1990 wurde die österreichische 500-Schilling-Gedenkmünze Egon Schiele in Silber geprägt. Zu Lebzeiten hatte die staatliche Exekutive den später gefeierten Maler hinter Gitter gebracht. Der starb 1918 mit 28 Jahren an der spanischen Grippe. Johannes Winter war in Neulengbach im Wienerwald, auf den Spuren der Affäre Schiele.

Egon Schiele im Gefängnis

Bilder einer Ausnahme

Die Zelle Nr. 2 im ehemaligen „k. u. k.“ Bezirksgericht, heute Wand an Wand mit dem Amtshaus der Gemeinde Neulengbach im Wienerwald, mutet museal an: weiß getüncht, hergerichtet, zurechtgemacht. Hinter einer groben Holztür mit Klappe befindet sich, vom vergitterten Oberlicht kaum erhellt, eine Pritsche. Als sei der Gefangene gerade beim Hofgang, ist sie bezogen mit einer groben, dunkelgrauen Decke. Zur Überraschung des Besuchers leuchtet daraus der Farbklecks einer Apfelsine, welche einen Duft versprüht, der Fruchtbarkeit, Ferne und Freiheit erahnen lässt. „Schiele-Zelle“ ist an der Tür zu lesen.

Den bunten Tupfer im nackten Gewölbe sollte man weder als naive Devotionalie noch als surreale Komposition abtun. Man sollte sie auch nicht den einheimischen Nachlassverwaltern aufs Kitsch-Konto setzen. Die Frucht auf der Pritsche ist eine Inszenierung, sie zitiert ein Bleistift-Aquarell Egon Schieles, das die Textzeile trägt: „Die eine Orange war das einzige Licht“ – die erste einer Reihe von Zeichnungen, die er hier im Knast anfertigte.

Egon Schiele, Die eine Orange war das einzige Licht, 1912, Albertina, Wien, via Wikimedia Commons

Die Apfelsine war nicht das einzige Motiv, das er, dem Elend seiner Zelle ausgesetzt, einem schmutzigen Loch im Keller des Gerichts, vor Augen hatte. Um seiner Bedrückung, seiner Angst vor Verurteilung, seiner Verzweiflung zu entkommen, bildete der Künstler die Pritsche mit grau-schwarzer Decke ab, aus der mal Früchte lugen, mal, als dramatisches Selbstporträt, sein schmerz-verzerrtes Gesicht, der Körper wie frierend notdürftig verhüllt. Florestan aus „Fidelio“ lässt grüßen.

Die Zellentür samt Gitterluke machte er zum Signet der Isolation. Stuhl und Krug, Sinnbilder eines geregelten Alltags, verwandelte er in schwebend-fallende Elemente der Unsicherheit, den Gefängnisflur in eine Karikatur von Chaos und Ordnung. Dass er weggeschlossen war, inspirierte ihn zu Stillleben, die sich wie Kassiber lesen, melancholische Botschaften fürs Draußen.

Überblicken wir die Liste der Legenden unter seinen Aquarellen aus der Haft, der Chronologie folgend, so liest sie sich wie ein Tagebuch der Selbstvergewisserung, wie „gemein erniedrigt“ er sich fühlte, wie „innerlich so elend“, wie „zerrüttet“:

„Die eine Orange war das einzige Licht – Nicht gestraft, sondern gereinigt fühl´ ich mich! – Die Tür in das Offene – Zwei meiner Taschentücher – Organische Bewegung des Sessels und Kruges – Erinnerung von den grünen Strümpfen – Physikalisch gleicht sich alles am sichersten aus – Kunst kann nicht modern sein, Kunst ist urewig – Gefangener! – Ich werde für die Kunst und für meine Geliebten gerne ausharren! – Ich liebe Gegensätze – Den Künstler hemmen ist ein Verbrechen, es heißt keimendes Leben morden! – Mein Wandelweg führt über Abgründe.“

Zurück zur Orange. Neben dem dringend erbetenen Malzeug war sie ein Mitbringsel von Wally Neuzil, der Geliebten jener Jahre, die ihm auch Modell stand. Einhundert Jahre nach Schieles Tod wird die Südfrucht heute, je nach dem Grad ihrer Verderbnis, zuverlässig von einer Dame des örtlichen Kulturvereins ersetzt. Frisch vom Markt das Obst des Malers im Original. Wer stumme Zwiesprache mit dem einstigen Gefangenen suchte, hier fände er sie. Und könnte eine Prise Schiele schnuppern.

