Die erste Premiere am großen Haus des Schauspiel Frankfurt im neuen Jahr: Becketts „Godot“ – ein Stück, das nur vom Warten handelt, den Zuschauer mit einbezieht. Und das, nach Tausenden von Inszenierungen weltweit, immer noch Erwartungen wecken – und enttäuschen – kann. Martin Lüdke berichtet von der Premiere.

»Warten auf Godot«

Es wird ihm doch nichts passiert sein?

Bevor es richtig losgeht, sich das Licht im Parkett verdunkelt, rennt Estragon quer über die große Bühne, hin und her und wieder zurück, kommt an die Rampe und brüllt „Nichts zu machen.“

I

Es gibt Theaterstücke, die Zeitgeschichte geschrieben haben. Es gibt Stücke, die Zeitgeschichte, als Inbild ihrer Zeit, auf die Bühne gebracht haben. Dafür lassen sich, ab der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, unter vielen anderen auch Sartre und Thornton Wilder, Brecht und Pirandello nennen, Max Frisch und John Osborne, Dürrenmatt und Ionesco, auch Edward Albee und Garcia Lorca, und, mit der Wirkung eines Sprengsatzes, Rolf Hochhuts „Stellvertreter“. Dazu kommt einer, der sie, an der Wirkung gemessen, alle übertroffen hat: Samuel Beckett.

Nach der Pariser Uraufführung von „Warten auf Godot“ am 5. Januar 1953 begann der beispiellose Siegeszug dieses Stücks über die Bühnen der (westlichen) Welt.

Zwei Gestalten, Clochards nicht unähnlich, wir hatten einst den Begriff Landstreicher für sie, Estragon und Wladimir, mit Kosenamen Gogo und Didi, treffen sich an zwei hintereinanderliegenden Abenden an einer einsamen Landstraße und beginnen zu warten, auf einen Herren namens Godot (über die Namen wurde seinerzeit viel spekuliert), der aber nicht kommt, doch immerhin durch einen kleinen Jungen ausrichten lässt, der er heute nicht kommen könne, dafür aber morgen kommen wolle. Die beiden vertreiben sich die Zeit mit diversen Spielchen, meist verbaler Art, beschimpfen sich, kramen in Erinnerungen, schweigen oft auch nur, schmieden dann Pläne, etwa den, sich aufzuhängen, weil dann nochmal „einer abgeht“, und warten weiter. Doch kein Godot, weit und breit. Stattdessen kommen an beiden Abenden zwei andere Gestalten, namens Pozzo, eine Art von Herr, und Lucky, sein Diener, der, an der Leine geführt, das gesamte Gepäck schleppt und, auf Befehl einige Kunststückchen vorführen kann, etwa Tanzen und auch Denken, laut. Die beiden halten sich ein Weilchen bei Gogo und Didi auf, bis sie weiterziehen. Und Gogo und Didi weiter warten lassen. Wenn der eine gehen will, mahnt ihn der andere, dass sie warten müssen, auf Godot. Bis jeweils am Ende beider Akte, einer fordert: „Also, wir gehen!“ Und andere erwidert: „Gehen wir!“ (Wobei, wie oft in diesem Stück, die beiden den Wortlaut tauschen.) Und es bei Beckett dann weiter heißt: „Sie gehen nicht von der Stelle“ Die Frankfurter Inszenierung verzichtet nicht nur auf die Pause. Sie läßt auch die beiden Akte ineinander verlaufen und wiederholt früh schon, nicht erkennbar: warum, Teile des anfänglichen Textes.

Am nächsten Abend, in Becketts zweiten Akt, Pozzo ist blind geworden und Lucky stumm, beginnt das Spiel von neuem. Mit so berühmt gewordenen Dialogen, wie nach einem „langen Schweigen“:

„Wladimir: So ist die Zeit vergangen.“ „Estragon: Sie wäre sowieso vergangen.“ „Wladimir: Ja, aber langsamer.“ Dieser Dialog fehlt in der neuen Frankfurter Inszenierung, wie vieles, was den sinnlosen Verlauf der Zeit überbrücken soll, die verschiedenen Spielchen, die Estragon und Wladimir sich einfallen lassen. Gestrichen. Es kommt weder zu der virtuosen Slapsticknummer des blitzschnellen Hüte-Tauschens zwischen Gogo und Didi, noch zu der kleinen Beschimpfungsorgie, die abrupt mit dem Begriff des „Oberförsters“ endet, der offenbar jedes Schimpfwort überbietet. Streichungen nimmt natürlich jede Inszenierung vor. Eine klare Linie, eine besondere Akzentsetzung war aber nicht zu erkennen.

