Anneliese Botond war Lektorin bei Insel und Suhrkamp und begleitete über mehrere Jahre Thomas Bernhards Werk. Zwischen 1963 und 1970 verfasste sie mehr als 140 Briefe an Bernhard, dessen vermutlich wenige Antwortschreiben sich nicht erhalten haben. Im Korrektur-Verlag sind Botonds Briefe nun erschienen. Alexandru Bulucz hat sie studiert.

Buchbesprechung

Territorium der Haifische

Es gibt zwischen den zwei bisher im Korrektur-Verlag erschienenen Briefkorrespondenzen mit Thomas Bernhard eine große Kontinuität: Nicht er ist der Wortführer, sondern der jeweilige ältere Briefpartner. Die Briefe, die zwischen Bernhard und Gerhard Fritsch ab 1957 zirkulieren, zeichnen sich zu einem nicht geringen Teil durch die symbolische Wortführerschaft des schon im Betrieb etablierten Fritsch aus, um dessen Gunst der aufstrebende Jüngere wie ein Schüler buhlt: „Jetzt bräuchte ich die Lehren eines ausgereiften alten Mannes: es ist alles so finster um mich herum.“ Im Besitz der Wortführerschaft ist in der jüngst erschienenen, im Jahr 1963 einsetzenden Briefkorrespondenz Bernhards Insel-Lektorin Anneliese Botond (1922-2006). Doch anders als dort ist die hiesige Wortführerschaft eine buchstäbliche, denn bis auf wenige Ausnahmen haben sich die an Botond adressierten Briefe Bernhards nicht erhalten.

Wären Menschen nicht von Natur aus übermäßig an Klatsch und Tratsch interessierte und für immer verschüttete Geheimnisse nicht ausstehen könnende Neugiernasen, sie würden nach der Lektüre versucht sein zu behaupten, dass die Briefedition durch den Verlust der einen Hälfte um Einiges hinzugewinnt. Was Botond im Sinn hatte, als sie zum Beispiel schrieb – „Zu unserem gemeinsamen Wochenende will ich jetzt nichts mehr sagen. Es kämen mir vermutlich zu viele oder zu wenig Worte. Ich bin Ihnen aber dankbar für diese zwei Tage.“ (28.1.64) –, wird keiner mit Sicherheit sagen können. Weitgehend von der autorschaftlichen Selbstinszenierung Bernhards verschont, überlässt die Briefedition also allen Raum der Perspektive Botonds auf ihn. Obwohl Bernhards dominante Art mit den Jahren zunehmend auch sie für ihn einnimmt, verliert die Lektorin zu keinem Zeitpunkt ihre Unabhängigkeit. Den endgültigen Beweis dafür erbringt sie schließlich, indem sie 1969 sowohl dem Verlag als auch ihrem noch nicht vierzigjährigen Schützling den Rücken kehrt.

Es fällt einem kein anderes Zeugnis ein, das derart eindrücklich von der diplomatischen Kunst des Lektorierens und von den sonstigen Aufgaben, mit denen sie einst verknüpft war, Auskunft gibt. Gegenwärtig dürfte philologische Gründlichkeit schon genügen, um sich einen Platz als Lektor oder Lektorin in einem Verlag zu sichern. Um in den Sechzigern einen Autor wie Bernhard und einen Verleger wie Siegfried Unseld bei der Stange zu halten, musste die Lektorin Botond, eine Akademikerin mit zwei Doktortiteln, so ziemlich alles in ihrer Kraft Stehende sein und tun. Sie musste eine Strategin in ausgezeichneter Kennerschaft von Autoren- und Verleger-Psychologien sein, über alles Mögliche informiert bleiben sowie informieren können: über Umbrüche, Fahnen, Aushänger, Klappentexte, Sortimenterzeitungen, Vertreter, Lesungen, Lesungsreisen, Auftritte in Funk und Fernsehen, Messeauftritte, Buchhändleranfragen, Zimmerreservierungen, Honorare, Buchhaltungen, Umsatzsteuern, Banken, Geldüberweisungen, Verträge, Lizenzen, Übersetzungen, Stipendien, Preise, Rezensionen u.v.m. Und sie musste – vielleicht: wollte – nicht zuletzt eine Informantin sein: „Einerseits habe ich Schweigepflicht, andererseits möchte ich nicht, dass sie es von anderer Seite erfahren; und ausserdem ist es für sie doch wichtig, zu wissen, was in Ihrem Verlag vorgeht.“ (13.8.64) Wer außerdem würde heute noch für den Autor auf günstige wirtschaftliche Zeiten des Verlages lauern, in denen Gespräche mit Verlegern über Honorare am besten zu führen seien? (vgl. 2.1.1965, 6.9.65, 28.11.66)