Von Doppelmoral und erotischer Aufladung

Egon, Sohn des Bahnhofsvorstehers von Tulln, war 21, als er in Krumau an der Moldau, dem Heimatort seiner Mutter, mit Wally, 17, ein paar Monate hauste, in, wie das hieß, wilder Ehe. Nicht nur Wally hatte ihm Modell gestanden. Auf seiner Terrasse ließ er, für Voyeure gefundenes Fressen, auch ein junges Mädchen aus dem Städtchen leicht bekleidet vor die Staffelei treten. Mit der Folge, dass die Anhänger zeitgenössischer Schicklichkeit auf den Plan traten, um mit erhobenem Zeigefinger den Daumen zu senken. Was Egon und Wally bewog, Krumau zu verlassen.

Sie fanden Zuflucht im nahen Neulengbach, das Schiele aus Kindertagen vertraut war, als er seine Ferien im Sommerhaus des Onkels Czihaczek verbrachte. Mit seinen Villen und Hotels galt der Ort als geschätzte Sommerfrische betuchter Hauptstädter. Die Bleibe in der Au an der Bahnstrecke Wien-St. Pölten war nach Schieles Eindruck „appetitlich“. Mal nächtigte Wally bei Egon auf dem Dorf, mal ging sie in Wien ihrer Wege. Wem es behagt: das Haus im Grünen bietet sich dar, als sei der Maler mal eben spazieren gegangen.

Seine Motivsuche startete Schiele bei der Burg alias „Schloß Liechtenstein“, das während seines Aufenthaltes abbrannte. Er fand zu Stillleben und Selbstporträts, malte sein Zimmer samt kippeligem Stuhl („Meine Schlafkammer in Neulengbach“), van Gogh nachempfunden. Im Gepäck aus Wien, auch in Krumau dabei, trug er mit sich die Leidenschaft, junge Menschen, meist Mädchen, jener Altersspanne zwischen Kindheit und Jugend vor die Staffelei zu holen.

Doppelmoral der Jahrhundertwende, Prüderie der Vorkriegszeit – in der „k. u. k.“-Hauptstadt der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie gehörte es zur Gewohnheit der Wiener Philister, sich das Recht auf Kinder als gewerbsmäßige Prostituierte zu nehmen, wohlgemerkt: auf Kinder aus unteren Klassen. Für mittellose Maler wie Schiele waren arme Straßenjungen und -mädchen schlicht billiger als Profi-Modelle. Minderjährige aus sogenannten gehobenen Schichten dagegen, so die Heuchelei, waren gemäß deren Moral sowohl als Prostituierte wie auch als Modelle tabu.

Mit Kindern aus solchem Zuhause, dem Stammpublikum Neulengbachs aber bekam Schiele es in seinem dörflichen Atelier im Wienerwald zu tun.

Es war die Epoche, als in Dresden die „Brücke“-Maler Kirchner, Pechstein, Schmidt-Rottluff und Heckel ihrerseits die Motivsuche nach einem Typus von Mädchen wie „Marcella“, 14, und „Fränzi“, 9, in die Natur der sommerlichen Moritzburger Teiche trieb, um ihre Vorstellung vom Imperativ der subjektiven Empfindung in sogenannte „Viertelstundenakte“ zu verwandeln. Dass die beiden Mädchen erst neuerdings vom „Malerzubehör zu Menschen“ aufgewertet werden, was ihnen endlich den gebührenden Respekt einbringt, ist Ergebnis einer Sensibilisierung für den Objekt-Status der jungen Modelle. Resultat des Diskurses über den Missbrauch von Kindern.

Die Kulturwissenschaftlerin Nicole Fritz hat den „männlichen Blick“ dieser Maler auf den Begriff gebracht, wenn sie beschreibt, wie „Schiele das Kleinmädchenhafte mit Posen aus der Erwachsenenwelt erotisch auflädt“ und so „ein auf das Sexuelle reduziertes Frauenbild reproduziert“.

In Neulengbach wurde der Maler bald zur Attraktion. Neugierig wie Kinder sind – unter ihnen die 14-jährige Tatjana Georgette Anna von Mossig, Tochter eines pensionierten Offiziers namens Ritter von Mossig mit Wohnsitz auf der Burg –, spähten sie über den Zaun des Häuschens in der Au, linsten durchs Fenster des Ateliers. Kichernd, wenn nicht aufgeregt tuschelnd, konnten sie sich nicht sattsehen am Gewimmel der Zeichnungen, die von Wänden und Leinen flatterten. Welch eine Abwechslung im gemächlichen Alltag des Dorfes.

Vom Priester zum Märtyrer

Zum Skandal, der in Schieles Verhaftung mündete, kam es, als das Mädchen Tatjana von zuhause ausriss. Ihrer Eltern überdrüssig, drängte es sie, bei den Großeltern unterzuschlüpfen, in der großen Stadt, in Wien. Bei Egon und Wally im Malerhaus hoffte sie auf Verschwiegenheit, auf Unterstützung. Mehrmals, heißt es, hätten es ihr die beiden abgeschlagen, schließlich jedoch eingewilligt, Tatjana zu begleiten. Und weiter geht die Erzählung: der Onkel Czihaczek, nicht nur sein Vormund, sondern auch sein Gönner, habe den Maler verpetzt; er habe ihn angezeigt. Denn Schieles Werke seien längst nicht mehr nach seinem Geschmack gewesen.

