Tuschicks Kolumne

Den Kontext ändern

Der Band „Mare Manuscha“ erzählt von Begegnungen mit Künstlern, Schriftstellern, Schauspielern, Regisseuren, Musikern und Fotografen mit Roma- oder Sinti-Hintergrund. Jamal Tuschick empfiehlt das Buch.

Die in Niederösterreich geborene Mutter verlor ihre Eltern und zwölf Geschwister an den nationalsozialistischen Rassenwahn. Sie überlebte sechs Lagerjahre. Nach dem Krieg verband sie sich mit einem Deutschen und machte ihn zum Vater von drei Kindern, die am Wiener Stadtrand so wie am Rand der Gesellschaft aufwuchsen und auch in der österreichischen Sinti-Subkultur nie „ganz dazugehörten“. Da entgingen sie soeben jener Ablehnung, auf die allein sie sich in der Mehrheitsgesellschaft verlassen konnten. 

„Die Katastrophe ist für mich nichts Außergewöhnliches, weil ich in einer Katastrophe lebe“, sagt der seit Jahrzehnten in Dachau gegen das Vergessen und neofaschistische Infamien wirkende Künstler Alfred Ullrich. Er wurde im Planwagen geboren. Nie habe seine Mutter ihren Lebensmut der Verzweiflung preisgegeben. Sie schöpfte aus eigenen Quellen und war noch viel dichter an ihrer eigenen Ursprünglichkeit als die Heutigen. Im Gegensatz zu ihr, wandert Ullrich zwischen den Welten, müht sich ab und reibt sich als Vermittler und Regisseur von Erinnerungsinszenierungen auf.

In dem ansprechend aufgemachten, hoch informativen, einfach notwendigen Gesprächsbuch „Mare Manuscha“ erscheint er am Anfang als Gegenüber der gleichsam gastgebenden und zugleich als Gäste in den Geisterbahnen der Befragten auftretenden Cornelia Wilß und Romeo Franz. Die Fragen von Wilß und Franz versah der Fotograf Alexander Paul Englert mit seiner Sicht.

„Ich muss die Kontexte verändern.“

Das fordert der in Skopje (der Hauptstadt Mazedoniens) geborene Künstler Nedjo Osman. Als junger Mann spielte er für Fortuna Düsseldorf Handball. Heute spielt er in Köln Theater. Osman nennt Jugoslawien seine verlorene Heimat. Köln will er zum Standort einer Akademie machen, in dem die Kultur der Sinti und Roma erforscht, archiviert und erweitert werden soll. Auch Osman brennt für „seine Leute“ und ihre marginalisierte Geschichte. 

Die Zeit ist gekommen, die Bedeutungsbeweise der Sinti und Roma für die europäische Kultur in Monumente des Stolzes zu verwandeln. Der Schlüssel zum Erfolg liegt im Selbstbewusstsein gegenüber der Mehrheitsgesellschaft. 

Raus aus der Inferiorität, rein in die Universitäten. 

Man muss den Vorurteilen mit Wahrheit & Schönheit begegnen. Darin sind sich die Protagonist*innen einig. Ein reiches Erbe erlaubt es ihnen, aus dem Vollen zu schöpfen. Ilona Lagrene hat ihr Leben dem Kampf gegen das Vergessen geweiht. 

Hristo Kyuchukov ist weltweit der einzige Roma-Psycholinguist. Er bestimmt den Ursprung der gemeinsamen Sinti- und Roma-Sprache im Altsanskrit. Die Verschmelzung von Hindi-Vokabeln mit europäischen Sprachen und Dialekten ist ein linguistisches Superexperiment, dem Europa seit mehr als achthundert Jahren als Labor dient. 

Kyuchukov stammt aus Provadia in Bulgarien und wuchs in einer muslimischen Roma-Gemeinde auf. Seine Familie war seit Generationen im Pferdehandel und existierte solange nomadisch, bis die bulgarischen Behörden ihre Sesshaftigkeit erzwangen und in Assimilierungsprozessen die Differenzmerkmale reduzierten. Sie kaperten die kulturelle Eigenständigkeit und erzwangen triste Quartiernahmen an Stadträndern, wo die Beraubten als Unterbelichtete wahrgenommen wurden. Die strukturelle Benachteiligung führte zu Anpassungsdefiziten auf allen Feldern, einschließlich des Bildungsackers. Kyuchukov wies nach, dass die negativen Ergebnisse von der Intelligenz der Probanden nicht abhingen und veranlasste, dass das offiziell zur Kenntnis genommen wurde. 

„Es geht um die Freiheit, zu entscheiden, was ich mit (dem) leeren Raum anfange. Ich bin befreundet mit dem Leben und befreunde mich mit mir selbst.“  Dejan Jovanović

In den Gesprächen taucht der Hinweis auf, dass andere Minderheiten und NS-Opfergemeinschaften ihre Solidarisierung mit Sinti und Roma genügsam gestalten. Vermutlich teilen sie Vorurteile der Mehrheitsgesellschafter. Auch Minoritäten stehen im Wettbewerb. Dotschy Reinhardt nannte einmal die fünfhunderttausend ermordeten Sinti und Roma „eine Randbemerkung des Holocausts“.

Am 16. Dezember 1942 erging der Auschwitz-Erlass, mit dem die Nationalsozialisten die Deportation von Sinti und Roma in Konzentrationslager anordneten.

Der Völkermord wurde erst 1983 anerkannt. Es geht immer noch um Entschädigung, Aufklärung – und Begreifen – etwa, dass Sinti „eine deutsche Minderheit sind“ – eine „nationale autochthone Volksgruppe“ wie die Friesen. Das erklärt der Musiker Romeo Gitano. Er freut sich „über jeden Menschen, den er aufklären“ kann.

Romeo Franz, Cornelia Wilß (Hg.), Mare Manuscha, Innenansichten aus Leben und Kultur der Sinti & Roma, mit Fotografien von Alexander Paul Englert, Edition Faust, 248 Seiten

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erstellt am 23.2.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.

Dejan Jovanović, Abb. aus dem besprochenen Band (Foto: Alexander Paul Englert)
Dejan Jovanovic, Abb. aus dem besprochenen Band (Foto: Alexander Paul Englert)