Seit 2012 arbeiten die österreichischen Musiker Matthias Bartolomey (Cello) und Klemens Bittmann (Violine & Mandola) im Duo zusammen. Mit „Dynamo“ erscheint jetzt ihr drittes Album. Alban Nikolai Herbst hat sich die CD mehrfach angehört.

CD

Der katastrophische Groove

Großer Spaß, viel Spielfreude, enorme Virtuosität und Crossover – wahrlich das bekämen wir auf dieser neuen CD geboten! Doch ist der aufs „Mitgrooven“ gelegte nicht-nur-Akzent ein Problem, und zwar, weil Matthias Bartolomey und Klemens Bittmann ihre tatsächlich interagierenden Titel mit Motti überschrieben haben, die einen völlig anderen Horizont eröffnen, als ihn die Musik-für-sich vielleicht gehabt hätte. Man hätte sie auch als die durchaus grenzüberschreitende, aber doch eben vor allem aufs Grooven und gelegentliches Experimentieren angelegte, nicht anspruchslose Crossover-Unterhaltung hören können, die das Label so auch bewirbt. Wenn aber „Westen“, das zehnte Stück, Nikolaus Harnoncourt zitiert, in dessen Concentus Musicus Wien Bartolomey als Solocellist wirkt, geraten wir in die neuere Musikphilosophie.

„Wirkliche Schönheit“, habe Harnoncourt gesagt, „entsteht erst am Rande zur Katastrophe“ – ein Satz, der ohne Adornos Einlassungen zu Mahlers sechster Sinfonie gar nicht denkbar wäre. Harnoncourt wird das mit Sicherheit wissen und auch, daß er Adorno quasi entgegnet. Der hatte für den vierten Satz der Sechsten die Aussage geprägt, daß hier die Musik-selber zur Katastrophe werde, sie sich also weit, sehr weit über jede mimetische Kunstauffassung erhebe, die immer in der Beschreibung steckenbleibe, mithin die Phänomenen – Schrecknisse wie Glücklichkeiten – gar nicht berühre; in Wirklichkeit – „Wahrheit“, hätte Adorno geschrieben – bleibt so etwas Papier.

Adorno hielt den Befund in seiner Mahler-„Physiognomik“ fest, in die seine lebenslange Beschäftigung mit dem für ihn größten Unheil aller Zeiten, der Shoah, selbstverständlich eingeflossen ist. Diesen Bezug bestätigt auch die vordergründig so spielfreudige CD Bartolomey/Bittmanns besonders durch die sie immer wieder bestimmenden Klezmer-Klänge oder das, was ich hier „ostjüdische Melodik“ nennen will, die wiederum modernzeitlich mit afrostämmigen Rhythmen durchsetzt wird. Das Problem dabei ist, daß das avisiert Katastrophische selbst in dem avanciertesten Stück, eben „Westen“, nicht eingelöst wird, auch dann nicht, wenn es hart verschliffene Arpeggi gibt und „natürlich“ im circulus vituosus böse aufgestampft und nicht minder böse rhythmisch getrumpft wird, bis beide Instrumente nach einer hart übersteuerten und schließlich sich ins Dissonante verkrumpelnden E-Gitarre klingen, die sich im Geräusch noch auskratzt. Auch hier hat das riffartig behandelte musikalische Thema Klezmer-Anklänge, was einerseits erneut auf Adorno/Harnoncourt verweist, doch andererseits den nahezu immergleichen Teufelstanz anvisiert. Nur daß wir ihm den Teufel gar nicht mehr anhören können. Wir erleben ihn statt dessen, ecco!, als „Groove“. Zudem lebt unser Hörsinn längst auf anderen Gewohnheitsleveln als zu Mahlers Zeiten, gerade in den Extremen.

Wir können uns, was geschah, ziemlich gut an Beethovens Klaviersonate Nr. 29 klarmachen, der sogenannten Hammerklaviersonate. Das Katastrophische hier zeigt sich am Umstand, daß ihr Revolutionäres oder eben Mißlungenes nach wie vor wehtut. Einerseits – Beethovens Namens wegen – als Meisterwerk geadelt, fordert es nach wie vor den Widerspruch heraus, etwa Glenn Goulds, der es „the longest, most inconsiderate, and probably least rewarding piece“, nannte, „that Beethoven wrote for the piano“. Nicht anders haben Bahmsianer über Mahlers Musiken noch lange nach seinem Tod gesprochen und tun es teils bis heute. Wir spüren hier, was katastrophische Musik bewirken kann und bewirkt: einen glühenden Strudel der Ambivalenz, der aber eben – mit Harnoncourt – schön ist. So nennt Stefan Weber den vierten Satz der Sonate den „größten Trauergesang aller Zeiten.“ Nur hat sich die Schönheit hier ein für allemal von der Moral gelöst, steht wie die Tragödie allein für sich. Es verbrennt, wer sich den Göttern zu sehr nähert. Doch ist sie, schrieb Nietzsche, dünn in der Höhe, die Luft. Da sind dann nicht mehr viele Menschen, die zuhören werden.

