Der Pariser Schriftsteller Édouard Louis ist ein Star der französischen Literaturszene. „Wer hat meinen Vater umgebracht“ heißt sein dritter Roman. Darin klagt Louis die Präsidenten der Republik einschließlich Emmanuel Macron an. Walter H. Krämer hat die literarische Kampfansage gelesen.

Buchkritik

Macron stiehlt dir das Essen

Mit seinem Debütroman „En finir avec Eddy Bellegueule“ (deutsch „Das Ende von Eddy“) landete Édouard Louis 2014 einen Bestseller. In diesem Roman beschreibt der Autor Diskriminierung, Mobbing und Gewalt gegenüber einem homosexuellen Jugendlichen.

In dem Roman „Im Herzen der Gewalt“ schildert er seine Vergewaltigung durch einen Algerier und den anschließenden Mordversuch durch den Vergewaltiger. Es wird ihm bewusst, dass er durch diese Gewalterfahrung kurzzeitig eine ablehnende Haltung gegenüber dem Fremden entwickelte. „Ich wollte aus der Gewalt einen literarischen Ort machen (…) Es geht um die Gewalt, die meist unsichtbar ist. Genau darin besteht die Kraft der Literatur: Mit Worten das Unsichtbare zu zeigen.“

„Qui a tué mon père“ (deutsch „Wer hat meinen Vater umgebracht“) lautet nun der Titel des dritten Romans von Édouard Louis. Der Titel des Buches ist keine Frage – kein Fragezeichen steht am Ende des Titels, denn der Autor kennt die Antwort, nennt die Verantwortlichen. Angeklagt sind die Präsidenten der Republik – unter anderem Staatspräsident Emmanuel Macron, dessen Politik „extrem gewaltsam“ sei. Hier sieht der Autor die Gewalt nicht nur in brennenden Autoreifen, sondern Gewalt ist auch, wenn Menschen aufgrund der Politik verelenden. Der Autor spricht hier von „sozialer Gewalt“.

Édouard Louis, den die Frage sozialer Klassen umtreibt, sieht in der aktuellen Politik „eine Art von Vernichtung der Körper der Arbeiterklasse, und zwar sowohl ihrer wirtschaftlichen Existenz als auch ihrer wirklich physischen Existenz.“

Hilfreich für das Verstehen und Einordnen des Romans ist die Lektüre des von ihm verfassten Artikels „Gelbwesten: Wer sie beleidigt, beleidigt meinen Vater“. Hier beschreibt Édouard Louis den Zusammenhang von Politik und Körper und was es mit ihm und seiner Familie zu tun hat. Dies ist immer auch Thema seiner bisher erschienenen drei Romane – allesamt mit biografischem Hintergrund.

„Als ich die ersten Bilder der Gelbwesten sah, empfand ich einen Schock, der schwer zu beschreiben ist. Auf den Fotos zu den vielen Artikeln sah man Körper, die im medialen und öffentlichen Raum fast immer unsichtbar bleiben. Leidende Körper. Körper, die von der Müdigkeit und der Arbeit, vom Hunger, von der andauernden Demütigung durch die Herrschenden verwüstet sind, die gezeichnet sind von räumlicher und sozialer Ausgrenzung. Ich blickte in ausgemergelte Gesichter, sah gebeugte, gebrochene Menschen, schaute auf erschöpfte Hände. (…) Die Körper der Menschen, die man auf diesen Fotos sieht, ähneln demjenigen meines Vaters, meines Bruders, meiner Tante. Sie ähneln den Körpern meiner Familie und der Menschen aus dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin.“

Ein Opfer der Verhältnisse

Seit seinem Debütroman „Das Ende von Eddy“ hat sich der Blick des Autors auf seinen Vater und die eigene Kindheit verändert. Erinnerte er anfangs keinen einzigen glücklichen Moment, sieht Louis das jetzt anders: er versteht mittlerweile die Gewaltausbrüche seines Vaters, der unter der sozialen Ungerechtigkeit einer Gesellschaft leidet, die für Menschen wie ihn keinen Platz hat. Jetzt ist der Vater Opfer der Verhältnisse. Der Hass des Sohnes ist in Liebe umgeschlagen, und er bekennt sich dazu. „Für die Herrschenden ist Politik eine ästhetische Frage, eine Art, sich zu denken, zu erschaffen. Für uns ist sie eine Frage von Leben oder Tod“, heißt es an einer Stelle im Roman.

