Vor kurzem zeigte das Kunsthistorische Museum Wien eine umfangreiche Ausstellung mit Gemälden und Graphiken von Pieter Bruegel dem Älteren. Ein Besuch der Blockbuster-Schau regte Gudrun Braunsperger zu Beobachtungen über die Wahrnehmung der Kunst und ihre Rolle in der Gegenwart an.

Kunst

Reflexionen zu Bruegel

Müde blickt der alte Meister auf sein Publikum. Müde und mild. Die Figuren aus seinen Wimmelbildern sind aus den Rahmen getreten und haben ihn aufgesucht, in Massen, ganz so wie er sie einst gemalt hat. Aus Holland und Belgien sind sie gekommen, aus Italien, aus jenen Ländern, die damals, vor einem halben Jahrhundert zu jener Welt gehörten, in der er lebte und die er bereiste, aber auch aus Russland, aus Japan, aus der ganzen Welt. Der Rummel um ihn, das muss er eingestehen, ist ihm zu viel, besonders in diesen letzten Wochen, seit man seinem Publikum erlaubt hat, ihn bis ein Uhr nachts zu besuchen. Da hätte er doch schon gern seine Ruhe, morgens ab neun geht es ja munter weiter.

Mild blickt er, denn die Menschen können ihn nicht in Erstaunen versetzen. Er hat sie verstanden, das hat er in seinen Bildern zu zeigen vermocht, die ihn so berühmt gemacht haben. Doch haben sie ihn verstanden? Verstehen sie, was er ihnen hat sagen wollen?

Pieter Bruegel der Ältere, Die Sieben Hauptlaster oder auch die Sieben Todsünden: Geiz (Avaritia), 1558, Kupferstich, 22,5 × 29,5 cm, Herausgeber: Hieronymus Cock. Bibliothèque Royale, Cabinet Estampes, Brüssel
Pieter Bruegel d. Ä., Die Sieben Hauptlaster oder auch die Sieben Todsünden: Geiz (Avaritia), 1558

„Avaritia“ heißt eine Radierung aus der Serie der sieben Todsünden, und die reine Habgier ist es auch, die die Menschen antreibt, die ihm diesen Rummel antun. Aber begreifen sie denn, worum es geht, wenn sie die prächtig gekleidete Dame vor der Marktbude betrachten, die einen Haufen Geld zählt? Sie sind begeistert von der Perfektion seiner Darstellung, sie fahnden nach den Symbole, von denen sie im Begleittext gelesen haben, manche meinen sogar, er habe schlecht von Frauen gedacht. Was für ein Missverständnis, schließlich hat das Wort „avaritia“ im Lateinischen grammatikalisch gesehen weibliches Geschlecht. Abgesehen davon bleiben die Besucher vor diesem Bild ohnehin weniger häufig stehen als etwa vor den großen Ölgemälden. Es trägt ja auch kein Symbol mit einer Nummer, die man in ein kleines flaches Kästchen eintippen kann. Die meisten der Menschen, die kommen, um seine Bilder zu betrachten, halten ein derartiges Kästchen am Ohr, aus dem eine Stimme zu ihnen spricht. Es sind sehr viele Stimmen, die in diesen Sälen durcheinander flüstern, künstliche Stimmen von Männern und Frauen, die seine Bilder in unterschiedlichen Sprachen erklären. Es gibt auch Menschen aus Fleisch und Blut hier, die an kleine Gruppen gerichtete Vorträge im Saal halten, zuhören dürfen aber nur diejenigen, die dafür bezahlt haben, sie tragen kleine Knöpfe im Ohr und sind auf unsichtbare Weise mit ihrem „Guide“ verbunden, um ihn besser verstehen zu können. Die Vorträge sind eine Art Zusammenfassung von dem, was die Gelehrten in den vergangenen Jahrhunderten über sein Leben und seine Kunst herausgefunden zu haben glauben: Kulturgeschichtliches, Theologisches, Botanisches, Topographisches, ob die Felsen in den Flusslandschaften nach der Natur gemalt oder später hineinkopiert sind, ob es italienische Berge sind, die ihn inspiriert haben, ob die Madonna erst später hinzugemalt wurde, ob er von seinem Kollegen Hieronymus abgekupfert hat, und so weiter, und so weiter. Dabei hat er ihnen bis heute Rätsel aufgegeben, die sie nicht gelöst haben. Wie er das gemeint hat mit der Horde wild gewordener Weiber und der dullen Griet etwa, apropos Frauen und sein Verhältnis zu ihnen, das ist sein Geheimnis geblieben.

