Der Komparatist und Literaturtheoretiker Werner Hamacher, ein Erster ohnegleichen unter den Sprachphilosophen, ist 2017 nach relativ kurzer Krankheit gestorben. Nun ist unter dem Titel „Keinmaleins“ eine Auswahl an Texten zu Paul Celan erschienen. Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy beschreibt in seinem Vorwort, wie Hamacher, dem Dichter nachspürend, sich Celan anverwandelt hat.

Werner Hamachers Texte zu Celan

Vor-Rede

Von Jean-Luc Nancy

Aus dem Französischen von Peter Trawny

1

Eine Rede für Dich, eine Rede an Dich – noch ein Mal, immer noch, denn es ist mir unmöglich, über Dich zu sprechen oder zu schreiben. Ich kann nur vor Dir stehen, und gleichsam sprachlos.

Du sagst, das Sprachlose sei Sprachoffenheit, Offenheit für Sprache und Offenheit der Sprache. Ich weiß. Es ist sogar eines Deiner Leitmotive.

Sofort höre ich Dich: „Oder Leidmotiv…“

- Ja sicher, denn nur durch die Unaussprechlichkeit des Leids kann eine Sprache wahr sein. (1)

Ich höre Dich noch nicht von den Schmerzen sprechen, die Dich überstiegen… Nicht nur nicht von den letzten, den überreißenden, auch von denen, die Dir eine lange Zeit vor Deinem Leiden und Deiner Klage – Krankheit oder verschiedene Pflichten – den Atem nahmen, Dich belasteten, die unveränderte Spannkraft Deines Körpers, Deiner Seele und Deines Denkens einschnürten. Es gab niemals genug Zeit und Raum, nie genug Wörter, Blätter und Gesten, um zu sagen und zu tun, was über Dich eine erstaunliche Macht vollbringen wollte – erstaunlich ebenso durch seine Intensität wie durch sein immerwährendes Begehren, alle Kraft außer Gebrauch zu setzen. Das Wort Kraft (2) begegnet bei Dir am häufigsten im Syntagma außer Kraft. (3)

Du suchtest, Deine eigene Kraft zu erschöpfen – auf zwei Weisen: sie rückhaltlos einsetzend, bis zum Ende und über die mögliche Ausübung der Sprache und des Denkens hinaus – aber auch sie verausgabend, um sie wie ausgeblutet und vernichtet zurückzulassen. So ist es, dass sich Dein eigenes Genie ausdrückte, welches das Objekt seiner Übung war, und das mir eines Tages nahegelegt hat, Deinen Namen buchstäblich zu nehmen – „Macher des Ha!“ – das heißt Denker und Schriftsteller eines definitiven und wiederholten Ausrufs, wo sich außer Atem aus-setzte, was Du die exponierteste Sprache (4) nennst. Du sprichst dann von Adornos Verdikt über die Dichtung nach Auschwitz und der Weise, wie Celan das gehört hat – oder noch besser von der Weise, in der Du dieses Hören in seiner Dichtung hörst.

Das ist, warum die Dichtung – singulär Celans, aber auch von anderen – ein bevorzugtes Objekt Deines Denkens gewesen sein wird. Und bevorzugt an dem Punkt, an dem es bei Dir kein Objekt mehr ist, sondern vielmehr – weder Objekt noch Subjekt – das Sein selbst oder das Tun, die Existenz und das Handeln eines Willens, zu sagen, was ihm seine Konsistenz im alles Sagen und alles Wollen raubt. Du sagst, dass es das ist, was Celans Dichtung will und dass es dieses Wollen ist, das Du deinerseits wollen willst, bis sich darin alles Wollen und alles Sagen erschöpft – aber in einer in Nichts nihilistischen Erschöpfung, denn sie sagt sich selbst, am Ende der Kräfte, am Ende des Sprechens: Sie sagt sich als das Gedicht selbst.

Du sagst: Das Gedicht in seiner größten Verdichtung ist das Gedicht dort, wo es als Platzhalter einer Pause, im Phänomen eines Nichtphänomenalen, an sich hält. (5)

Du sagst das in Celans Pause, im Intimsten seines Gedichts.

2

Werner Hamacher ist ein sehr mächtiger Riese, der sich über die Insekten beugt, die die schlanksten Gedichte Paul Celans sind, der sie auf empfindsame Weise zwischen seine Finger nimmt, ihre Gelenke, ihre Klauen, ihre Zellhäute untersucht, bevor er sie von neuem auf das Blatt legt, um sie sich bewegen zu sehen.

Werner Hamacher ist ein Denker, den die Worte Paul Celans aus seinem eigensten Denken denken machen, als wäre es in diesen Gedichten, dass es geboren würde, als war es, dieses Denken, nichts als die Resonanz des Gedichts. Nicht sein Kommentar, sondern sein Echo oder seine Verbreitung.

Werner Hamacher ist ein Brunnen, in den die tönenden Worte Paul Celans fallen wie in ihren eigenen Spiel- und Fallraum, derjenige, in dem sie ihre Sinn-Erscheinungen entblößen, um sich in der Stille-Verdickung unterhalb des Sprechens zu versenken.

Natürlich heißt das, dass man alles umdrehen muss, nicht gemäß einer Wechselseitigkeit, einer Symmetrie, jedoch gemäß den Spannungen, den Stößen, dem Gestalt-werden und -Auflösen im Kampf der Körper.

