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In Christina Hesselholdts aus dem Dänischen übersetzten Roman „Gefährten“ berichten Frauen und Männer aus wechselnden Perspektiven von dem, was gewesen ist, weniger davon, was noch kommen könnte. „Gefährten“ ist ein Meisterstück spielerisch vereinnahmter Erinnerungskultur, findet Otto A. Böhmer.

Buchkritik

Frauen sind stärker

Das Nachdenken über unser Leben findet, erfreulicherweise, nicht in einer Endlosschleife statt; Pausen sind uns vergönnt, die wir, im eigenen Interesse, nutzen sollten, wofür sich Besinnungsschläfchen anbieten oder auch die wiederkehrenden Tagträume, in denen man sich so schön verfangen kann. Trotzdem: Ums Nachdenken kommen wir nicht herum; es wird nicht eingeladen, sondern drängt sich auf, was bevorzugt in den mittleren Jahren geschieht; da meint man, schon mal Bilanz ziehen zu müssen, obwohl noch gar nichts vorbei ist. Neue Bewertungen sind erwünscht, die erst einleuchtend sein mögen, im Anschluss jedoch gern wieder verworfen werden, wobei man bei all dem, wir wissen es längst, auf den Zulieferservice der Erinnerung angewiesen ist, der Beträchtliches zu leisten vermag, aber nicht wirklich zuverlässig ist.

Die dänische Autorin Christina Hesselholdt (Jg. 1962) hält sich mit solchen Überlegungen nicht unnötig auf: Ihr Roman „Gefährten“ präsentiert ein Meisterstück spielerisch vereinnahmter Erinnerungskultur, das den Leser erfreut, ohne ihn aus der Wehmut zu entlassen, mit der wir, vergänglichkeitsanfällig, wie wir sind, immer wieder zu tun haben. Erzählt wird von Alma, Kristian, Camilla, Charles, Edward und Alwilda; sie sind die Gefährten, von denen jeder zu Wort kommt. Aus wechselnden Perspektiven berichten sie von dem, was gewesen ist, weniger davon, was denn noch kommen könnte. Einiges an Hoffnungen ist nämlich auf der Strecke geblieben; zudem gab es Verluste: Nachdem seine Eltern gestorben sind, die im Leben nie so recht wahrgenommen wurden, macht Edward eine nachgereichte Leidenszeit zu schaffen, die ihn dauerhaft ausbremst: „Wenn ich aufstehe, um etwas … zu unternehmen, fühle ich mich schnell schlapp und aller Energie beraubt. Dann setze ich mich in einen Sessel und schwinge meine Beine über die Armlehne. Der Staubsauger ist nie weit entfernt. Mein Hintern versinkt tief im Polster. So kann ich lange sitzen. Ich nenne diesen Zustand: Ich starre.“ Mag sein, dass Edwards späte Bewegungsunfreudigkeit auch erblich bedingt sein könnte, denn „jahrelang hatte mein Vater, wenn ich ihn fragte, ob ich irgendetwas für ihn tun könnte, geantwortet: 'Du kannst mich erschießen', und trotzdem hatte er jeden Tag brav seine Vitamintabletten genommen und sich gegen Grippe impfen lassen.“ Die Gefährten sind auf unterschiedliche Weise miteinander liiert gewesen; die Ehen, die dabei entstanden, waren nicht sonderlich haltbar. Alma, die mit Christian verheiratet war, weiß es noch ganz genau: „Sieben Jahre und keine Sekunde länger. Mein Kindmann, Kind, weil er sich an mich klammerte. (…) Gut, dass wir es nicht mehr geschafft haben, ein Kind zu bekommen und eine dieser Familien hinter einer drückenden roten Mauer zu werden.“ Immerhin sind Freundschaften geblieben, auch wenn die inzwischen ihre Risse bekommen haben; kleinere Bosheiten werden ausgetauscht, speziell zwischen den Ex-Eheleuten.