Dass sich Botond bis zur Selbstauflösung hat zurückfahren müssen, um diesen Wust an Aufgaben bewältigen und den Egos von Bernhard, Unseld und anderen Alphatieren ausreichend Beinfreiheit ermöglichen zu können, klingt in den eher am Rand erwähnten persönlichen Krisen der Lektorin logischerweise nach. Der Leser muss für den anteilnahmslosen, manchmal sogar peinigenden Bernhard geradezu selbst aufkommen: „Ihre Briefe sind manchmal wie Züchtigungen, und mich schaudert, wenn ich sie lese, vor mir selber.“ (17.3.65) Und so ist ihr Schaudern auch eines davor, den brieffaulen, wortkargen und zornigen Bernhard des ungeachtet immer fester in ihr Herz zu schließen. Als Bernhard ab Juni 1967 wegen seiner Lungeninsuffizienz für mehrere Monate in einem pulmologischen Krankenhaus in Wien stationär behandelt wird, ist es längst nicht mehr nur ein literarischer Eros, der Botond an Bernhard bindet. Ihre mütterliche Sorge um den Kranken führt soweit, dass sie ihm zum Ausgleichen der Behandlungskosten ca. 6.000,- DM privat überweist, nachdem Unseld zu verstehen gibt, dass der Verlag nicht dafür aufkommen wird.

Der Witz, den Botond in diese doppelte Leidensgeschichte – die ihrige an der Unerreichbarkeit Bernhards und die seinige am eigenen Körper – einstreut, hat kathartische Wirkungen und wäre sicherlich untergegangen, stünden ihre Briefe neben denen Bernhards. Dabei ist ihre Kunst des Beschimpfens der seinigen ebenbürtig. Vor allem Branchenkollegen geraten dabei unter Beschuss, aber nicht selten auch die Mitarbeiter des eigenen Verlagshauses. An ihren originellen Wendungen, Wortspielen, Metaphern und Neologismen, die gleichsam das eruptive Erkenntnispotenzial der Sprache demonstrieren, zeigt sich eine ungeheure Lust an Rhetorik.

Da wäre zum Beispiel die paronomastische Versiertheit, mit der sie einen Brief aufbaut, der eine schlechte Nachricht überbringen soll: „Von allen Arten von Schüssen sind die Vorschüsse ja wohl die angenehmsten, und ich schicke vorsorglich diesen (oder die Nachricht davon) voraus, damit er den nun folgenden Schreckschuß amortisiert […].“ (21.3.63); die Rede von der „Datophobie“ der Autoren, an der die Verlage in ihrer Datophilie litten, und von Buchhändlern, die „terminomane Leute“ seien; die Metapher der „Gedankenzähne“ (1) resp. der „Denkzähne“, die dem Rezensenten nicht fehlen dürften, wollte er den zu besprechenden Text, der ein „recht harter Knochen“ sei, zur Erkenntnis bringen; der Vergleich eines Autorenvertrags mit einem „Paragraphen-Florileg“; die Heraufbeschwörung von „Buchhaltungshexen“ und „Buchhaltungsdrachen“; der Rundumschlag gegen Verlage, die „erzpedantische Autorenvergewaltiger“ seien; die Verdammung des Führungsstils Unselds als „napoleonid“; die Degradierung der Rezensionen Marcel Reich-Ranickis zum „Gefasel“ und „Gewäsch“; die Bitte an Bernhard, „Fiskus und Morbus“ hinter sich zurückzulassen – und es wären noch zig Beispiele zu nennen sowie jene Stellen, wo sie mit ihrer Belesenheit und im Herbeizitieren schönster Zitate aus der Geistesgeschichte prunkt.

Und wird ihr das eigene Urteil zu statisch, lässt sie plötzlich Gerechtigkeit walten. Warf sie Unseld hier – „da bei Unseld das lit. Urteil anderer die eigene Erkenntnis ersetzt“ (25.10.64) – noch Unselbständigkeit vor, nimmt sie ihn dort „in Schutz“ (19.8.1967) oder bittet in seinem Namen um Nachsicht und Großmütigkeit (31.3.67). Bei Reich-Ranicki rückt sie zwar kein Stück von ihrer Härte ab, schlüpft aber dafür in die Rolle der Strategin und hat vor, ihn in den von ihr zusammengestellten Materialienband (2) zu Bernhard aufzunehmen.

