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1974 ist Fritz Rudolf Fries' Roman „Das Luftschiff“ erschienen, 1983 drehte Rainer Simon danach einen Film. Nun ist die DEFA-Produktion zusammen mit dem 1962 entstandenen Film „Unbändiges Spanien“ auf DVD erhältlich. Thomas Rothschild empfiehlt, Vorurteile zum DDR-Kino zu überdenken.

DVD

Zwei Filmschätze aus der DDR

Nazi müsste man gewesen sein. Als der Krieg zu Ende war und die angebliche Stunde Null die Chance einer Demokratie geboten hätte, gaben im Kulturbetrieb Westdeutschlands im Wesentlichen jene den Ton an, die auch in den Jahren zuvor das Sagen hatten. Die gestern noch eifrige Mitglieder der NSDAP gewesen waren, die sich in ihren arisierten Wohnungen wohl fühlten und dabei kein schlechtes Gewissen hatten, besetzten weiterhin die Posten in den diversen Organisationen, wurden geehrt und mit Preisen ausgezeichnet.

Anders nach dem Zusammenbruch der DDR. Als 1996 bekannt wurde, dass Fritz Rudolf Fries dreizehn Jahre lang IM der Staatssicherheit gewesen war, wurde er über Nacht zur Unperson. Einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit wurde aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt. Zwar sind seine Romane, Erzählungen und Hörspiele nichts weniger als Propagandaschriften, sporadisch erschienen auch nach der Offenbarung seiner Spitzeltätigkeit Werke von Fries in meist kleineren Verlagen, aber den renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden, der ihm zugesprochen worden war, konnte er nicht mehr entgegennehmen. Fritz Rudolf Fries war zum Paria geworden. Mit der Nachsicht, die man einem Gottfried Benn oder einem Heimito von Doderer, einer Ina Seidel oder einem Karl Heinrich Waggerl gewährte, konnte er nicht rechnen.

1974 ist sein Roman „Das Luftschiff“ erschienen, 1983 machte Rainer Simon daraus einen Film, an dessen Drehbuch Fritz Rudolf Fries maßgeblich beteiligt war. Er handelt von dem fiktiven Erfinder Franz Xaver Stannebein, der in den dreißiger und vierziger Jahren an einem Luftschiff bastelt und dabei mitsamt seiner Familie und einer bunten Mischung von Nebenfiguren in die geschichtlichen Ereignisse in Deutschland und Spanien verwickelt wird.

Filmtrailer „Das Luftschiff“

Der Film ist geeignet, eine Reihe von beharrlichen Vorurteilen zu zerstören. So beweist er, dass auch in der DDR das Dogma des (Sozialistischen) Realismus keineswegs allmächtig war und durchbrochen werden konnte. Er hat starke surrealistische Züge und erinnert am ehesten an die tschechischen Filme der sechziger und siebziger Jahre, insbesondere von Jiří Menzel und Věra Chytilová. Er widerlegt das Klischee, dass die Avantgarde nur im Westen beheimatet war. So übertrifft die Musik von Friedrich Goldmann und Karl-Ernst Sasse an Modernität alles, was damals in westdeutschen Filmen üblich war. Die Kamera von Roland Dressel und die schauspielerische Arbeit bis in die Nebenrollen hinein, vor allem aber Jörg Gudzuhn in der Rolle des halb verrückten Luftschiff-Konstrukteurs, machen diesen Film zu einem Meisterwerk, der zu den Höhepunkten der deutschen Filmkunst zu rechnen ist. Und schließlich: ein Gespräch mit dem Regisseur aus dem Jahr 2017 über die Widersprüche bei der Produktion des Films offenbart, dass die Kulturpolitik der DDR nicht so eindeutig war, wie es heute gemeinhin dargestellt wird. Wohl hatten die Filmemacher mit Schwierigkeiten zu kämpfen, aber immerhin konnte dieser Film entstehen, und in einem Nebensatz sagt Rainer Simon, dass er die Filme, die er danach, bis zum Ende der DDR, gedreht hat, im Westen nicht hätte realisieren können. Zum Mogeln hat er keinen Anlass: einen DDR-Spitzel konnte es 2017 nicht mehr geben. All jenen aber, die leichtfertig von den „beiden Diktaturen auf deutschem Boden“ sprechen, sei ins Stammbuch geschrieben: Es ist ein Unterschied, ob man unbequemen Künstlern erklärt, dass ihr Vorhaben unerwünscht sei, und sie zugleich nach Spanien reisen lässt, wo sie es verwirklichen, oder ob man sie ins KZ schickt.

Der digitalisierte Spielfilm liegt nun in der Edition filmmuseum zusammen mit einem Dokumentarfilm von Jeanne und Kurt Stern über das „Unbändige Spanien“ aus dem Jahr 1962 vor. Als Sprecher wirkt darin die Creme der DDR-Schauspieler mit: Norbert Christian, Mathilde Danegger, Manfred Krug, Ekkehard Schall, Hilmar Thate, die Musik stammt von Hanns Eisler, und der Film „Die spanische Erde“ seines Freundes Joris Ivens aus dem Jahr 1937, zu dem John Dos Passos und Ernest Hemingway den zunächst von Orson Welles, dann in einer neuen Fassung von Hemingway selbst gesprochenen Kommentar geschrieben haben, ist zur Gänze in diesen am frühen sowjetischen Film geschulten Agitprop-Film integriert. Übrigens: ihnen allen wäre es ein paar Jahre später in den USA vor dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ nicht besser ergangen, wenn sie sich zur Kommunistischen Partei bekannt hätten, als ihren Kollegen in der DDR, wenn sie sich gegen diese ausgesprochen hätten. (Siehe dazu den ebenfalls in der Edition filmmuseum erschienenen Film „Der Havarist“ über Sterling Hayden von Wolf-Eckart Bühler.) Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Die Geschichte schreiben die Erben der Legion Condor. Dass die ganze Wahrheit auch bei deren Gegnern Schaden nimmt, bestätigt die Weisheit des Aischylos: „Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer.“ Von den Anarchisten, die im Spanischen Bürgerkrieg von Stalinisten erschossen wurden, ist in „Unbändiges Spanien“ nicht die Rede.

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erstellt am 24.1.2019

Das Luftschiff & Unbändiges Spanien
2 DVD
Edition filmmuseum 111

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