Im vierten Brief, den Yassin Al Haj Saleh an seine entführte Frau Samira Khalil, geschrieben hat, gibt er einen Überblick über die am Syrien-Krieg beteiligten Interessengruppen. Statt eines mit friedlichen Mitteln angestrebten, politischen Pluralismus hat sich ein pluraler Krieg entwickelt. Die inzwischen entstandene Lage ist in seinen Augen zutiefst trostlos. Verluste werden durch Nichts mehr kompensiert werden können. Elf Briefe hat Yassin an seine verschwundene Frau geschrieben und werden in der Übersetzung von Larissa Bender in den nächsten Wochen auf Faust-Kultur dokumentiert.

06. August 2017

Ohne Trost

Yassin Al Haj Salehs vierter Brief an Samira

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

Sammour,

kein Tag ist seit deinem Verschwinden vor fast drei Jahren und acht Monaten vergangen, an dem kein Blut geflossen ist. Zersplitterung bestimmt heute den Konflikt, das Land zerfällt in verschiedene Einflusszonen und es werden gleichzeitig mehrere Kriege geführt. Wir forderten politischen Pluralismus, Sammour, und bekamen einen pluralen Krieg. Statt Pluralismus in unserem vereinten Land haben wir heute einen Pluralismus der Länder innerhalb Syriens.

Russland ist an der Küste präsent, es hat Militärbasen in verschiedenen Regionen des Landes und führt einen Krieg gegen die Kräfte der Opposition. Iran ist, vertreten durch die Hisbollah, in Damaskus und direkt in Aleppo, Qalamoun, Daraa und in anderen Regionen präsent. Der Iran kämpft für die Erhaltung des Regimes und die Kontrolle des Landes, unter anderem durch den Ankauf von Immobilien und Grundstücken in Damaskus, Homs, an der Küste und in weiteren Landesteilen. Die Türkei ist in Dscharabulus und in al-Bab und führt einen Krieg gegen die Kurdische Arbeiterpartei (PKK). Amerika ist in Rakka und in der Dschasira, es bekriegt den Islamischen Staat und belagert mithilfe kurdischer Truppen die Stadt Rakka.

Vor Beginn der Belagerung änderten die Amerikaner die Regeln ihrer Kriegsführung, Kollateralschäden unter den Zivilisten wurden nun eher akzeptiert. Von den in Rakka verbliebenen etwa vierzigtausend Menschen wurden im Juni und Juli schätzungsweise zwischen 1300 und 1500 getötet. Angesichts dieses hohen Anteils an »legitimen« zivilen Opfern handelt es sich um einen Terrorkrieg im wahrsten Sinne des Wortes. Laut Definition bedeutet Terrorismus unter anderem das Zielen auf Zivilisten. Terrorismus ist, wenn zur Verwirklichung politischer Ziele das Leben von Menschen keine Bedeutung hat. Hassake und Kamischli befinden sich unter Kontrolle der Truppen des syrischen Ablegers der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK). Auch das Regime ist in beiden Städten präsent. Deir al-Zor ist aufgeteilt zwischen dem Regime und dem Islamischen Staat, und es hat den Anschein, dass die Russen jetzt darauf aus sind, es zu kontrollieren.

Wo ist das Regime? Baschar al-Assad ist immer noch da, aber sein Regime wird durch kriminelle Banden und widerstreitende Interessen von innen zerfressen, durch Milizen gieriger Plünderer, die es losgelassen hat und offenbar nicht mehr kontrollieren kann.