Nie aber ist ihr Witz derart komisch, dass er wirkliche Lacher produzieren würde. Eher fußt er auf einem absoluten Ernst. Feststellen lässt er sich gerade im Kontrast zu Bernhards Brief vom 19. August 1966, in dem er in allerletzter Minute die Einsendung eines Romanmanuskripts vertagt und einmal mehr die Verlagspläne durcheinanderwirbelt und in dem er urkomisch in achtzehn Punkten über mögliche Reaktionen aus dem Verlag, Botond inbegriffen, spekuliert. Man möge dies an sich selbst testen: Man lese den Briefwechsel komplett durch und hebe sich besagten Brief für den Schluss auf. Nur Botond ist nicht zum lauten Auflachen zumute: „Weh getan hat mir Ihr Brief. Mir schieben Sie unter dem pluralis abiectionis diese ganze niederträchtige Viehhändlermentalität zu: werden ‚wir‘ den Ochsen schlachten oder ihn weiterfüttern, ihn auf halbes Futter setzen, ihn schlagen oder noch einmal täuschen? Sie schieben mir die Flüche in den Mund und drücken mir die Peitsche in die Hand. Ich bin kein Viehhändler, ich bin kein Dompteur, ich bin kein Zuchtmeister. Ich gebe Ihnen diesen Brief zurück. Ich will ihn nicht.“ (21.4.66) Derselbe Brief Bernhards ist gleichzeitig das beste Beispiel dafür, dass er ein von der emotionalen Anschmiegsamkeit und Flexibilität Botonds völlig unbewegter Beweger ist. Als ob er bis zuletzt nicht „den Dr. zwischen uns weglassen“ wollte, worum ihn Botond schon am 1. September 1963 bat.

Botonds Ernst spiegelt sich schließlich auch in ihrem Lektorat, das auf interpretative Fehleinschätzungen hin auch Etappen der Selbstzerfleischung durchläuft (6.12.65). Darüber hinaus moniert Botond schon sehr früh „ein Zuviel an Wiederholungen“ (1.6.63) in Bernhards Texten, um sich prompt, allerdings noch ohne den Grund dafür zu kennen, zu korrigieren: „ich hatte Ihnen geschrieben, dass ich ein paar ‚Wiederholungen‘ aus Ihrem Text streichen wollte. Nun habe ich mich dran gemacht und dabei gesehen, dass es nicht geht. Es geht einfach nicht! Der Text sträubt und wehrt sich dagegen, und das spricht in jedem Fall für ihn. Ich habe also so gut wie nichts geändert“ (6.9.63). Erst nach weiteren fünf Jahren der Zusammenarbeit nimmt sie in einem „Gedankenfragment“ eine Erklärung der Wiederholungsstruktur in den Texten ihres Schützlings für sich an: „Die Welt Ihrer Bücher ist endgültig. Wiederholbar, aber unveränderlich. Sie ist eine geschlossene Welt und als solche auch ein Gefängnis. (Das ist der tiefere Grund, warum Sie nicht über Ihre Bücher schreiben können.) Sie können die Schrecken vermehren, die Spannung steigern, die Perspektive, die Konstellation verändern, Sie können das Gefängnis ausweiten, endlos […] zu einem immer furchtbaren, immer königlicheren Gefängnis: der Grundriss wird bleiben. Das ist keine Einschränkung, im Gegenteil.“ (23.5.1968) Erst in diesem Brief, in dem Lektüreerfahrung und Expertise kulminieren, gehen Botond die Bedeutung und das Kierkegaard’sche Ausmaß der Wiederholung in Bernhard auf.

Diese Deutung Botonds, die den von ihr herausgegebenen Materialienband zu Bernhard zusammenhält, prägt fortan den Großteil der Rezeption des Österreichers. Zudem ist sie die erste, die die Vergleichspunkte zwischen der Literatur Bernhards und den Gesellschaftsanalysen Michel Foucaults sieht, dessen „Psychologie und Geisteskrankheit“ 1968 in ihrer Übersetzung erscheint: „Ich lese Franzosen und denke an Ihre Bücher. Das Echo zu Ihren Büchern kommt aus Frankreich.“ (29.8.1967) „Ich möchte unbedingt die französische Ausgabe von ‚Frost‘ an Foucault schicken […].“ (15.11.67) „Haben Sie gesehen, dass in dieser Urs-Jenny-Besprechung von ‚Ungemach‘ […] plötzlich Michel Foucault auftaucht?“ (21.12.68) Und von nicht geringerer Bedeutung dürften ihre Versuche sein, ihren Schützling noch zu Lebzeiten zu kanonisieren: Preise für ihn „locker zu machen“ (31.8.67, vgl. auch 28.11.1964).

