In Stuttgart sind Bertolt Brechts und Kurt Weills „Sieben Todsünden“ als Koproduktion von Staatsoper, Ballett und Schauspiel zu sehen. Anna-Sophie Mahler lässt das Stück in einem Boxring spielen und verschafft der Sängerin Peaches einen prominenten Auftritt. Thomas Rothschild vermisst das kritische Potential des Originals.

»Die Sieben Todsünden« in Stuttgart

Ach Brecht, ach Weill, ach Frank Zappa

Anna-Sophie Mahler hatte einen Regieeinfall. Sie lässt Bertolt Brechts und Kurt Weills „Sieben Todsünden“ in einem Boxring spielen. Den Einfall hatten Brecht und Weill schon vor ihr. Allerdings nicht in dem Ballett, das George Balanchine 1933 bei den beiden bestellt hatte, sondern im Songspiel „Mahagonny“, das diese sechs Jahre zuvor für das Musikfest in Baden-Baden geschrieben hatten und aus dem dann die Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ wurde.

Das Orchester sitzt im nach vorne offenen Karree um den Boxring, im Halbdunkel, und es ist schon der Höhepunkt des Stuttgarter Drei-Sparten-Projekts. Für den (englisch gesungenen) Gesangspart der einen Anna – neben der Schauspielerin Josephine Köhler und der einsamen Tänzerin Melina Witham – holte man sich die Electroclash-Sängerin Peaches (in Linz, hallo Helmut Qualtinger, war in dieser Rolle die wunderbare Marianne Faithfull zu hören und zu sehen), und weil das Stück keine ganze Stunde dauert, und weil es das Geltungsbedürfnis der Performerin nicht ausfüllt, vielleicht auch, weil man ein jüngeres Publikum ins Theater locken wollte, darf sie anschließend ihre Show abziehen und so tun, als hätte das etwas mit Brecht und Weill zu tun. Es ist, kurz formuliert, nicht deren Heimholung in die Gegenwart, sondern ihre Zurücknahme, Affirmation anstelle von Revolte. Keine Spur eines kritischen Potentials, inhaltlich nicht und auch nicht musikalisch.

Affirmation statt Revolte: „Die sieben Todsünden“ mit Peaches (rechts im Bild), Foto: Bernhard Weis

Ehe Peaches, nach einem Intermezzo von Josephine Köhler, die Virginie Despentes’ „King Kong Theorie“ rezitiert wie einen Grundkurs in weiblicher Selbstbehauptung, die Bühne für sich in Anspruch nimmt, demonstrieren vier Herren Weills grandiose (ja, immer noch grandiose) Musik im Close-Harmony-Gesang. Für den Tanz ist Louis Stiens zuständig. Leider fällt ihm nicht allzu viel ein. Wir kennen von ihm aufregendere Choreographien. Immerhin hat er begriffen, dass Brecht und Weills satirische Dialektik mehr ist als Zorn. Bei Peaches reduziert sich der Protest auf pure Aggression gegen die Welt des Bürgertums. Punk goes Theatre. Trash, sexuelle Provokation beschränken sich auf bloßes Zeigen. Eine theatrale Umsetzung findet nicht statt. Ach Frank Zappa, ach Kenneth Anger. Das hatten wir doch schon auf einem anderen Niveau.

Wer derlei behauptet, setzt sich dem Verdacht der Spießigkeit aus. Er gerät in eine Falle. Der Vorwurf ist nicht widerlegbar. Indem jemand behauptet, kein Spießer zu sein, beweist er gerade, dass er es ist. Da hilft der Hinweis nicht, dass ihn der hysterische Exhibitionismus nicht empört, sondern bloß anödet. Er geht hinter Dada und Happening zurück, übrigens auch hinter Wilhelm Reich, aber das scheint das johlende Publikum nicht zu stören.

Andrea Kachelriess schreibt in den „Stuttgarter Nachichten“: „Man muss nicht prüde sein, um trotz treibender Beats diese Sexshow in ihrer Vorhersehbarkeit und choreografischen Reduziertheit reichlich langweilig zu finden.“ Sie darf, sie ist eine Frau. Einem Mann wird derlei nicht verziehen. Er hat per Geschlecht unrecht. Männliche Arroganz – spiegelverkehrt. Und Spießer ist er sowieso.

Übrigens: Peaches ist als Anna gar nicht übel. Ob man sich am Schluss noch daran erinnert?

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erstellt am 05.2.2019

„Die sieben Todsünden“, Schauspiel Stuttgart, Foto: Bernhard Weis

Koproduktion von Staatsoper, Ballett und Schauspiel Stuttgart

Die sieben Todsünden

Ballett mit Gesang von Kurt Weill, Text von Bertolt Brecht / Live Testimonial by Peaches

Regie Anna-Sophie Mahler, featuring Peaches
Musikalische Leitung Stefan Schreiber
Choreographie Louis Stiens

Schauspiel Stuttgart