Seit vielen Jahren arbeitet der Schriftsteller Werner Fritsch an einem Filmgedicht, das „Faust Sonnengesang“ heißt. Acht Teile à drei Stunden sind geplant. Der erste Teil ist auf DVD erschienen. Im aktuellen, dritten Teil kommt Fritsch in die USA. Dieses Filmgedicht sollte man sehen, findet Vincent Sauer.

Werner Fritschs »Faust Sonnengesang«

Mephisto in Amerika

Faustus heißt der Glückliche. Der sagenumwobene Knittlinger oder Helmstedter Quacksalber, Hellseher, Wunderheiler Johann Georg Faust, der bei einem alchemistischen Experiment im 16. Jahrhundert sich selbst in die Luft jagte, dass nur noch ein unansehnlicher Leichnam blieb, wurde Stoff, wurde Vorlage für Höhenflüge deutschen Geistes – der, wie einmal eine Ausstellung in Marbach bewies, nur ein amerikanischer Traum ist –, bei denen in Dramen- oder Romanform ein weltverdrossener Genius den Teufelspakt eingeht, um an ein Glück in einer Welt zu kommen, die ihm eigentlich keins erlaubt, woran er dann zugrunde geht.

Der Sonnengesang, das ist vielleicht weniger bekannt, ist ein Gebet des Franz von Assisi: ein vom heiligen Geist Durchfahrener und auf ganz andere Art welt- und endlichkeitsabgetan als die Faust-Figuren. Es handelt sich um eine Hymne auf die Schöpfung und war wohl das erste literarische Werk in italienischer Sprache.

Seit vielen Jahren arbeitet Werner Fritsch nun an einem Filmgedicht, das „Faust Sonnengesang“ heißt. Acht Teile à drei Stunden sind geplant, das macht einen Tag Film, gedreht auf allen Kontinenten mit Ouvertüre und Epilog. Die Kamera wird dabei als „Faust-Keil“ verwendet, die Linse zum „Subjektiv-Objektiv“. Man sieht, wie „die Welt sich dreht im Kaleidoskop dieses Kopfs“ (Fritschs) und verfolgt ein Gespräch, das der Dichter als Bub an einem Bach mit Gott begann.

„Augenblick, verweile doch, du bist schön“ soll über allem stehen, woraus „Faust Sonnengesang“ geschnitten ist, und gleichzeitig versuchen die Filme sich dem Erlebnis anzunähern, das kurz vorm Tod als „jüngster Film“ im Zeitraffer der Sterbende erfährt. „Noch im Geist durch die Augen, die ich lieb“ sieht Fritsch aber auch die Geister, die er rief. Denn „Faust ins Jetzt zu übersetzen“ ist ein Vorhaben, das es mit Mythen, den eigenen, wie den weltgeschichtlichen aufnimmt.

Ein „Brennendes Buch des Jetzt“ ist das Filmgedicht, durch das oft in einem ungeheuren Tempo geblättert wird, in dem die Konturen des Abgefilmten verschwimmen, ein farbenfroher Strom, ein andauerndes Ineinanderüber dem Zuschauer zugemutet wird, wo sonst ordentlich parzellierte Tableaus aufeinander folgen: Hier wächst ein Bild aus dem anderen, im Hintergrund der Berglandschaft flackert Mephisto auf. Die Schrift und das Schreiben werden gefilmt, das Fernsehen wird gefilmt und die Leuchtreklame, Bäche, Algen, Rituale, leere Landschaften, belebte Straßen, schweigende und gesprächige Menschen, Gesänge. Was diese Filme denen bieten, die bereit sind, auf straffe Handlung, Pointen, eindeutige Belehrungen und was sonst unterhält, zu verzichten, ist die Teilnahme an einem Sehen, Hören, Sprechen, das den Mythos in der Gegenwart ins Bild zerrt und gleichzeitig den Mythos der absoluten Gegenwart, sich in unzähligen Bildern aufzulösen und eins zu bleiben, darstellt.

Im Zwischen von Bildern, Musik – Bach-Chorälen, Rock-Musik – und Stimmen, die das Gedicht des Autors selbst oder dem Kanon bis hin zu den Sagen sprechen machen, entsteht eine zauberische Stimmung: Die Welt drängt sich in höchster Intensität auf und entzieht sich sogleich jedem vollständigen Verstehen. Man überlässt sich „Faust Sonnengesang“, vertraut darauf, an etwas teilzuhaben, das ein vielleicht paradoxales Vorhaben, faustisch die Schöpfung zu preisen, verfolgt.