Am Ende der Lektüre stellt sich die Frage, wie und warum Botond gerade in den verlagsintern (Suhrkamp/Insel) sehr bewegten Sechzigern so lange als Lektorin hat durchstehen können. Verdammt sie doch den Verlag als zeitweises „Inferno“, als eine „Insel, die längst ein Territorium der Haifische geworden ist“, und sieht sich nicht zuletzt sehr emphatisch in einer „Verlagsgefangenschaft“. Schon 1964 denkt sie übers Aufhören nach: „Ich habe die Lust, mit Ihnen zu arbeiten, nicht verloren, und wenn ich sie je verliere, habe ich sicher längst zuvor den Dienst im Verlags-Unwesen quittiert.“ (28.11.64)

Die Briefedition ist nicht nur für die Forschung reizvoll, sondern insofern auch für die allgemein Interessierten, als die Briefe sowohl in den Reisebeschreibungen als auch den Werkdeutungen Botonds von hoher Literarizität zeugen. Darüber hinaus lesen sie sich wie eine Geschichte mit Anfang und bittersüßestem Ende. Was für Botond und Bernhard mit dessen Romanerstling „Frost“ anfing, endet nicht mit deren Kündigung, sondern mit der Ankündigung der Vergabe des Büchner-Preises 1970. Da ist die Reisefanatikerin schon über alle Berge und Meere und schreibt dem bald im Literaturolymp Thronenden aus Lima, dass sie von der Nachricht „elektrisiert“ sei (15.7.1970). Sich aus der Verlagsgefangenschaft zu entlassen und gleichzeitig den Schützling auf einem Höhepunkt seines literarischen Schaffens zu verlassen – das rückt dem allbekannten „aufhören, wenn es am schönsten ist“ ziemlich auf die Pelle.

Man kann den im österreichischen Mattighofen ansässigen und nach Bernhards gleichnamigem Roman benannten Korrektur-Verlag nicht genug dafür loben, dass er diesen besonderen Menschen, der Botond war, und sein undankbares Handwerk mit dem gehörigen symbolischen Kapital ausgestattet hat. Nun wäre zu wünschen, dass er dort weitermacht, wo er aufgehört hat, und weitere Briefe und Zeugnisse der Lektorin erschließt. In den Briefkommentaren stolpert man auf eine bibliographische Angabe, die einen teilweisen Abdruck des Briefwechsels zwischen Botond und einem weiteren schwierigen Patienten, dessen Lektorin sie war, dokumentiert: Paul Celan. (3) Ein ganzheitlicher eigenständiger Abdruck des Briefwechsels würde ihre Tätigkeit als Lektorin weiter ausdifferenzieren.

1 Weiterführend: Hilde Haider-Pregler, Birgit Peter (Hg.): Der Mittagesser. Eine kulinarische Thomas-Bernhard-Lektüre, Wien 1999.
2 Anneliese Botond (Hg.): Über Thomas Bernhard, Frankfurt am Main 1970.
3 Peter Goßens (Hg.): Angefügt, nahtlos, ans Heute. Agglutinanti all’oggi. Paul Celan übersetzt Giuseppe Ungaretti. Handschriften. Erstdruck. Dokumente, Frankfurt am Main 2006, 138-144.

Originaltext

Brief vom 23. Mai 1968

Von Anneliese Botond

[125; Anschrift: ; 2 Bl. Masch]

[Frankfurt am Main]
23. 5. 1968

Lieber Herr Bernhard,
ich bin nicht sicher, ob zu Ende gesagt werden soll (zu einem sehr relativen Ende), was neulich abend ja nur in den ersten Ansätzen gesagt worden ist. Vielleicht ist es die verbotene Tür. Aber verbotene Türen werden immer geöffnet, und letzten Endes: hinter geschlossenen Türen werden Ihre Bücher nicht leben.

