter- oder auch Typenkomödie. Über deren Stoßrichtung im Einzelfall lassen sich freilich manche Interpreten durch den Titel in die Irre führen. „Tartuffe“ verspottet nicht so sehr den Heuchler, der der Komödie den Namen gab, wie den leichtgläubigen Patriarchen Orgon, „Der Menschenfeind“ gibt nicht so sehr den Misanthropen Alceste wie seinen Gegenpart, die Gesellschaft, die er hasst, der Lächerlichkeit preis. Das hat Bernadette Sonnenbichler begriffen und auf allen Ebenen schlüssig umgesetzt. Ihr Alceste steht von Anfang an der „Gesellschaft“ frontal gegenüber. Er spricht seine Eröffnungsrede – das Mikroport macht‘s möglich – von der fünften Reihe des Zuschauerraums aus zur Bühne hin. Er trägt schlichtes Schwarz im Gegensatz zur knalligen Buntheit der Kostüme, die das Ensemble in einem munteren Stilgemisch kleidet (oder vielmehr: nicht kleidet). Warum, außer um des Kostüms willen, der talentlose Dichter Oronte eine Tunte, wie aus einer schlechten und daher erfolgreichen französischen Filmkomödie, sein muss, wird nicht ersichtlich.

Die von Alceste verachtete Gesellschaft, der er – darin besteht der dramatische Konflikt – aus Liebe zu Célimène zu erliegen droht, strotzt nur so vor Affektiertheit. Das gilt nicht nur für die Kostüme, die, insbesondere durch Perücken, das Rokoko herbeizitieren, sondern vor allem für die permanenten tänzelnden Bewegungen, die aber, anders als etwa in Sebastian Nüblings Zürcher Adaption von Buñuels Film „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“, der in seiner kritischen Haltung, wenngleich um drei Jahrhunderte verschoben, durchaus mit dem „Menschenfeind“ vergleichbar ist, nicht elegant, sondern grotesk ausfallen, wie ein Panoptikum aus einer Freakshow. Alle posieren: die Gesellschaft als Spiegelbild des Theaters – und umgekehrt.

Munteres Stilgemisch: „Der Menschenfeind“, Schauspiel Stuttgart, Foto: David Baltzer

Matthias Leja ist ein hervorragender Alceste. Äußerlich erinnert er an den jungen Hans Rehberg. Zu seinem Kapital zählt seine Stimme. Kritiken reden nicht gern darüber, weil es sich um ein nicht willentlich veränderbares Faktum handelt, aber manche Schauspieler verfügen leider nur über ein Register, das nicht unbedingt als angenehm empfunden wird. Lejas Sprechen hört sich an wie Musik, es ist Teil des Vergnügens, den der Stuttgarter „Menschenfeind“ vermittelt.

Sonnenbichler hat nicht die Übersetzung von Hans Weigel gewählt, die die Alexandriner des Originals ins Deutsche zu transportieren versucht, auch nicht die gerne benützte von Hans Magnus Enzensberger, sondern die neuere in gereimten Versen von Jürgen Gosch und seinem Dramaturgen Wolfgang Wiens. Sie kommt flüssig von der Bühne. Drei Musiker begleiten das Stück, fast unsichtbar in flachen runden Körben unter dem Schnürboden hängend, auf Gitarre, Bass und Posaune mit der fabelhaften gestischen Komposition von Jacob Suske.

Am Schluss zieht Célimène dem bürgerlichen Idyll der Ehe, das Alceste ihr anbietet, den Trubel der bigotten Gesellschaft vor, und die Regie weiß es, für ein Mal, nicht besser als der Autor. Wie sich die Zuschauerin und der Zuschauer entscheidet – für den moralistischen Menschenfeind oder für die lebenslustige Dame der Gesellschaft –, ist ihre und seine Sache. Spötter würden vermuten: die einen gehen nach Hause, die anderen bleiben zur Premierenfeier.

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erstellt am 25.2.2019

Matthias Leja als Alceste, Schauspiel Stuttgart, Foto: David Baltzer

Theater

Der Menschenfeind

Von Molière, Deutsch von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens

Inszenierung: Bernadette Sonnenbichler, Bühne: Wolfgang Menardi, Komposition & musikalische Einrichtung: Jacob Suske

Besetzung: Matthias Leja (Alceste), Robert Rožić (Philinte), Therese Dörr (Célimène) et al.

Schauspiel Stuttgart