In Hesselholdts Buch wird schnell klar, dass die Frauen die Stärkeren sind; das kommt vor, nicht nur in der Literatur. Die Männer widmen sich ihren Krankheiten oder pflegen private Nostalgien, aus denen sich lustvoll grundierte Lähmungszustände beziehen lassen: „Mein Dasein ist ziemlich traurig gewesen, seit Alwilda mich verlassen hat“, stellt Edward fest und fügt hinzu: „Es gibt nur eine Sorte Männer, die schlimmer ist als ich. Das sind die Männer, die nie von zu Hause ausziehen, sondern ihr ganzes Leben lang auf einem Sofa im Wohnzimmer schlafen oder in ihrem alten Kinderzimmer mit Starschnitten an den Wänden …“ Im Verlauf der Geschichte sieht sich die Autorin daher zu einer behutsamen Notwehrmaßnahme veranlasst; den Männern wird, ohne dass sie es merken, nach und nach das Wort entzogen. Es geht dabei auch, wenn man so will, um späte Emanzipation: Alma und Camilla, die beiden eigentlichen Hauptfiguren des Romans, werden selbst literarisch tätig, – mit Erfolg, wie sich zeigt. Erfreulich, dass sie sich in Selbstironie üben, was dazu beiträgt macht, den normalen Daseinsbetrieb nicht bedeutungsschwerer erscheinen zu lassen, als er ist. Als Camilla endlich von Charles frei gekommen ist, geht es ihr zunächst nicht besser: An „die mächtige Kraft seiner Depression“, erinnert sie sich. „Eine schwarze Wolke schwebte über dem Bett, wo er lag. Gegen Abend wurde es unerträglich. Es war ein Gefängnis. Jetzt bin ich entlassen.“ Der Freigang, den sie sich zugesteht, verläuft erst mal holprig; ein Ratgeber, den man ihr schenkt, soll helfen: „Offenbar hatten sämtliche Frauen in meinem Buch ihr neues Leben auf ein und dieselbe Weise in Angriff genommen – sie hatten sich dem Wassersport zugewandt. Weil sie alle nördlich von Kopenhagen wohnten, fuhren sie, wenig überraschend, auf dem Öresund, wenngleich in unterschiedlichen Bootstypen, Jollen, Kajaks und Kanus. Viele von ihnen haben auf dem Meer einen neuen Mann gefunden. Vielleicht gab es auch einen entsprechenden Ratgeber für Männer, sodass beide Geschlechter aufs Meer entsandt wurden und in die offenen Herzen der anderen ruderten oder paddelten und jeder Topf seinen Deckel fand.“

„Gefährten“, von Ursel Allenstein aufs vorzüglichste übersetzt, ist ein sehr lesenswertes, ebenso kluges wie witziges Buch, aus dem zu erfahren ist, dass man manches, vor allem das eigene Ich, nicht so ganz ernst nehmen muss, um sich in einem Zustand vorzeigbarer Würde zu halten; im Zweifelsfall helfen dabei auch Gefährten, die man zuvor allerdings lieber nicht vergrault haben sollte. Zu guter Letzt darf man sich, wenn denn alle sonstigen Bedenken ausgeräumt sind, nur noch um die Literatur Sorgen machen, nicht aber um die Autoren. Als Camilla, die mal wieder eine neue Wohnung sucht, in der auch ihre vielen Bücher untergebracht werden können, auf einen Makler trifft, kommt es, wie es kommen muss: „Der Anblick meiner sich biegenden Regalbretter regte ihn, keineswegs unerwartet, dazu an, mir zu berichten, er schreibe an einem Buch. 'Sie auch!', erwiderte ich, weil es auf dieser Welt“ ja „bald mehr Schriftsteller gibt als Leser.“

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erstellt am 25.1.2019

Christina Hesselholdt
Gefährten
Roman
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Fester Einband, 446 Seiten
ISBN 978-3-446-26042-9
Hanser Berlin, 2018

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