Sie haben früher einmal gesagt, wenn jemand Ihnen, was Sie schreiben, auslegte, gänzlich auslegte, könnten Sie nicht mehr schreiben. Das ist sicher wahr, aber das wird wohl niemals geschehen. Sicher wird eines Tages eine Interpretation Ihrer Bücher kommen, sie muss kommen. Aber was da zu erwarten ist, bestenfalls, schlimmstenfalls, ist doch höchstens Erklärung, nach dem Muster Ihres schönen Satzes: wir erklären uns alles und wir verstehen nichts.

„Verstörung“ ist die Entdeckung: hier erscheint zum ersten Mal der ganze Grundriss, aus dem zuvor, wie sich jetzt zeigt, auch Ihre früheren Bücher hervorgegangen sind, aber ohne ihn ganz in sich aufzunehmen. Gleichzeitig ist „Verstörung“ auch ein Deck-Titel: in Wahrheit müsste über dem Buch das Wort stehen, das Sie neulich selber ausgesprochen haben: Zerstörung. (Ich darf gar nicht mehr daran denken, dass das Buch um Haares Breite an einem völlig fremden Titel vorbeigegangen ist.)

Zerstörung stelle ich mir, aus Ihrem Buch heraus, als das Prinzip vor, in dem das seit und durch die Erschaffung der Welt Geschiedene: Licht – Finsternis, Wahnsinn – Vernunft, Eros – Thanatos, ineinander stützt, Zerstörung geht auf Identität aus – nicht auf die Identität des Ursprungs, aus der alles durch „göttliche Scheidekunst“ seinen Anfang nimmt, sondern auf Identität, in der alles zu einem Ende kommen wird, Zerstörung ist das Vor-Ende, wo das durch Setzung und Gesetz Getrennte gewaltsam und mit der ganzen Spannung des Gegensätzlichen ineinander geschoben ist, noch nicht eins, nicht mehr getrennt; wie das Hochwasser und das Theater, wie Lust als Lust am Grauen und Grauen als Grauen an der Lust, Zerstörung ist der Inzest der Gegensätze, die Welt der Zerstörung ist eine Gegenwelt.

Das Paradoxe ist, dass Zerstörung in diesem wie in allen Ihren Büchern als etwas Statisches erscheint, als Dauerzustand: es gibt keine Entwicklung, nur eine Hierarchie, vom niedrigsten Physischen bis zum höchsten Geistigen. Alle Gestalten zwischen dem Arzt und dem Fürsten sind Reproduktionen verschiedenen Grades und in verschiedenen Konstellationen ein und derselben Situation, ein und desselben Ereignisses.

Erscheinungsform der Zerstörung ist nicht mehr, wie noch bei Sade, das Böse (moralisch metaphysisch), sondern Krankheit (physisch metaphysisch): das Ineinander von Leben und Tod. Krankheit ist das aus dem Geist in die Natur (als Ursprung) verlegte Böse unserer Zeit. Die grosse Angst unserer Zeit, die sie sich verdeckt, indem sie Krankheit als heilbar erklärt. (Nachträglich ist es leicht, festzustellen, dass Sie mit diesem Thema am neuralgischen Punkt unserer Zeit sind. Sie mussten es finden.)

Es gibt in Ihren Büchern keine Figur, die nicht quasi a priori in dieser Welt der Zerstörung untergegangen wäre. Der Arzt scheint zunächst aus einer anderen Welt zu kommen. Er taucht am Rand der kranken Welt auf wie am Rand eines Trichters: vernünftiger Zeuge des Wahnsinns (erkennend), Widersacher der Krankheit (Arzt), Vater-, d. h. Herrscherfigur seiner Welt. Aber im Grund repräsentiert er nur die Ohnmacht seiner Welt: als Arzt (er kann nicht heilen), als Zeuge (er erkennt nicht), als Vater (er herrscht nicht). Er ist der einzige in „Verstörung“, der völlig vernichtet wird. Er verschwindet, löst sich auf, am Ende des Buches ist er kaum noch gewesen.

Alle Figuren in Ihren Büchern sind von der gleichen Substanz, gehören in die gleiche Familie. Der Arzt ist der entfernteste Verwandte, der gewalt- und machtlose nur Zerstörte (von Krankheit ausser ihm), der entthronte Vater. Seine Kinder, die die Macht der Zerstörung schon in sich tragen, sind schon die Geschöpfe des Fürsten.

Am andern Ende der Hierarchie der Fürst. Der Fürst ist der Geist der Zerstörung, die in ihm, an ihm, durch ihn wirkt, die sich in ihm im Gleichgewicht hält. Er ist Krankheit geistig: Vernunft des Wahns, Wahn der Vernunft.