In der Ost-Ghouta ist es nicht auszuschließen, dass die Armee des Islam eine Wende vollzieht und einen Kompromiss mit dem Regime eingeht: Um Teil des Netzwerks von Interessen und Einfluss in der Region zu werden, könnte sie die von ihr angesammelten Waffen abgeben, mit denen sie viele Menschen in Douma und in der Ost-Ghouta tötete. Die Provinz Idlib, in die Bewohner aus vielen Ortschafen des Landes wie Daraya, Qabun, Barzeh, Zabadani oder Waar deportiert wurden (genau wie in andere Regionen nördlich von Aleppo), befindet sich mehr und mehr unter der Herrschaft von Al-Qaida. Vor wenigen Wochen besiegte die Nusra-Front, die nun Hay'at Tahrir asch-Scham (Komitee für die Befreiung der Levante) heißt, die Harakat Ahrar asch-Scham (Bewegung der freien Männer der Levante), und ist jetzt nahezu die einzige Autorität dort. Die Region ist ein Brennpunkt für einen Krieg, der bald ausbrechen, lange dauern und Opfer und Zerstörung mit sich bringen wird.

Der Krieg ist nicht vorbei, stattdessen werden heute mehrere Kriege gleichzeitig geführt. Und in vielen Regionen des Landes könnten aufgrund der Situation weitere Kriege ausbrechen.

Wo ist die Revolution? Wo sind die Menschen? Sammour, schätzungsweise eine halbe Million Menschen wurde getötet. Möglicherweise ist diese Zahl, die vor einem Jahr von einer britischen Zeitung veröffentlicht wurde, mittlerweile sogar um einige Zehntausend höher. Ungefähr sechs Millionen wurden außer Landes getrieben, davon 5.052 Millionen in die Türkei, den Libanon, nach Jordanien, Ägypten und in den Irak.

937.000 Syrer leben in Europa, die Hälfte von ihnen in Deutschland. Mehr als sieben Millionen Menschen sind im Inland vertrieben, sie leben in der Nähe oder weit entfernt von ihren ursprünglichen Wohnorten. Meist fliehen die Menschen aus den Regionen, die nicht unter der Kontrolle des Regimes stehen, denn das Regime zielt durch Bombardierung und Belagerung darauf ab, das Leben dort unmöglich zu machen.

Aber auch in den vom Regime kontrollierten Regionen ist das Leben wegen der Stromausfälle und der Wasserknappheit äußerst schwierig. Heute fühlen sich die Menschen noch mehr als vor der Revolution fremd in ihrem eigenen Land. Das Gefühl der Fremdheit ist nicht nur das Los der auf der ganzen Welt verteilten Flüchtlinge, (vor zwei Jahren gab es einen syrischen Flüchtling in Hong Kong! Sind es jetzt vielleicht zwei geworden?), es ist auch das Los vieler Menschen im Land selbst.

Syrien, in dem es früher kein wirkliches Leben auf dem Land gab, hat durch die Demonstrationen und die Revolutionäre in den ersten zwei Jahren der Revolution ein lebendiges Inland entwickelt. Heute ist Syrien ein Land mit mehr als einem Inland und einem Ausland. Viele Menschen aus dem syrischen Inland leben im Ausland, und im Inland gibt es viel Ausland. Es gibt ein Syrien in der Türkei (mehr als zwölf Prozent der Syrer leben dort), im Libanon und in Jordanien (in diesen beiden brüderlichen Nachbarländern, in denen die Syrer die schlimmste Behandlung überhaupt erfahren), in Deutschland und einfach überall. Und es gibt ein Russland in Syrien, einen Iran in Syrien, die dschihadistische Internationale in Syrien, die Türkei und die PKK und sogar Baschar al-Assad.

Heute leben etwa achtzig Prozent der Syrer unter der Armutsgrenze, Sammour. Mindestens 160.000 Syrer aus Damaskus und Homs und aus dem Umland der beiden Städte hausen in Zelten im Norden Syriens und eine Viertelmillion in Flüchtlingslagern in der Türkei (die Gesamtzahl der syrischen Flüchtlinge in der Türkei beträgt drei Millionen). Die Anzahl der Verhafteten und Entführten ist nicht bekannt, aber es sind sicher Zehntausende, vielleicht sogar mehr als Hunderttausend. Vor ein paar Monaten veröffentlichte Amnesty International einen Bericht über das Gefängnis von Saydnaya. Darin heißt es, zwischen September 2011 und Ende 2015 seien dort möglicherweise 13.000 Häftlinge gehängt worden. Andere verhungerten oder starben an Krankheiten, entweder in diesem »Schlachthaus für Menschen«, wie das Gefängnis in dem Bericht bezeichnet wird, oder in den Geheimdienstabteilungen.

