Henrik Ibsens Stück „Die Wildente“ fragt nach dem Wert der Wahrheit im Leben einer Familie. Burkhard C. Kosminski, seit kurzem Intendant des Schauspiel Stuttgart, hat Elmar Goerdens Inszenierung aus Mannheim an seinen neuen Wirkungsort mitgenommen. Thomas Rothschild sah die Premiere.

Theater

Wahrheit als Zumutung

Der tschechische Dramatiker, Dissident und spätere Staatspräsident Václav Havel hat ein Buch geschrieben, dessen Übersetzung sein deutscher Verlag den Titel „Versuch, in der Wahrheit leben“ gab. Auch Gregers Werle in Henrik Ibsens Stück „Die Wildente“ ist der festen Überzeugung, dass der Mensch in der Wahrheit leben und dass man ihn notfalls dazu zwingen muss. Was aber, wenn er die Wahrheit nicht verträgt? Was, wenn er am Ende ins Unglück gerät, weil man ihm seine Lebenslüge genommen hat?

Gregers Werle (Reinhard Mahlberg) will seinem Jugendfreund Hjalmar Ekdal (Klaus Rodewald) die Augen dafür öffnen, dass sein Vater (Edgar M. Böhlke) Ekdals Vater (Ralf Dittrich) vor Jahren ins Gefängnis gebracht und Hjalmar selbst mit dem ehemaligen Dienstmädchen Gina (Anke Schubert), das er geschwängert hatte, verheiratet hat. Als Hjalmar Ekdal die ganze Wahrheit begreift, erschießt sich seine erblindende Tochter Hedvig (Anne-Marie Lux), und die Welt um ihn herum bricht zusammen. Es reicht in der Inszenierung von Elmar Goerden gerade noch für die Lüge eines Familienfotos, das von dem wohlmeinenden Intriganten Gregers Werle überragt wird.

Die Inszenierung ist fünf Jahre alt. Burkhard C. Kosminski hat sie in der ursprünglichen Mannheimer Besetzung an seinen neuen Wirkungsort Stuttgart mitgenommen und dafür die Darsteller des Großhändlers Werle und des Alten Ekdal als Gäste eingeladen. Auf der leeren weißen, grell ausgeleuchteten, dann wieder halbdunklen Spielfläche ist ein rascher, übergangsloser Szenenwechsel möglich. Helena Daehler begleitet die Schauspieler mit Elektrobass, Gitarre oder Ukulele im doppelten Wortsinn auf der Bühne wie die Souffleuse bei René Pollesch. Ein Effekt, dessen Funktion nicht zu erkennen ist. Als Gina die Musikerin anbrüllt: „Hör einmal auf!“, verlässt diese, wie beleidigt, die Bühne. Sie kommt aber wieder.

Rascher, übergangsloser Szenenwechsel: „Die Wildente“ am Schauspiel Stuttgart, Foto: Thomas Aurin

Elmer Goerden nimmt dem immerhin 135 Jahre alten Stück weitgehend seine Düsternis. Gregers Werle trägt teils sein symbolisches Gepäck in Form von drei Rucksäcken mit sich herum, teils tritt er halbnackt auf, in imaginierten Innenräumen, in denen Hjalmar Ekdal zugleich einen Mantel trägt. Wir verstehen: die Kostüme repräsentieren die innere Befindlichkeit. Man mag an Figuren von Aki Kaurismäki denken.

Der Alte Ekdal von Ralf Dittrich ist hellwach und strotzt nur so von Energie. Dass er halb irre in seiner Dachkammer haust, mag man nicht recht glauben. Unvergesslich in dieser Rolle: Walter Schmidinger in der Regie von Thomas Langhoff. Dafür spielt Anne-Marie Lux die Hedvig, als würde sie nicht nur erblinden, sondern als wäre sie debil, eine Karikatur aus der Serie „Seinfeld“. Sie ist immerhin 15 Jahre alt. Zwei Jahre älter als Romeos Julia. Wollte man die so zappeln und feixen sehen?

Die Geschichte aus der Vergangenheit lässt Goerden unter der Regie von Gregers Werle als Pantomime im Spot vorführen wie Hamlet „Die Mausefalle“: zur Aufdeckung der Wahrheit. Später werfen Bühnenarbeiter Requisiten der Erinnerung auf die Bühne.

Elmar Goerden verzichtet auf die Figur des Arztes Dr. Relling und damit auf die eigentliche Gegenposition zu Gregers Werles Aufklärungseifer. Gegen Ende des Stücks sagt er (bei Ibsen): „Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge, nehmen Sie ihm auch sein Glück.“ Darin äußert sich Ibsens Aristokratismus, der in seinem „Volksfeind“ noch deutlicher wird. Aber auch bei Goerden ist Hjalmar Ekdal ein Durchschnittsmensch. An ihm müssen alle „idealen Forderungen“ scheitern. Relling bekommt recht, ohne aufzutreten. Er ähnelt Don Alfonso aus „Così fan tutte“, der dafür plädiert, die Menschen zu akzeptieren, wie sie sind. Man kann die Haltung von Gregers Werle Fanatismus nennen oder Idealismus und die Fürsprache von Relling und Don Alfonso für die „tröstliche Lüge“ dagegen Zynismus, aber auch Realismus. Der Hofrat in Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ formuliert den gleichen Gedanken mit dem für ihn typischen Sarkasmus so: „Wenn man immerfort das Richtige täte, oder vielmehr, wenn man nur einmal in der Früh, so ohne sich's weiter zu überlegen, anfing', das Richtige zu tun und so in einem fort den ganzen Tag lang das Richtige, so säße man sicher noch vorm Nachtmahl im Kriminal.“

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erstellt am 18.2.2019

„Die Wildente“, Schauspiel Stuttgart, Foto: Thomas Aurin

Theater

Die Wildente

Von Henrik Ibsen, aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel

Inszenierung; Elmar Goerden, Bühne: Silvia Merlo & Ulf Stengl, Kostüme: Lydia Kirchleitner

Schauspiel Stuttgart