Nach einem Arbeitsunfall kann der Vater kaum noch gehen, muss aber weiter arbeiten, weil er keine Unterstützung mehr bekommt. Als Straßenkehrer fristet er letztlich sein Dasein.

Louis macht deutlich, wie Entscheidungen der Politiker direkte Auswirkungen haben auf das Leben der Menschen, auf das Leben seines Vaters. Eine erstaunliche und zugleich erschreckende Liste von Kürzungen im Bereich Soziales und Gesundheit in all ihrer Konsequenz für das Leben und die Gesundheit seines Vaters zeichnet Louis hier nach.

Im August 2017 beispielsweise strich die Regierung fünf Euro pro Monat von der Wohnungsbeihilfe für die Ärmsten und kündigte zugleich eine Absenkung der Vermögenssteuer für die Reichsten an. Man begreift, was es für eine arme Familie bedeutet, wenn die Unterstützung um fünf Euro gekürzt wird – Politik wird zu einer Frage von Leben und Tod und Édouard Louis bringt dies sehr bildhaft auf den Punkt: „Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller.“

Da schreibt ein Autor engagiert mit dem Blick auf Veränderung – das eigene Schreiben soll dazu beitragen.

An einer Stelle seines Erzählens formuliert der Autor, dass sein Schreiben „nicht den Erfordernissen der Literatur, sondern denen der Notwendigkeit, der Dringlichkeit, denen des Feuers“ folgt. Man spürt in seinen Texten dieses „Feuer“ – seine klare und konsequente Haltung durchdringt seine Erzählungen und immer wieder findet er poetische Formulierungen für all die Schrecknisse, über die er schreiben muss: „Ich gehe, ich mache wortlos die Tür zu, und ich weiß nicht, warum ich nicht weine, aber der ganze Tag schmeckt nach den Worten meiner Mutter, die Luft schmeckt danach, das Essen schmeckt nach Asche. Den ganzen Tag über weine ich nicht.“

Eine ordentliche Revolution

„Kein Faulpelz sein“ und Härte zeigen ist oberstes moralisches Gebot des Vaters. Gefühle zeigen hat in diesem Männerbild kein Platz. Empfindsam und eindringlich erzählt Éduard Louis Szenen seiner Kindheit nach, die Vater und Sohn in ihrer ganzen Zwiespältigkeit zeigen und beschreiben: „Ich wusste, dass ich dich liebe, aber ich hatte das Bedürfnis, den anderen gegenüber zu behaupten, ich würde dich hassen.“

In der Beziehung zum Vater – mit all ihren Höhen und Tiefen – geht es immer wieder auch um das Bild einer Männlichkeit, dem Édouard in den Augen seines Vaters nicht entspricht. Bei einer Familienfeier stellt Éduard mit Freunden eine Popband nach. Er selbst verkleidet sich als Mädchen und erwartet Anerkennung. Anerkennung besonders durch den Vater. Dieser weicht allerdings jedem Blickkontakt aus – geht letztlich aus dem Zimmer.

Der Autor bekennt sich zu einer Literatur als Kampf für „all jene, die selbst nicht kämpfen können.“ Das tut er in beeindruckender Weise, indem der die gesellschaftlichen Voraussetzungen für Verelendung und die dafür Verantwortlichen benennt.

Dabei geht es ihm nicht um Rache, sondern Louis plädiert dabei für mehr Sensibilität gegenüber allen Formen von Gewalt. Das hinterlässt besonders deshalb einen starken Eindruck beim Lesen, weil Édouard Louis es konkret am eigenen Erleben verdeutlicht. Er weiß und hat erfahren, wovon er schreibt und spricht.

Am Ende des Romans sagt der geläuterte Vater, der seinen Sohn und auch dessen Homosexualität inzwischen akzeptiert und bewundert: „Was es bräuchte, ist eine ordentliche Revolution“. So endet die nachgetragene Liebeserklärung an den Vater mit einer Kampfansage an eine abgehobene Politik und deren Repräsentanten.

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erstellt am 22.2.2019

Édouard Louis
Wer hat meinen Vater umgebracht
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Gebunden mit Schutzumschlag, 80 Seiten
ISBN: 978-3-10-397428-7
S. Fischer, Frankfurt am Main 2019

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