Sammour, das Schicksal der Revolution ist das Schicksal der Menschen, die getötet wurden, deren Häuser zerstört wurden, die verhaftet und gefoltert wurden, die im Inland vertrieben wurden oder ins Ausland flohen, die verarmten, die in Zelten und Slums leben. Die syrische Arbeiterklasse, die die Revolution gemacht hatte, wurde zerstört, um die Revolution zu zerstören, ihre Überbleibsel sind in alle Winde zerstreut.

In der syrischen Diaspora, in diesen nah und fern verstreuten syrischen Gemeinschaften, versuchen viele, deren Lage weniger schlecht ist, etwas zu tun. Andere, und besonders Teile der jungen Generation, leiden unter den Krisen einer entwurzelten Gesellschaft, und häufig scheitern sie selbst an der Lösung der Probleme. Die Entfernung zur Heimat, die Zersplitterung der Familien, das Auseinanderbrechen eines vertrauten Systems, Perspektivlosigkeit, die Zerstörung gesellschaftlicher Milieus im Land haben die jungen Leute in beängstigende und unsichere Situationen katapultiert, wo sie meist keine Hilfe erhalten.

Aber da sind auch jene, die an den Universitäten studieren, die ihre beruflichen und kulturellen Kompetenzen weiterentwickeln, die Fremdsprachen beherrschen. Vielleicht werden wir in ein paar Jahren die positiven Effekte sehen, die uns zum Teil für die Tragödie unseres Landes entschädigen. Das erinnert mich an unsere Zeit im Gefängnis, als wir im Gegenzug für das, was wir in unserem Leben verloren hatten, Neues lernten und uns veränderten.

Aber seit den Gefängnistagen weiß ich auch, Sammour, dass nichts kompensiert werden und nichts ersetzt werden kann. Und was für das Gefängnis gilt, gilt noch mehr in Bezug auf diese vollständige Belagerung der Revolution und die vollkommene Zerstörung des Landes. Du weißt das sehr gut, denn in deinen Aufzeichnungen schriebst du, dass das Gefängnis, wie du es mit deinen Genossinnen kennengelernt hast, ein Witz war im Vergleich zu der Belagerung. Und heute weißt du am besten, dass die Belagerung ein Witz ist im Vergleich zur Belagerung der Belagerung, der doppelten Belagerung, deren Geisel du bist. Deine Abwesenheit kann nicht kompensiert werden, Sammour, absolut nicht.

Ich habe nicht das Herz, jenen, die dich belagern, zu sagen: »Belagert eure Belagerung, daran führt kein Weg vorbei!« Und ich glaube nicht, dass Mahmoud Darwisch es gesagt hätte, hätte er eine Geliebte in deiner Lage gehabt und wäre er an meiner Stelle gewesen wäre und hätte seine Situation der unsrigen geglichen.

Aber genau wie er, versuchen auch wir, die Hoffnung zu nähren oder sie zu erfinden. Und meine einzige Hoffnung, Sammour, ist, dass du gesund bist und dass du dir deine Ironie bewahrst. Das wäre meine einzige Kompensation.

Ich küsse dich von Herzen

Yassin

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

Die Übersetzung der Briefe wurde durch das Beiruter Büro der Heinrich-Böll-Stiftung gefördert.

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erstellt am 25.1.2019

Dies ist der vierte von elf Briefen, die Yassin Al Haj Saleh an seine verschwundene Frau Samira Khalil geschrieben hat. Samira wurde am Abend des 9. Dezember 2013 aus Douma entführt. Yassin erklärt in diesen Briefen seiner Frau, was sich seit ihrem Verschwinden in Syrien ereignet hat. Die Briefe haben weltweit Aufmerksamkeit gefunden und wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Larissa Bender hat sie aus dem Arabischen ins Deutsche übertragen.

Samira Khalil
Samira Khalil