Der Dorf-Gendarm, vom besorgten Vater des vermissten Mädchens alarmiert, habe Egon Schiele zunächst eine Vorladung ausgehändigt und ihn später abgeholt, nicht ohne ganze 125 Blätter zu beschlagnahmen und dem Gericht zu übergeben. Drei Wochen saß Schiele im Frühjahr 1912 im Neulengbacher Bezirksgefängnis, einschließlich der Hafttage in St. Pölten, wo das „k. k.“ Kreisgericht seines Amtes waltete und nach kurzem Prozess drei Tage strengen Arrests gegen ihn verhängte, wegen „gröbliches und öffentliches Ärgerniß verursachender Verletzung der Sittlichkeit oder Schamhaftigkeit“. Auf deutsch: er wurde verurteilt, weil Kinder eine einzige Aktzeichnung gesehen haben sollen, die an der Wand seines Ateliers hing. (Augen-) Zeuge: der Dorf-Gendarm.

Von der ursprünglichen Anklage der „Schändung“ bzw. der „Entführung“ wurde der Maler freigesprochen. Ob der Richter eines von Schieles Blättern im Gerichtssaal verbrannte, ist umstritten. Wie sehr die Demütigung des Gefängnisaufenthaltes den Maler traumatisierte – sie sollte Folgen haben.

Längst war Schiele vom Glauben beseelt, in einer Art Priesterschaft gemeinsam mit seinem Malerkollegen Gustav Klimt über dem Gesetz zu stehen. Sah sein Künstlertum als Mission, den Menschen Erleuchtung zu bringen. Die Knasterfahrung bestärkte ihn darin. Nicht überraschend, dass er sich in Selbstporträts als „Prophet“ und „Selbstseher“ darstellte, gar als „Märtyrer“. In der Gouache „Heilige Familie“ erhöhte er sich zu „Josef“, Wally als „Maria“ an seiner Seite. Oder, eher weltlich-subversiv: er und seine Liebste im Gemälde „Liebkosung“ als „Kardinal und Nonne“, ein Werk, das den „Kuss“ des Kollegen Klimt parodiert. Was ihn nicht daran hinderte, seine Zuneigung für Wally, die ihn im Gefängnis so „edel“ umsorgt habe, in einem großartigen Doppelporträt zu feiern, gleichsam das bildnerische Verlöbnis des Meisters mit seiner Jüngerin. Im Übrigen: wieder in Freiheit, wurden seine Kindermodelle selten und ihre Posen unverfänglich.

Egon Schiele, Kardinal und Nonne oder Die Liebkosung, Leopold Museum, Wien, via Wikimedia Commons
Egon Schiele, Kardinal und Nonne oder Die Liebkosung, Leopold Museum, Wien, via Wikimedia Commons

Über den Albtraum der Gefängnishaft, die er sich als „Affäre“ gutschrieb, bewahrte Schiele bis zu seinem frühen Tod Schweigen. Er starb mit 28, am 31. Oktober 1918, just an dem Tag, als die „k. u. k.“ Habsburger Doppelmonarchie im Orkus der Geschichte verschwand. Er starb drei Tage nach seiner Frau Edith, die mit einem gemeinsamen Kind schwanger war. An der Spanischen Grippe. Er starb mit einem schönen Wiener Satz auf den Lippen: „Der Krieg ist aus – und ich muss gehn.“

Die Gemeinde Neulengbach im Wienerwald schmückt sich mit der Prominenz ihres kurzzeitigen, malträtierten Einwohners Egon Schiele. Man hat seine Berühmtheit ins Dorfbild gestempelt, vorneweg die Zelle im Amtshaus hergerichtet, vor den Eingang wurde eine Skulptur gesetzt, kreuz und quer durch den Ort ein „Rundweg“ mit allerlei „Infopoints“ markiert. Man hat Bilder-Schilder errichtet, Votivtafeln gleich stehen sie am Straßenrand, zeigen Motive seiner hiesigen Kunst-Produktion. Tenor: Schiele sei hiermit „heimgekehrt“.

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erstellt am 11.2.2019

Schiele-Büste vor dem Bezirksgericht Neulengbach, wo er inhaftiert war, Foto: Johannes Winter
Schiele-Büste vor dem Bezirksgericht Neulengbach, wo er inhaftiert war, Foto: Johannes Winter

Egon Schiele, Die Tür in das Offene, 1912, Albertina, Wien, via Wikimedia Commons

Eingangstür der „Schiele-Zelle“, Foto: Johannes Winter

Pritsche mit Apfelsine in der „Schiele-Zelle“, Foto: Johannes Winter