Vor einiger Zeit führten Vincent Sauer und Matthias Ubl ein Interview mit der Autorin Maren Kames. Sie sprachen über ihren preisgekrönten Band „halb taube, halb pfau“, aber auch (ihre) Poetik und das Schreiben im Allgemeinen. Faust-Kultur dokumentiert das bisher unveröffentlichte Gespräch.

Gespräch mit Maren Kames

»Es gibt mir nichts, über Gattungen zu sprechen«

Sauer/Ubl: Als erstes interessiert uns, wie man dein Buch lesen sollte. Einerseits wird eine gewisse Einkehr vorausgesetzt. „halb taube halb pfau“ ist ein Kunstbuch, wegen seines Formats passt es vermutlich in keine Jackentasche. Man liest das nicht nebenher in der U-Bahn, sondern wahrscheinlich zuhause am Schreibtisch. Aber es wird auch vorausgesetzt, vernetzt zu sein. Ohne funktionierendes Internet und Smartphone kann man den Text nicht vollständig erfahren: Der Leser muss online gehen, auf Soundcloud und YouTube, wie immer im „21st century“. Ist hier ein Widerspruch angelegt?

Maren Kames: Als erstes würde ich sagen, in puncto Lesart sollte es kein „Sollte“ geben, niemals. Erst recht nicht von demjenigen oder derjenigen, der’s erfunden hat. Das gehört für mich eher ins „19th century.“ Eigentlich versucht der Text, hab ich mit dem Text versucht, genau das auszuhebeln, eindeutige Lesarten. Das Ergebnis mag irritierend sein für manche, im besseren Fall wird das Lesen zum performativen Spiel. – Und klar sind da vordergründig schräg zueinanderstehende Ebenen, das „Outfit“ des Buches und die Codes zum Beispiel. Von Widersprüchen würde ich aber nicht sprechen. Ich finde zum Beispiel, man kann mit so einem High-Fashion-Teil gut auch in der U-Bahn sitzen. (Als ich das Buch aus dem Verlag abgeholt hab, hatte ich den größten Spaß dabei, diesen silbern schimmernden Moiré-Einband in die verschiedenen Lichtverhältnisse auf der U8-Strecke zu halten.) Und die Codes rufen schon „21st century“ und verlangen nach Netzzugang. Aber eigentlich: wo ist der nicht, der Netzzugang? Ich sehe die Codes mehr als verrätselte Partikel, zu denen sich auch Leute, die noch analog oder mit Klapphandy unterwegs sind, Zugang verschaffen können, wenn die Neugier zu groß wird. Es geht mir dabei gar nicht um den zugegeben mit rumschwirrenden New-Media-Touch. Die Internetverbindung war mehr das notwendige Übel, um genau das umzusetzen, was ich wollte: dass der Sound und die Stimmen im Text stattfinden, dass sie mit dem interagieren, sich mit dem vernetzen, nicht als Add-On hinten in der Klappe auf CD liegen. – Abgesehen davon steht da ja in erster Linie der Text selbst, der bewusst so gebaut ist, dass er auch ganz ohne diese Ebene funktioniert. Und der macht mit dem vielen Weiß, den Leerstellen, dem Wechsel zwischen Einzeilern und Flächen, abgesehen von Rhythmus und Tempo, ja eigentlich die Ansage: steig ein und steig aus, wann und wie du willst. Pick dir was raus, stell es zusammen, lies quer oder gerade, am Stück oder in Fetzen, in Ruhe oder in der Rushhour. Wo die Textconnection, die ja bei jedem Text das Eigentliche ist, sich herstellt, kann ich nicht kalkulieren, insofern hab ich wirklich nicht an spezifische Settings und Bedingungen fürs Lesen gedacht.

Das Ineinander von auditivem und schriftlichen Text erzeugt beim Sehen, Lesen und Hören einen intermedialen poetischen Raum, der den Leser umgreift. Wie ist dieser Raum für dich strukturiert? Was waren deine Intentionen, als du ihn „angelegt“ hast?

