Als junger Mann fuhr der Schweizer Journalist Christian Würtenberg nach Kroatien, um über die Jugoslawienkriege zu berichten. Er kam nie zurück. In ihrem Langfilmdebüt „Chris the Swiss“ widmet sich Regisseurin Anja Kofmel der Ermordung ihres Cousins. Jens Balkenborg hat den Film gesehen.

Film

Bilder der Beklemmung

Was treibt einen 26-Jährigen dazu, sein Leben als Kriegsreporter aufs Spiel zu setzen? Mehr noch: Warum steigt er zwischen den Trümmern und Toten des Jugoslawienkriegs noch tiefer hinab in die Hölle und schließt sich freiwillig einer Söldnerbrigade an, deren Auftrag „Säuberung“ lautet? Und als würde das nicht schon genug wiegen: Was ist geschehen, dass dieser Mann, den sie „Chris the Swiss“ nannten, im Morgengrauen des 7. Januar 1992 erwürgt aufgefunden wurde? Was nach reißerischer Fiktion klingt, ist dem Schweizer Journalisten Christian Würtenberg tatsächlich widerfahren. Als junger Mann hat er sich in den Zug nach Kroatien gesetzt, um aus den Jugoslawienkriegen zu berichten, und ist nie zurückgekommen.

Bereits in ihrem animierten Kurzfilm Chrigi setzte sich Regisseurin und Autorin Anja Kofmel mit der Ermordung ihres Cousins auseinander. In ihrem Langfilmdebüt Chris the Swiss widmet sie sich nun erneut dem Thema und versucht mit umfangreicher Recherche Antworten auf die vielen Fragen und die Umstände von Chris’ Tod zu finden. Dabei bedient sie sich einer außergewöhnlichen filmischen Form: Sie wechselt zwischen klassischer Dokumentation und animierten Sequenzen. Einerseits sehen wir die Regisseurin auf ihrer Recherchereise, die sie auf Grundlage von Chris’ Tagebuchaufzeichnungen, Artikeln und Radiobeiträgen absolviert. Neben historischen Aufnahmen kommen Familienangehörige und Zeitzeugen zu Wort, etwa Reporterkollegen, die damals mit Chris zusammengearbeitet haben, oder ehemalige Söldner.

Diese buchstäbliche Reise wird ergänzt durch eine animierte: In aufwendig produzierten, düsteren Animationen, die auf Grundlage von Kofmels Zeichnungen entstanden sind, artikuliert sie, was in ihr vorgeht, und illustriert ihre Version der Lücken in der Recherche. „Ich kenne nur Bruchstücke deiner Geschichte, ein paar absurde Details, den Rest muss ich mir vorstellen“, erklärt sie einmal. Obwohl diese Sequenzen niemals den Anspruch erheben, Fakten abzubilden, stecken darin doch mögliche Realitäten.

Nicht nur wegen der Zeichnungen lässt Chris the Swiss an Ari Folmans dokumentarischen Animationsfilm Waltz With Bashir denken. Hier wie dort geht es um die Aufarbeitung von Kriegssituationen: Folmans psychoanalytischer Trip ergründete ein brutales Massaker während des ersten Libanonkriegs – und auch Kofmel beginnt mit einem Albtraum: Da schlängeln sich schwarze Linien aus einem grauen Schleier, werden zu Furchen, ein schier endloses Feld unter grauem Himmel nimmt Gestalt an. Durch dieses tote Feld tapst das Kinder-Alter-Ego der Regisseurin – mit einer Zeichnung in der Hand, die sie dem Cousin geben möchte, doch der Tod hängt ihm bereits im Nacken. Die Animationen changieren zwischen abstrakt und konkret und geben dem Film seine Stimmung. Ohne schnöde Effekthascherei werden in diesen Bildern Finsternis und Beklemmung wahrhaftig.

Kofmel war zehn Jahre alt, als ihr Cousin ums Leben kam, und in jeder Filmsekunde meint man zu spüren, dass die Geschichte sie seitdem beschäftigt. Am Anfang berichtet sie von ihrer infantilen Bewunderung für den zu Abenteuern aufgelegten Verwandten, den sie stets direkt anspricht. Doch aus dem „Wenn ich groß bin, will ich genauso sein wie du“ entwickelt sich schnell eine kritische und schonungslose Auseinandersetzung mit seiner „Lust an Gefahr, an Extremen“, wie die Regisseurin es beschreibt. Vor allem wenn es um die Folgen seines Handelns geht, macht die Bitterkeit der Lage mitunter sprachlos. Etwa wenn der gebeutelte Bruder des Toten den Tränen nahe erklärt, wie Chris unsagbares Leid über die Familie gebracht hat.

Auf Kofmels Reise werden Krieg, Wahnsinn und Tod immer konkreter. In Zagreb trifft sie einen kroatischen Filmproduzenten, der die Kriegsreporter an die Front brachte, sie besucht das Hotel Intercontinental, in dem damals die Presse untergebracht war. So nähert sie sich dem Personenkreis um die paramilitärische PIV, jener Einheit aus internationalen Freiwilligen, die den serbischen Vormarsch stoppen sollte und auch vor Zivilisten nicht haltmachte, wie die Journalisten im Film erklären.

Der Gründer der PIV, Eduardo Rózsa-Flores alias „Chico“, war zunächst auch als Journalist vor Ort. Ein undurchschaubarer Typ, den Kofmel mit charakteristischen Augenringen zeichnet und der zur Schlüsselfigur wird. Die Kriegsreporterin Heidi Rinke beschreibt seine Brigade als „eine Gruppe rechtsextremer Verrückter, die nach Kroatien kamen, um legal zu töten“.

War es, wie einige vermuten, ein rein journalistisches Interesse, das Christian Würtenberg in die Arme von Chico trieb? Am Ende von Chris the Swiss steht kein kohärentes Gesamtbild, und viele Fragen bleiben unbeantwortet. In Kriegszeiten sind die dunklen Flecken, die zur Geschichtsrekonstruktion per se dazugehören, bekanntlich noch dunkler.

Vor dem Hintergrund des persönlichen Schicksals entwirft der Film ein Zeitbild; er erzählt von gewaltsamen Umbrüchen, Nationalismus und Radikalismus. Und damit letztlich auch von jenem verblendeten Fundamentalismus, der heute weltweit junge Männer dazu bringt, für den radikalen Islam zu kämpfen.

Der Text ist in der Wochenzeitung der Freitag erschienen.

Trailer: „Chris the Swiss“, ein Film von Anja Kofmel, Schweiz, 2018

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erstellt am 08.2.2019

Filmplakat „Chris the Swiss“
Filmplakat „Chris the Swiss“