Celan ist einzig, ihm liegt nichts daran, auf seinem Weg einem Ausleger oder Übersetzer zu begegnen. Aber hier begegnet er sich selbst. Das heißt Unmöglichkeit, sich zu identifizieren, jene Unmöglichkeit, die das sich von sich trennt und es weitergehen lässt. Da, wo ausweglos entweicht, was nicht gesagt gewesen sein wird.

Celan ist ein verirrtes Insekt auf dem Blatt, das ein zuvorkommender Riese in seine Finger nimmt, um es empfindsam dort ab­zusetzen, wo es Schutz findet: unter dem Blatt, dort, wo die Worte nicht sagen wollen können, was sie sagen – ohne doch aufzuhören, sich zu sagen.

Celan ist auf die Rückseite gefallen, überraschtes Insekt, in einem Netz von Linien, von Werner gespannt. Natürlich ist es ein Netz, das sich selber spannt:

          fall ich dir zu, fällst / du mir zu (6)
          Du versus mir – oder besser Du für mich, Du zu mir (7)

… quälende Frage der Übersetzung des zu – selbst auf Deutsch, auf Deutsch selbst. Sie – Du und ich – sind einer dem anderen zugewendet, einer dem anderen zugeneigt, einer gegen den anderen gedreht.

Das lässt sie nur übereinstimmen zum Preis einer Nichtübereinstimmung, genau wie die Übereinstimmung der Gedicht-Verse den Bruch ihres Rhythmus' herbeiführt. Auch der Celan-Leser – dieser Leser, der du mir zu liest – liest es nicht wahrhaft, wesenhaft als Bruch des Verses, als Bruch durch den Vers. Das, was dann zur Lektüre hinzukommt, ist das Nicht-Geschriebene. Hier ist das gesagt, was Werner bei Celan liest, durch Celan, einer im anderen und einer trotz des anderen.

3

Denn wenn die Geste von Werners Lektüre – nicht Kommentar, nicht Auslegung, nicht Interpretation, nicht Glosse, aber das alles vermischt und mitgenommen in eine andere Bewegung, die, wie man auf Französisch sagt, colle au texte (auf Deutsch vielleicht dicht am Gedicht liest…) – dazu neigt, sich von der Geste des Gedichts ununterscheidbar und aus dem Celan-Hamacher eine Art des „Selben“ zu machen, dann geschieht das nur nach dem Gesetz des Selben, dass sie sich einer dem anderen aussetzen.

(Welch ein Unterschied zu Heidegger und denen, die, wie er, aus dem Gedicht eine Wahrheit ziehen, wobei die Erscheinung des Gedichts als solchem unbeachtet bleibt! Hier und dort macht Werner darauf aufmerksam.)

Celan schreibt

          Das
          Selbe
          hat uns
          verloren, das (8)
          ……

und Hamacher entfaltet die Selbigkeit des Selben in seiner eigenen Unterscheidung, seiner Trennung, seiner Teilung.

Denn das Selbe kommt vom Anderen und kann nur vom Anderen kommen, über ein Chaos und eine Kluft. Ein Abgrund trennt uns – uns, das heißt ihn und mich ebenso (9) wie die Welt und uns. Das Gedicht ist das Erscheinen dessen: von der Welt zur Sprache gekommen und von der Sprache zur Welt, die ihr fremd bleibt. Geteilt aus der Teilung gekommen.

Aber da noch, kein Nihilismus und kein fruchtbares Nein, denn das, was das Zwischen-Beiden besetzt, das Intervall der Teilung, ist eine wandernde leere Mitte. (10) Eine Mitte, die herumwandert, umherschweift, herumspaziert: nicht Nichts, kein Subjekt, aber eine Rührung, eine Aufregung, ein Anstoß.

Das ist so, wie es das Gedicht À la pointe acérée (11) (Titel und Eigenschaft) zeigt, dass die Erze sich in ein Herzgewordenes wandeln.

Schlagendes Herz, Einer Anderer, du mir zu, Pause und Wiederaufnahme, Aufsagen der Verse, Hebung/Senkung, Sein und Denken, Poem und Noem, Paul und Werner.

1 [Bis hierher im Original deutsch. P.T.]
2 [Im Original deutsch. P.T.]
3 [Im Original deutsch. P.T.]
4 [Im Original deutsch. P.T.]
5 [Im Original deutsch. P.T.]
6 Paul Celan: Selbdritt, Selbviert. In: Ders.: Die Niemandsrose. Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag, 1963, p. 17.
7 [Im Original: Toi vers moi – ou bien toipour moi, toi a moi]
8 Celan: Selbdritt, Selbviert. A.a.O., p. 17.
9 [Im Original: de même]
10 Celan: Selbdritt, Selbviert. A.a.O., p. 17.
11 Paul Celan: À la pointe acérée. In: Ders.: Die Niemandsrose. A.a.O.,
pp.48sq.

Vorwort aus „Keinmaleins. Texte zu Celan“ von Werner Hamacher, Mit freundlicher Genehmigung © Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2019

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erstellt am 18.2.2019

Werner Hamacher
Keinmaleins. Texte zu Celan
Mit einem Vorwort von Jean-Luc Nancy
256 Seiten
ISBN 978-3-465-04376-8
Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt 2019

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