Sie nennen das Fotografieren

Vor dem Turmbau zu Babel drängeln und schubsen sich Menschentrauben, richtig aggressiv ist die Stimmung im Kampf um den Platz, das kann er fühlen. Eine Dame in der zweiten Reihe will von ihrer Nachbarin unbedingt die Nummer des Gemäldes erfahren, um es in ihr Kästchen einzutippen. Ganz ungehalten wird sie, weil es die Nachbarin aus der zweiten Reihe ja auch nicht sehen kann. Die interessiert sich auch gar nicht dafür, sie selbst benutzt kein Kästchen. Das gibt es auch. Eine andere Dame weist eine Frau vor ihr zurecht, die nicht aufhören will, das Gemälde aus immer neuer Perspektiven mit einem Kästchen zu kopieren, mit einem von diesen anderen Kästchen, die hier jeder zu besitzen scheint. Manchmal klingeln diese anderen Kästchen, und dann kann man mit ihnen sprechen. Man kann aber auch auf einen Punkt drücken, und dann gibt es eine Kopie von dem, was man sehen kann. „Fotografieren“ nennen sie das.

Pieter Bruegel d. Ä.: Der Turmbau zu Babel, 1563, Kunsthistorisches Museum Wien © KHM-Museumsverband

Kopieren ist eigentlich etwas völlig anderes: Dazu muss man sich in das, was man kopieren möchte, vertiefen, man muss es aufmerksam betrachten, wie in einer Meditation. Indem man das, was ein anderer gemalt hat, selbst noch einmal im Malen nachvollzieht, bekommt man eine Ahnung von dem, was der Künstler dabei empfunden haben mag. Mit dem Betrachter geschieht etwas, er verbindet sich mit dem Künstler, den er kopiert, und vor allem mit dem Geist des Werks, das er kopiert. Denn jedes dieser Bilder ist von Geist durchdrungen, an dem man teilhaben kann, wenn man das denn möchte. Die Menschen aber hier fotografieren die Bilder, ohne sie zu betrachten, sie suchen nach dem passenden Ausschnitt, um sie für später festzuhalten, so, als ob man sie besitzen könnte wie einen Gegenstand. Sie überblicken ein Bild dafür rasch und flüchtig und übersehen es dabei.

Vor lauter Ärger über die vor ihrem Kopf Herumfuchtelnde will es der Empörten nicht so recht gelingen, sich wieder auf den riesigen Turm vor ihr auf dem Gemälde einzulassen. Es ergeht ihr dabei so wie dem jungen Mann auf einem anderen seiner Bilder: Während dieser mahnend den Zeigefinger erhebt, nachdem er einen Vogeldieb ertappt hat, stolpert er in einen Fluss, weil er nicht auf seinen Weg achtet. Die Welt hat sich nicht verändert. Und doch: Das Publikum ist müde geworden, sich selbst zu betrachten. Es gefällt ihm nicht, dass man ihm den Spiegel vorhält. Der Großteil aber scheint es nicht einmal zu bemerken.

Dabei ist die empörte Dame, die sich durch die klickende und wedelnde Fotografin gestört fühlt, mit ihrer Empörung gar nicht im Recht. Fotografieren ist nämlich gestattet, offiziell hat man nichts dagegen, nur bei einigen wenigen eigens gekennzeichneten Bildern ist es verboten. Das ist nicht immer eindeutig, deshalb muss die Aufpasserin häufig mahnend ihre Stimme erheben. Eine Stimmung wie auf einem Rummelplatz, wenn auch ein gedämpfter Rummelplatz. Eigentlich geht es in diesem Tempel der Kunst ganz ähnlich zu, wie er sich den Turmbau zu Babel vorgestellt hat: Zwar verteilen sich dort, anders als hier, die vielen Menschen, die an diesem Monumentalbau gemeinsam gewirkt haben, in unendlicher Weite. Aber das gemeinsame Wirken hat keine Beziehung zueinander geschaffen: Man schleppt Steine, weil man dem König im Wort steht, allerdings verlieren die Menschen einander dort oben, zurück bleiben verödete Baustellen.

