Das Franz-Michael-Felder-Archiv in Bregenz hat sich um die Bewahrung von Geschichte und die zeitgenössische Literatur Vorarlbergs verdient gemacht. Gleichwohl wird es kaum wahrgenommen. Thomas Rothschild stellt die 1984 eröffnete Institution vor.

Franz-Michael-Felder-Archiv

Das literarische Gedächtnis

Es gibt keine föderale Gerechtigkeit. Während man in Berlin sehr genau weiß, dass sich das wohl wichtigste deutsche Literaturarchiv im kleinen schwäbischen Marbach befindet, scheint man in Österreich zu glauben, dass die Nationalbibliothek das Zentrum der Literaturpflege bilde. Was an anderen Orten an nützlicher archivarischer Arbeit geleistet wird, ist in der Hauptstadt kaum bekannt. Das Franz-Michael-Felder-Archiv am anderen Ende der Republik wird, zu Unrecht, kaum wahrgenommen. Dabei hat es sich nicht nur um die Bewahrung von Geschichte verdient gemacht, sondern ebenso um die zeitgenössische Literatur der Region. Das liegt gewiss auch daran, dass die langjährige Leiterin des Archivs Ulrike Längle nicht nur promovierte Germanistin, sondern selbst eine anerkannte Schriftstellerin ist. Man weiß nicht so recht, ob man das Archiv und Vorarlberg zu dieser Personalentscheidung beglückwünschen oder ob man bedauern soll, dass Ulrike Längle durch ihren Dienst an der Literatur Anderer vom Schreiben eigener Texte abgehalten wurde.

Nicht zuletzt ist es Ulrike Längle und dem Archiv zu verdanken, dass der Namensgeber in seiner Bedeutung wiederentdeckt wurde. Wer sich mit Literatur beschäftigt, weiß heute auch über Vorarlberg hinaus, dass Franz Michael Felder ein Schriftsteller ist, der in einem Atem mit Berthold Auerbach oder Marie von Ebner-Eschenbach genannt werden darf. Seine Autobiographie „Aus meinem Leben“ gehört zu den schönsten und wahrhaftigsten Zeugnissen ländlichen Lebens im 19. Jahrhundert und macht wie kaum ein anderes literarisches Werk verständlich, was das Privileg der Bildung für jene bedeutet, denen es vorenthalten wird.

Meine persönlichen Erfahrungen als Österreicher im schwäbischen Exil mit dem Franz-Michael-Felder-Archiv sind beschränkt. Zwei Mal durfte ich in seinem Rahmen Gespräche mit Schriftstellerinnen führen, die ich schätze: mit der Vorarlbergerin Ingrid Puganigg, die ich seither leider aus den Augen verloren habe, und mit der in Berlin lebenden Salzburgerin Kathrin Röggla. Beide, die eine Generation von einander trennt, sind auf unterschiedliche Weise dem experimentellen Erzählen verbunden, beide haben einen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelt. Beide, übrigens, belegen, dass Frauen in der Literatur keines Bonus bedürfen und dass es eher eine Beleidigung ist, wenn man sie unter „Frauenliteratur“ statt schlicht unter „bedeutender Literatur“ rubriziert.

35 Jahre sind, je nach Perspektive, eine kurze oder eine lange Zeit. Manches hat sich seit 1984, als das Michael-Felder-Archiv seinen Betrieb aufnahm, verändert. Die Literatur hat in der Politik und in den Medien gewiss nicht an Aufmerksamkeit gewonnen. PISA ist überall. In einer Zeit, in der so genannte Qualitätsmedien die Rocklänge von Schlagerstars diskutieren, muss man glücklich sein, dass es noch Schlupfwinkel der Seriosität wie das Franz-Michael-Felder-Archiv gibt. Man kann nur ein langes Leben und der öffentlichen Hand Einsicht in die Notwendigkeit einer Kultur wünschen, die die Menschenwürde erst garantiert.

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erstellt am 08.2.2019

Das Gebäude des Vorarlberger Landesarchivs, in dem das Franz-Michael-Felder-Archiv untergebracht ist. Foto: böhringer friedrich [CC BY-SA 2.5 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], from Wikimedia Commons

Das Gebäude des Vorarlberger Landesarchivs, in dem das Franz-Michael-Felder-Archiv untergebracht ist.
Foto: böhringer friedrich [CC BY-SA 2.5 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], from Wikimedia Commons