Im dritten, aktuellen Teil kommt Fritsch in die USA. Amerika ist Aufbruch und Heimsuchung. Als Kind schon lernt man im Fernsehen die Western kennen, die Musik das Land, das aus einer Kamera oder im Auto Spaß macht, mit Städten, in denen man kaum innehalten kann, wo im Anzug, schlaflos, immer zwischen zwei Terminen, an denen vorbeigehetzt wird, deren Pursuit of Happiness zu Ende ist oder nie anfing. Es geht über große Brücken, vorbei an Strom-Leitungen, durch die Wüste, vor Springbrunnen in Städten bei Nacht.

Der Knecht Wenzel aus Fritsch erstem Roman „Cherubim“ tritt im Fernsehen auf, von dem er denkt, das die Leute auch aus ihm herausschauen können. Die Cowboys und Indianer, die in einer scheinbar endlosen Schlacht abwechselnd gewinnen und verlieren. Die Lektüre Karl Mays befreit Fritschs Fantasie von der „Diktatur der Diktate in der Schule“, die von Nonnen geleitet wird. Er begibt sich auf die Spuren Walt Whitmans, in dessen dichterischer Preisung Amerikas ein Vers wie „I sing the body electric“ im 21. Jahrhundert ganz anders klingen muss als zu seiner Zeit. Fritsch, verkleidet als Hamlet, der sich aber Karl-May-like Old Faust (Shatterhand? – where’s the difference?) nennt, schwärmt von der Lektüre Faulkners als Modernisten vom Lande. Aber man macht es sich nicht gemütlich im Kanon. Denn die Ahnung von „Wildnis und Weite“, die man im Amerikas Natur erleben kann, wo das Erhabene im Gegensatz zu Europa nicht als Grenze, als Gebirge oder Meer erfahrbar wird, sondern als Weg, als Highway, kontrastiert er mit den „Metastasen des Marktes“, wo der „Mythos des Midas“ gilt und die Neon-Lichter der Großstadt nicht lange darüber hinwegtäuschen können, was auf den Straßen unter ihnen passiert. Der Film schließt mit einem Interview, in dem ein Indianer die beunruhigende These aufstellt, dass die Wolkenkratzer der Großstädte nichts anderes seien als die Totems des weißen Mannes für dessen Ahnen.

Diese drei Stunden Amerika von „Faust Sonnengesang“ sind besonders eindringlich. Denn hier krachen aufs krasseste die Kindheitsfantasien und -wünsche auf ein Land, aus dem die Träume kommen, das man aber eigentlich nicht betreten darf, wenn man sie behalten will. Fritsch zeigt den Rausch einer Fahrt durch Gegenden, die schier grenzenlose Möglichkeiten versprechen, und lässt sie von der eingeschränkten Wirklichkeit der Städte einholen, wo ein Obdachloser an einer Kreuzung steht und nicht weiterkann.

Fritschs „Faust Sonnengesang“ sollte man sehen – wenn es geht, denn leider zeigen nicht viele Kinos die Filme, und bislang gibt es nur den ersten auf DVD, wobei zwei und drei in der Filmedition Suhrkamp erscheinen sollen –, gerade weil es Filme sind, die scheinbar ohne Zuschauer ablaufen könnten, die nicht mit Sehgewohnheiten brechen wollen, sondern ein eigenes visuelles Erleben versuchen und dabei eine Stimmung erzeugen, die mit Blockbuster-Protz genauso wenig zu tun haben wie Arthaus-Cleverness oder Relevanz-Drauhalte-Streifen, sondern zeigen, wie die Welt von Träumen durchfahren ist und dass es sie doch als erfahrbare, berauschende gibt, die man, mit allen Misstönen, besingen kann.

Videotrailer zum 1. Teil von Werner Fritschs Filmgedicht „Faust Sonnengesang“

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erstellt am 17.2.2019

Teil 1 auf DVD:

Werner Fritsch
Faust Sonnengesang
Das sind die Gewitter in der Natur
DVD
ISBN: 978-3-518-13533-4
filmedition suhrkamp, Berlin 2012

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