Deshalb kommt mit der Nr. 11 sofort die wohlfeile Versöhnung, gedacht als Ausklang, so steht es im Booklet, für einen Spielfilm. Wie schon im zweiten Stück der CD überrascht hier allerdings der Einsatz einer Singstimme. Übrigens läßt sie fast an Andreas Schaerer denken, mit Vincent Peirani und Emile Parisien einem der wirklich großen Entdeckungen des Labels. Dort habe ich über ihn für Faust-Kultur schon geschrieben.

Auf die übrigen Stücke bezogen, denunziert der Circus vitiosus sogar das, was die beiden Musiker eben miterzeugen wollen, den Groove. Denn auf die Stücke, in denen „einfach“ nur gespielt werden will und vielleicht auch sollte, wirft es einen sehr dunklen Schatten. Ich denke etwa an die Nr. 6, „Krystallos“, das überdies eine, nun jà, literarische Vorlage Michael Köhlmeiers zum Anlaß nimmt oder sich darauf zu beziehen vorgibt – auf zwei in der „witzigen“ Manier Robert Gernhardts geschriebene Verse jedenfalls, die ich schon aus Versmaßgründen nicht zitieren mag. Das Stück selbst klingt bisweilen ein wenig nach Baden-Powells Bossa Nova, auch weil das Cello vorwiegend gezupft wird und die Geige streckenweise Perkussionsfunktion übernimmt – verstärkt durch das gleich nachfolgende Stück „Haim“, das die beiden Musiker einer Frau Maria Heim, der „Neinstimme von Altaussee“, gewidmet haben, über die ich leider nichts in Erfahrung bringen konnte, von der die beiden Musiker allerdings schreiben: „für ihren Mut 1938“. So können wir uns den Hintergrund denken. Es ist eine balladenhafte Erinnerungsklage, die in – auch gesungenen – quasi-Rock übergeht und dann wieder melancholisch ostjüdisch ausklingt, wozu die Geige sogar seufzt, um schließlich das Stück verhauchen zu lassen. Dies verstärkt abermals den Bezug auf Adorno, bzw. Harnoncourt. – Auch hier, notierte ich mir, erklingt eine Sangesstimme, dann sogar ein Duo. „Singen die beiden Musiker selbst?“ Die CD gibt keine Auskunft; es könnte auch eine Zuspielung sein.

Während wir darüber aber noch nachdenken, zieht uns „Viadukt“ bereits in die nächste der die ganze Platte charakterisierenden quasi-Minimal-Musiken unentwegter Wiederholungen hinein, die crecendierend weiterdrängen, nämlich rhetorisch, aber komplett in sich gefangen bleiben. Außer in dem zehnten, bezeichnenderweise eben „Westen“ genannten Stück geschehen Ausbrüche meist über eine klischiert-simple Klagemelodik, die sich am Peinlichsten von Arvo Pärt bedienen, weshalb sie, die Ausbrüche, gar keine sind oder, schlimmer, nichts als ihr behaupteter Vorschein – nämlich Kitsch. Immer wieder wollte ich deshalb zu hören aufhören, aber es bezeichnet dieses neue, ja, Werk BartolomeyBittmanns, daß die zwei auch davor einen Riegel schieben – nein, der Teufelszirkel-selbst versperrte es mir. Irgendwas läßt plötzlich immer wieder aufhorchen.

So ist es ein Charakter dieser Aufnahme insgesamt, daß man in den Circulus selbst gerät, und zwar ganz, doch nur, wenn sich das Ohr alleine auf die Musik konzentriert und man nichts anderes nebenher tut. Hört man sie als Hintergrund, wozu sie leider durchaus taugt, geht einem die eigentlich spannende Bewegung verloren. Deshalb hat „Dynamo“ gleichermaßen das Zeug zur intensiven Hörerfahrung wie zum puren Gedüdel – ein Umstand, der freilich dem Absatz förderlich sein könnte und vielleicht sogar kalkuliert ist. Ich selbst hätte mir eine schärfere Akzentuierung – Positionierung – gewünscht. Es allen recht zu machen, heißt, künstlerisches Unrecht zu tun.

Daß „Dynamo“ ausgerechnet mit einem durchgezählten Menuett endet, ist freilich nett, aber eben halt ebenso auf diese, sagen wir, Versöhnlichkeit angelegt, die den wirklich katastrophischen Schönheiten atemberaubend abgeht. Es ist, als würde der mögliche Ausbruch auf ein moderates, ja moderiertes „chen“ – Ausbrüch‘chen – hinabgedimmt, um nur ja niemanden zu erschrecken – was sich an der Kasse ungut bemerkbar machen würde. Ich bin im Wortsinn „verstimmt“, wenn ich so etwas bei derart großem musikantischen wie musikalischen Können registriere. Und höre dennoch diese CD zum nun fünften Mal in Folge. Es wird nicht das letzte Mal sein.

(Zwei Tage nachher:) Und jetzt, nach dem bestimmt fünfzehnten Mal des Anhörens, hat die CD einen unausweichlichen Suchtcharakter angenommen.

„Dynamo“ aus dem gleichnamigen Album von BartolomeyBittmann

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erstellt am 15.2.2019

BartolomeyBittmann
Dynamo
CD
ACT 9043-2

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Erscheint am 29. März 2019