Sie empfinden die Kunst nicht

Ist es denn der Kunst, für die er so leidenschaftlich gebrannt hat, ähnlich ergangen? Hat sie die Menschen verloren? Jahrhundertelang sind Menschen an seinen Bildern vorbeigezogen, mit Staunen und Bewunderung, mit Achtung und Respekt, mit Fachkenntnis, mit dünkelhaftem Unverständnis, auch das. Man hat sie kopiert, um daraus zu lernen, man hat seinen Stil studiert, um ihn weiterzuentwickeln, daraus ist Neues entstanden. Irgendwann hat man begonnen, die alten Meister über die Maßen zu verehren. Man hat sie zu Genies erklärt und Götter aus ihnen gemacht. Man hat über sie geforscht und geschrieben, als ob man das Geheimnis ihrer Kunst auf diese Weise enträtseln könnte. Man verehrt seine Gemälden als Kultobjekte in Musentempeln. Und verhökert sie in Auktionshäusern um horrende Summen, Versicherungsgesellschaften verdienen sich goldene Nasen. Die Menschen aber haben den Kontakt zu seiner Kunst verloren. Sie empfinden sie nicht, sie betreten nicht den inneren Raum, den sie schafft.

Heute verleimt man kein Holz mehr zu einer Leinwand, rührt kein Pigment mehr an. Die wenigsten der Besucher, die in diesen Sälen sein Publikum sind, haben jemals probiert, Bildkompositionen zu entwerfen, Bauwerke, Menschen und Tiere in Landschaften zu verteilen, oder Farbmischungen herzustellen. Die Menschen betrachten seine Bilder, weil er einer der bedeutendsten Namen der Kunstgeschichte ist. Die Sammlung, die seinen Namen trägt, ist die Zierde des Museums, das ihm die Jubiläumsausstellung geschenkt hat, ein bedeutender Posten im Kulturbudget. Die Touristen „absolvieren“ ihn, weil es dazu gehört, die Agenturen verkaufen gut. Für die Bürger dieser Stadt ist es gar nicht einfach, ihn zu besuchen. Der Eintritt ist sehr teuer, und selbst für die Besitzer einer Jahreskarte ist es nötig, eine Reservierung zu besorgen, man muss diesen Besuch zu ihm von langer Hand planen, schon Wochen vor Ende der Ausstellung gibt es gar keine Reservierungsnummern mehr. Die Menschen sollten seine Bilder betrachten, wenn sie zwischendurch mal ein Stündchen Zeit haben, um sich von der Welt zu erholen, dann sollten sie eintauchen in seine Bilder, Abstand gewinnen von der Welt da draußen und von sich selbst. Dafür hat er sie gemalt! Seine Kunst ist jedoch zum Fetisch geworden, den man „konsumiert“, so lautet das inzwischen übliche Wort für kaufen, man muss rechtzeitig einen Vertrag machen und Steine nach oben schleppen so wie auf seinem Bild vom Turmbau zu Babel, hier ist es der Hindernisparcour eines Ausstellungsgeländes.

Müde und mild lächelt der alte Meister. Die Welt ist so, wie er es auf seinem Gemälde über den Kampf zwischen Karneval und Fasten gezeigt hat: Alles hat dort Platz, alles kommt vor und ist aufgehoben im großen Ganzen der Zeitläufte, natürlich auch das, was er hier in diesem Museum vorgeführt bekommt. Und deshalb lächelt er über den jungen Mann, der ein kleines Skizzenbuch ausgepackt hat und sich nun Notizen macht, gefährlich nahe an der Absperrung, die immer gleich tutet, wenn man seinen Bildern zu nahe kommt. Unbeirrbar durch den Lärm und den misstrauischen Kontrollblick des Aufsehers geht er nun daran, eine Zeichnung anzufertigen. Der Meister blickt ihm neugierig über die Schulter. Das Leben geht weiter. Kunst wird es immer geben. Und wenn der Turm einstürzt, dann werden sie einen neuen bauen. Vielleicht ja einen kleineren.

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erstellt am 28.1.2019

 Kunsthistorisches Museum Wien, Foto: Manfred Werner - Tsui [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], von Wikimedia Commons
Kunsthistorisches Museum Wien, Foto: Manfred Werner - Tsui