Er ist der Pantekrator. Ich. Gott. Vater.

Alle anderen Figuren sind nur niedrigere Anschauungen seiner selbst. Er ist der Kopf jener Hochwasserwelt, in der die andere, die Theaterwelt, schon immer untergegangen ist, ewig untergeht, und nur als untergehende, untergegangene besteht.

Aber ebenso geht in den Fürsten ein das, woraus er Geist geworden ist: das mütterliche Chaos, die Natur, eine Natur ohne allen Grund, über allem Grund, uranfänglicher Wahn, Nacht der Zerstörung, anwesend (von ferne) im bröckelnden Verfall, anwesend im Hochwasser, anwesend in den Naturwissenschaften des Fürsten, vernehmbar als initative Geräusche (als Urgesang der Zerstörung).

Der Sohn des Fürsten ist auch der Sohn dieser Natur. Der Fürst als Geist der Zerstörung kann die Zerstörung selbst nicht vollenden, so wenig wie die Natur als reine Gewalt sie vollbringen kann. Er kann sie nur denken. Im Traum von der endgültigen Auflösung von Hochgobernitz durch den Sohn träumt der Fürst das Ende seiner Herrschaft und seinen eigenen Tod. Er träumt das Ende.

Die Zerstörung vollenden wird der Sohn, der Künftige, dessen Geschichte nicht mehr geschrieben werden kann (es sei denn in dem Buch mit den leeren Seiten), die nur als das Vorweggenommene erinnert werden kann.

So sehe ich (jetzt) (freilich grob, verkürzt, ungenau) den Grundriss von „Verstörung“ (die eine Theologie ist), sehe von diesem Grundriss aus eine tatsächlich schwindelerregende Konsequenz bis in die geringfügisten Details dieses Buches, aller Ihrer Bücher. Wie es mir auch erst jetzt, nachträglich, schwindelerregend ist, dass dieser immense Weltentwurf Eingang gefunden hat in diese zwei engen Buchdeckel, die ihn nicht halten können. „Verstörung“ ist tief, tief, ist gegenwärtig und urzeitlich wie nur Mythen und Phantasmen. „Verstörung“ wird noch lange wachsen müssen in den Köpfen.

Die Welt Ihrer Bücher ist endgültig. Wiederholbar, aber unveränderlich. Sie ist eine geschlossene Welt und als solche auch ein Gefängnis. (Das ist der tiefere Grund, warum Sie nicht über Ihre Bücher schreiben können.) Sie können die Schrecken vermehren, die Spannung steigern, die Perspektive, die Konstellation verändern, Sie können das Gefängnis ausweiten, endlos – wie die Carceri Piranesis – zu einem immer furchtbareren, immer königlicheren Gefängnis: der Grundriss wird bleiben. Das ist keine Einschränkung, im Gegenteil.

Kafka, Beckett haben auf einer kranken Zeit solche Gefängnisse errichtet und sind gross.

Sicher ist jedenfalls, das weiss ich seit „Verstörung“, dass Ihnen nach dem Leben trachtet, wer grundsätzlich andere Bücher von Ihnen erwartet als die, die Sie geschrieben haben.

Ich wollte schon sehr lange mit Ihnen über dieses Buch sprechen. In Ohlsdorf, wo ich aber wahrscheinlich noch nicht in der Lage dazu gewesen wäre. In Regensburg, wo das Klima zu mild war. In Frankfurt, wo sprechen schwierig war, hat sich wenigstens in dieser einen Stunde, der letzten, eine Möglichkeit gezeigt.

Ihre
Anneliese Botond

Brief Nr. 125, 1968, aus: Anneliese Botond, Briefe an Thomas Bernhard, Herausgegeben von Raimund Fellinger. Mit freundlicher Genehmigung © Korrektur Verlag, Mattighofen 2018

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erstellt am 04.2.2019

Anneliese Botond, Foto aus „Siegfried Unseld. Sein Leben in Bildern und Texten“, © Suhrkamp Verlag
Anneliese Botond, Foto aus „Siegfried Unseld. Sein Leben in Bildern und Texten“, © Suhrkamp Verlag

Anneliese Botond
Briefe an Thomas Bernhard
Herausgegeben von Raimund Fellinger
212 Seiten
ISBN: 978-3-9503318-8-2
Korrektur Verlag, Mattighofen 2018

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