Die Grundintention ist wohl die, die vermutlich jede Schreibende hat, wenn sie sich an einen Text setzt. Es geht darum, über Sprach- und Vernetzungstechniken, Motiventwicklung und -variation einen Sinnzusammenhang herzustellen. Das ist für mich eigentlich der Inbegriff von Text selbst. Es geht darum, sich in ihm zu bewegen, eine eigene Logik zu etablieren: eine Wahrnehmungslogik, eine Bildlogik, eine Sprachlogik – oder auch eine Stimmung, atmosphärisch, aber auch im Sinne von Stimmlage und Tonfall. Ich wollte einen poetischen Raum öffnen, in den man eintreten kann, der seine eigene Grenztypik hat, der unbekanntes Terrain ist, in dem man sich aber irgendwann zurechtfindet. Darüber spricht der Text ja auch inhaltlich sehr stark. Als ich dann „die Landschaft“ als poetologisches Grundmotiv hatte, war es das Anliegen, einen Raum zu etablieren, der nicht nur „verstanden“ werden muss im eigentlichen Sinn. Zu einem Text und zum Lesen gehört mehr als das rationale, hermeneutische Moment. Ein Text ist immer auch etwas extrem Sinnliches. Daraus hat sich auch die Idee des Layouts entwickelt, das die Semantik dieser Landschaft ins Satzbild überträgt.

Diese Sinnlichkeit spiegelt sich auch in den verschiedenen Stimmen. In den Audiodateien sind es drei, deine, eine männliche und eine zweite weibliche. Diese vermischten sich beim Lesen – zumindest bei mir – dann immer noch mit meiner eigenen „inneren Stimme“. Diese formale Vielstimmigkeit wird ja auch wieder inhaltlich gespiegelt, oder?

Ja, das steckt ganz tief in diesem Text. Es geht ja um ein sprechendes Ich, das Aussagen über sein „In-der-Welt-sein“ macht und dann auf Stimmen, Gegenstimmen trifft. Mit diesen arrangiert es sich „Ich“ , reagiert auch teilweise autistisch, wenn es sich wieder zurückzieht, dann geht es wieder nach außen und es springt die ganze Zeit hin und her zwischen subjektiv-autistischer Selbstwahrnehmung, Außenwahrnehmung und Fremdstimmen.

Das Vielstimmige, das Plurale lässt sich in deinem Text auch mit Blick auf die Gattungszuordnung thematisieren. Dein Text ist stellenweise erzählerische Prosa, stellenweise dramatische Szene und natürlich haben wir es auch mit Lyrik zu tun. Letztlich wird sogar noch das „Hörspiel“ in deinem Text aufgehoben. War das eine bewusste Überschreitung von Grenzen? Oder ist der Text für dich einfach Lyrik?

Nein. Ich bin sehr froh, dass der Verlag, ohne dass wir das debattieren mussten, auf meinen Wunsch eingegangen ist, jede Genre- oder Gattungsbezeichnung auf dem Buch wegzulassen. Persönlich finde ich solche Zuordnungen wirklich krass uninteressant. Es gibt mir nichts, über Gattungen zu sprechen. Es war bei mir schon immer so, dass ich an einer Litfaßsäule etwas lesen konnte, das mir genauso viel geben konnte wie die Lektüre eines dicken Romans. Bei mir hat sich dieses „Einteilen-Wollen“ in meiner ganz subjektiven Wahrnehmung, glaube ich, über die Jahre unbewusst auch aufgelöst. Es war aber eben auch nie so, dass ich mich hingesetzt habe und gesagt habe: „Jetzt schreibe ich ein Buch, das alle irritiert.“ Ein großer Teil der Idee für das Buch ist in Hildesheim in der Schreibschule entstanden. Da wurde ich dann oft gefragt, was die einzelnen Teile miteinander zu tun haben. Da wurde mir gesagt: Nimm doch den Teil und mach einen Miniaturenzyklus. Oder nimm den prosaischen Teil, schreib den aus, dann hast du einen Familienroman. Das hat sich dann wiederholt, als das Manuskript fertig war und es an die Verlage ging. Ich hatte aber irgendwann so einen starken inneren Kompass, was den Text anging, dass ich zum Glück stur genug war zu sagen: Nein, es soll genau so sein, wie ich es da aufgeschrieben habe. Sonst hätte ich’s ja anders aufgeschrieben.

Vor einigen Monaten erschien ein Text von dir auf dem Blog The Daily Frown, der eigentlich als Vorwort für die Jahresanthologie des Hildesheimer Studiengangs für Kreatives Schreiben gedacht war, dann aber dort nicht gedruckt wurde. In dem Text formulierst du relativ scharf den Imperativ an die Schüler, sie sollten dort vor allem lernen, „nicht scheiße zu werden“. Worin besteht diese Gefahr?