Der Erfolg dieses Stückes, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, mit Millionen und Abermillionen von Toten, nach Verwüstungen und Zerstörungen nicht nur in Mitteleuropa, die jedes bis dahin bekannte Maß überstiegen, nach dem beispiellosen Massenmord an den Juden, der damals noch gar nicht voll bewusst geworden war, weil die jüdischen Opfer dem allgemeinen Elend (noch) zugerechnet wurden, Becketts Triumphzug über die Bühnen verdankt sich der Tatsache, das sein „Godot“ als Konsequenz dieser Geschichte begriffen werden konnte und jeder Versuch, darin einen (theologischen, philosophischen) Sinn zu erkennen, ad absurdum geführt wurde.

Hinter diese Einsichten kann keine heutige Inszenierung von „Godot“ zurückgehen. Ich habe vor wenigen Jahren in New York eine Inszenierung gesehen, die noch einmal ganz auf Becketts ursprüngliche Absichten setzte und dabei jene Komik ausspielte, die dem (möglichen) Ernst keineswegs im Wege steht.

Eine gegenwärtige Inszenierung, die sich von der Tradition der ausgespielten Sinnlosigkeit absetzen will, könnte zwar da immer noch ansetzen. Sie kann aber auch neue Wege suchen.

Die Inszenierung bleibt fragwürdig: „Warten auf Godot“ am Schauspiel Frankfurt, Foto: Birgit Hupfeld

II

Die große, fast völlig leere Bühne, bis auf einen sehr kahlen, sehr hohen Baumstamm in der Mitte und, so lange sich Pozzo und Lucky auf ihr aufhalten, einen Klappstuhl, an den Wänden bunt bemalt, zwischen Jackson Pollock und Sam Francis, mit Leuchtschriften, die von Dan Flavin stammen könnten, dazu, aus gleichen Leuchtröhren, ein großer Smiley, der in unregelmäßigen Abständen seine Kommentare abstrahlt – in diesem Umfeld war ein ‚neuer Godot’ durchaus zu erwarten. Regisseur Borgmann und sein Dramaturg Schmelmer blasen denn auch richtig die Backen auf:

Der Regisseur:
„Es gilt aus der allgemeinen Sinnfrage die eigene Sinnfrage abzuleiten.“ Dazu halfen ihm „Auseinandersetzungen mit dem Yoga“ und der „vedischen Philosophie“
Der Dramaturg:
„Über diese Schönheit (der Beckettschen Sprache) ist es möglich, so man sich ihr stellt, zu dem universellen Kern der menschlichen Erfahrung vorzudringen.“
Der gelegentliche Austausch von Zärtlichkeiten zwischen Gogo und Didi erklärt sich womöglich aus der vedischen Philosophie, kaum aus Becketts Vorlage.
Doch ganz so schlimm, wie diese Proklamationen im Programmheft es vermuten lassen, kommt es dann doch nicht.

Vor allem dank des Bühnenbilds, das Robert Borgmann, der Regisseur gleich mit entworfen hatte, es ist einfach grandios. Und der Schauspieler. Voran Samuel Simon als Estragon (Gogo) und Max Meyer als Lucky, sie spielen äußerst eindrucksvoll.

Die Inszenierung aber bleibt fragwürdig, obwohl es am Ende doch respektvoll kräftigen Beifall gab.

Was fehlte: ein sichtbares Motiv, warum wir heute wieder einmal auf Godot warten sollen.

So dehnten sich die, ohne Pause, knapp zweieinhalb Stunden. Und die Musik, die Philipp Weber dazu besteuerte, rettet es auch nicht. Zumal Samuel Beckett, nicht ohne Grund, erhebliche Bedenken gegen eine musikalische Untermalung seines Stücks angemeldet hatte. Schon 1955, anlässlich der ersten Londoner Inszenierung empörte er sich, dass man seinen „Godot“ mit Musik garnieren zu müssen meinte. Beckett: „It’s ahl wrahng“, so vermeldet J. Knowlson, der Beckett-Biograph: „Alles falsch“.

III

Diese Feststellung bleibt auch für Frankfurt richtig. Auch die Kostüme (Bettina Werner) trugen nicht zur Erhellung bei. Mal läuft Gogo im Nachthemd, mal Didi in Pluderhosen herum, der eine als Derwisch, der andere als Fakir. Deshalb lässt sich der Parole, die Estragon noch vor Beginn ausgab: „Nichts zu machen.“ – schwer widersprechen. So wirklich nicht.

Weil Godot auch nach zweieinhalb Stunden noch immer nicht gekommen war, fragt sich wohl mancher Besucher auf dem Heimweg: Es wird ihm doch nichts passiert sein.

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erstellt am 15.1.2019

„Warten auf Godot“, Schauspiel Frankfurt, Foto: Birgit Hupfeld

Theater

Warten auf Godot

von Samuel Beckett
Deutsch von Elmar Tophoven

Bühne und Regie Robert Borgmann, Kostüme Bettina Werner, Dramaturgie Lukas Schmelmer

Besetzung: Isaak Dentler (Wladimir), Max Mayer (Lucky), Heiko Raulin (Pozzo), Samuel Simon (Estragon), Joel Borod / Shai Hoppe (Junge)

Schauspiel Frankfurt