Ich möchte nicht sagen, dass ich Imperative formuliert habe. Ich wollte sagen: „Lasst halt die affigen Attitüden weg, die braucht es nicht und die verstellen eher die Sicht auf das, worum’s eigentlich geht.“ Einer der letzten Sätze ist eben, dass Hildesheim im besten Fall schon das in diesem Text geforderte „Antisouveräntitätsbootcamp“ ist, weil du da über mehrere Jahre mit Leuten zu tun hast, die genau das gleiche wollen wie du, aber komplett andere Sachen machen. Und das ist eine Konfrontation mit Außenwahrnehmung und Selbstwahrnehmung und Idealismus und Desillusionierung und der permanenten Frage danach, inwiefern sich das aufs Schreiben auswirkt, wie man sich damit entwickelt, was man zulässt, wogegen man sich abschottet. Du lernst den Betrieb kennen, und darfst dann nochmal überlegen, will ich da überhaupt rein? Im besten Fall ist eine Schreibschule darauf angelegt, dich mit diesen Realitäten zu konfrontieren. Deswegen sind mir in Hildesheim selbst auch wenig Leute begegnet, die Superman-mäßig oder wie ein Rammbock da durchgegangen sind und vor sich hergetragen haben, dass ihnen eh keiner was kann. Diese Art von Abschottung durch Arroganz geht mir einfach krass auf den Keks. Um viel mehr ging es nicht. Ich glaube, so jemand hält es auch nicht lange in so einem Kontext aus, wo du immer dazu angehalten bist, dich mit anderen Positionen, anderen Sorten von Texten, anderen Menschen auseinanderzusetzen.

Im Frühsommer 2017 gab es eine große Debatte über Sexismus in Schreibschulen, vor allem auf dem Blog der Zeitschrift Merkur. Du bist selbst Absolventin. Wie gehst du mit diesem Thema um?

Es gibt einen Unterschied in meinem eigenen Umgang mit Sexismus und der Anerkennung der Debatte. Ich war immer schon oder oft zumindest trotzig genug, laut anzumelden, wenn (selbsternannte) männliche Autoritäten mir blöd kamen. Andersrum hab ich mich aber immer auch dagegen gewehrt, mich als Feministin zu bezeichnen. Also das als festes Programm nach außen zu vertreten. Ich glaube, ich hab immer versucht zu vermeiden, mit dem Bewusstsein in Situationen reinzugehen, dass ich jetzt hier als Frau bin. Sondern einfach als Person, die reagiert, wenn es unfair oder abkanzelnd oder belächelnd wird. Oder mich ferngehalten von Kandidaten, die notorisch so eine Schiene fahren. Was die schlechtere Variante ist. – Das heißt aber überhaupt nicht, dass ich es nicht krass wichtig finde, dass über Sexismus gesprochen wird, weil es wirklich strukturell bedingt Situationen gibt, in denen Personen systematisch benachteiligt und weggedrängt werden. Ich hab das auch in Hildesheim mitbekommen und in anderen Unis, im Supermarkt genauso, oder wenn man in der Stadt unterwegs ist, in der Art und Weise, wie einem eine Gruppe Männer entgegen kommt, ob die dann ausweicht oder nicht. Das geht von den kleinsten Kinkerlitzchen bis ins große Strukturelle. Und trotzdem habe ich gerade ehrlich gesagt ein bisschen Schiss, dass das letztlich als Modediskurs behandelt, also dem üblichen Mediendurchlauf unterworfen wird. Wenn das einmal von dieser Maschine eingesogen wird, kannst du damit rechnen, dass es Tage später am anderen Ende wieder ausgekotzt wird und dann spricht keiner mehr drüber, oder man spricht in den vorgefertigten Förmchen darüber, die sich in diesem Mediendurchlauf als praktikabel und bequem erwiesen und verfestigt haben Bei mir haben sich durch diesen Debattenschub schon dauerhaft Synapsen neu verknüpft und andere Aufmerksamkeiten eingestellt. Ich hab das Gefühl, dass es insgesamt eine neue Basis gibt, die schon ein bisschen stabiler geworden ist, auf die sich in Zukunft zurückgreifen und auf die sich aufbauen lässt.

Du hast nicht nur in Hildesheim studiert, sondern vorher auch ein „gewöhnliches geisteswissenschaftliches Fach“ studiert und abgeschlossen. Kannst du etwas über deine Motivation sagen? Hat sich das auf dein Schreiben ausgewirkt?

Ich hab mich tatsächlich direkt nach dem Abi in Hildesheim beworben, das hat nicht funktioniert, da war es aber auch noch nicht so weit. Ich war dann 25, als ich nach Hildesheim gekommen bin, und ich bin heilfroh darüber, weil das durch die räumliche Enge und den krassen Fokus auf die Literatur und all die Leute, die Literaten werden wollen, schon auch ein derber Sozialstress ist. Ich glaube, den ersten Text, der mir so komisch vorkam, dass ich ihn als Literatur bezeichnen würde, habe ich mit 22 geschrieben, und dann hab ich noch drei Jahre lang studiert, und währenddessen lief das beides gleichzeitig. Und das hat total gut harmoniert, weil es sich gegenseitig abgestoßen hat: die strenge wissenschaftliche Textproduktion einerseits und das literarische Schreiben andererseits. Das hat sich dadurch noch eigener angefühlt, glaube ich.

Du beschreibst ein Ich in allen seinen Stimmen und allen seinen Facetten, das irgendwie autistisch wirkt, das verfolgt wird, das zersplittert. Wir leben in einer Zeit, in der Depression zu einer Volkskrankheit geworden ist. Der Soziologe Alain Ehrenberg sprach vom „erschöpften Selbst“. Die Frage ist, weil du auch in die Richtung studiert hast, ob dein Buch auf solche Themen, solche Entwicklungen eine Art Antwort ist. Oder war für dich so eine Interpretationsmöglichkeit beim Schreiben gar nicht präsent?

Also, ich glaube, der Fundus oder die Schulen, durch die ich in den Geisteswissenschaften durch bin, stecken bis heute in einer Art Bodensatz für mein Schreiben. Aber mehr als Geister, denn als explizite Denkfiguren. Weil, im Schreiben ist es eigentlich zumindest eine lange Strecke über, und wenn ich Zeit habe, so, dass ich es wuchern lasse und mir selbst erst nach und nach deutlicher wird, was sich da als Linie durchzieht. Bei ‚Halb Taube Halb Pfau‘ stand mir dann schon irgendwann vor Augen: Aha, da fällt ständig etwas auseinander, löst sich auf, bricht auseinander, taucht weg, das vorher behauptet oder gewünscht oder geträumt wurde. Und in der Art von Leere, um die es da geht, der Auseinandersetzung mit Orientierung und Desorientierung steckt bei aller Freiheit und allem Spieltrieb, den das zulässt, schon auch eine tiefsitzende Trauer. Die oft nah an der Isolation ist. Bei so einem Satz wie „Ich bin ein System aus Rohren, vielleicht, die aneinander beginnen und ineinander enden, durch die der Winde geht, sonst nichts“. Wenn nur noch „zerplatzte Patronen“ übrig bleiben oder einer wie „Pfandgut“ an den Gestaden liegt. Aber als Antwort hab ich das nicht geschrieben. Als Bestandsaufnahme vielleicht. Wenn sich mit der jemand verlinken kann, ist es das Schönste. Für mich. Und hat für eine°n Lesende°n im besten Fall etwas ähnlich Tröstliches wie eine Antwort. Und trotzdem wollte ich keine nur resignierte Statusmeldung absondern, das wär’s nicht gewesen. Im Text steckt ja eine krasse Launenhaftigkeit. Der springt ja permanent und schlägt Haken und lässt die Stimmung kippen, auch ins Alberne, Schnoddrige, Ironische. Ich hoffe jedenfalls, die Lachstellen und die Weinstellen halten sich die Waage, halb-halb.

Das Gespräch führten Vincent Sauer und Matthias Ubl im Sommer 2017.

Matthias Ubl ist Herausgeber der Studierendenzeitung „HUch – Humboldt Universität collected highlights“ und rezensiert für „Analyse und Kritik“.

„Halb Taube Halb Pfau“, eine Lesung mit Audioeinspielungen von Maren Kames. ZKM Karlsruhe, Februar 2018

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erstellt am 24.1.2019

Maren Kames (Screenshot)
Maren Kames (Screenshot)
Zur Person

Maren Kames

Maren Kames wurde 1984, in Überlingen am Bodensee geboren. Sie studierte Kulturwissenschaften, Philosophie und Theaterwissenschaft, danach am Institut für Literarisches Schreiben in Hildesheim. 2013 gewann sie den 21. Open Mike. 2014 war sie Stipendiatin des Gargonza Arts Awards und eingeladen zum 18. Klagenfurter Literaturkurs. 2015 erhielt sie ein Stipendium des Berliner Senats, den Winter 2016/17 wird sie als Stipendiatin des Literaturhauses Stuttgart auf Schloss Solitude verbringen. Sie lebt in Berlin. „halb taube, halb pfau“ ist ihr Debüt.

Maren Kames
HALB TAUBE HALB PFAU
Gebunden ohne Schutzumschlag, etwa 150 Seiten
ISBN 978-3-905951-93-6
Secession Verlag, Zürich 2016

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