Zum 75. Geburtstag Einar Schleefs am 17. Januar 2019 sind seine Erzählungen, Märchen, Berichte, Fremd- und Selbstbeobachtungen aus den Jahren 1973 bis 1998 erschienen. Hans-Ulrich Müller-Schwefe, Lektor und dramaturgischer Berater Einar Schleefs, hat den Band zusammengestellt. Faust-Kultur dokumentiert Etel Adnans Nachwort.

Originaltext

Aber wer war Einar?

Von Etel Adnan

Jetzt, da er Teil unserer Vergangenheit ist, können wir die Frage stellen. Eine Frage, die nicht auf eine direkte Antwort aus ist. Ich sagte, daß er Teil unserer Vergangenheit ist, dabei ist er lebendig, soll heißen, wir wären nicht überrascht, wenn er anrufen würde, und immer noch würden wir gern Kaffee mit ihm trinken.

Als ich ihn zum ersten Mal sah, blickte ich hin, wie ich manchmal bei einem Baum, bei etwas aus dem Bereich, den ich „Natur“ nenne, hinblicke: einem Felsen im Gras, einer Welle nah am Ufer. Nichts, was man erklären könnte.

Er tritt, wenn ich an ihn denke, nicht zwangsläufig in Verbindung mit seinem Theater auf. Wenn ich an ihn denke, was häufig vorkommt, habe ich seine physische Präsenz an verschiedenen Orten vor Augen. Diese Orte sind so präsent wie er selbst, denn er hatte die Gabe, seine Umgebung aufzuladen; da passierte etwas. Seine Anwesenheit umfaßte nie ihn allein, sondern immer den Raum, in dem er sich befand.

Wenn ich ihn also in meiner Erinnerung im Central Park, New York, sehe, erscheint mir zugleich der Baum hinter ihm, der Kies unter seinen Füßen, sogar ein Vogel im Flug über seinem Kopf. Natürlich sehe ich auch seine tiefe Verzweiflung, etwas, das ihn nicht losließ und von dem wir ihn nicht befreien konnten.

Und ebenfalls in diesem Park erinnere ich mich an sein Stottern, seine spezielle Art, Englisch zu sprechen, seine Gewohnheit, Sätze manchmal nicht abzuschließen, als hätte er Zweifel, was die Erforderlichkeit von Sprache betrifft. Eine Handbewegung sagte so viel wie seine Worte.

Irgendetwas an New York machte ihm Angst: Sehr wohl könnte es die akkumulierte Gier der kapitalistischen Welt „da drüben“ gewesen sein. Seine extreme Empfindsamkeit machte ihn zu einem Visionär, einem Nonstop-Visionär, zu jemandem, der immer kurz davor war, unter dem Gewicht all dessen, was sich ihm zeigte, zusammenzubrechen. Was er „da drüben“ sah, löste
bei ihm fast eine Panik aus.

Sehr gern kam er nach Paris. Die Stadt hat große Ähnlichkeiten mit einem französischen Dorf: mittelalterliche Straßen, altmodische Cafés, Denkmäler eines verblichenen Imperiums, hinfällig gewordene Schmuckbauten überall, Schulen und Universitäten, und all dies zu beiden Seiten einer träge dahinfließenden Seine.

War er in Paris, tat er nicht viel: Er erzählte mir, er wolle die Viertel mit Nachtleben besuchen, die nicht so appetitlichen Orte, aber dann gab er auf. Er wollte sich nicht die Mühe machen, und außerdem war da ja nichts, was er nicht bereits kannte, es hatte keinen Reiz für ihn und damit basta. Er liebte die Stadt wegen ihrer Entspanntheit, weil sie nicht fordernd war und weil sie ihm gestattete, kurz einmal nicht in Deutschland zu sein. Man kann sagen, Paris beruhigte ihn.

Da wir nah an der Place Saint-Sulpice wohnen, liebte er diesen Platz, besonders im Sommer, wenn man draußen sitzen konnte und die Bänke trocken waren. Nacht für Nacht saß er da, schaute auf den riesigen Brunnen und hörte ihm zu, stundenlang, bis um zwei, wenn das Wasser abgestellt wurde. Und selbst im Sommer wird es nachts irgendwann kühl. Doch er saß da, mit sich im Frieden, denke ich, wie selten anderswo. Wir haben nie lange Gespräche geführt, und ich nehme an, daß richtiges Nachdenken bei ihm dann stattfand, wenn er seine Inszenierungen vorbereitete. Sein Nachdenken kam in Gang, wenn er arbeitete. Er trug eine riesige Stille in sich, mit sich herum, sein Schweigen konnte sehr beredt sein. Er sprach nicht viel, zum Beispiel erwähnte er regelmäßig seine Mutter – sie war eine Obsession für ihn –, jedoch ohne der Nennung ihres Namens viel hinzuzufügen.

Er erwähnte Nietzsche, ohne ihn je zu zitieren; der Name genügte. Auf der Bühne jedoch deklamierte er Nietzsches „Ecce Homo“ mit einer rhythmischen Kraft, die Nietzsche ins Hier und Jetzt zurückholte.

Ich würde behaupten, daß Einar mit Professoren, Kritikern und professionellen Intellektuellen nichts anfangen konnte, Denken war für ihn nichts, das entwickelt oder erklärt werden muß, sondern Rohmaterial, etwas, das da ist wie Steine, Wolken, Ozeane. Und die Bühne brauchte er, weil Denken auf der Bühne, wie unabhängig von uns, zu einem kosmischen Ereignis wird. Nicht mit Begrifflichkeiten ging er um, sondern mit deren Energien.

Er war extrem allein; bestimmt. Wenn wir vor dem Brunnen von Saint-Sulpice saßen, drängte ich ihn manchmal, wohin zu gehen, ins Kino, in ein Konzert, und er lehnte jedesmal ab, er sagte: „Ich möchte einfach hier bei dir sitzen, ich bin so allein.“ So allein – er war es, weil die überbordende Gewalt in ihm jede engere Beziehung verunmöglichte: Er unterdrückte die, die er liebte – offenbar war die Gewalttätigkeit zugleich Hilferuf und seine Art, die vor den Kopf zu stoßen, die er am dringendsten brauchte.

Als Einar Texte Döblins auf die Bühne brachte, gelang ihm damit eine meisterhafte Meditation über den Krieg. Ich hatte ihn einige Male gebeten, über den Zweiten Weltkrieg zu sprechen, den Krieg, den seine Eltern miterlebt hatten, aber er ging nicht darauf ein. Nur der Gesichtsausdruck deutete auf ein enormes Aufgewühltsein hin. Seine Antwort erfolgte auf der Bühne: Krieg war lächerlich und grausam, jedoch ungeheuer, ungeheuer zerstörerisch, eine blinde Macht, verheerend. Ich kann „Gertrud“ nicht lesen, weil ich die Sprache, in der das Buch geschrieben ist, nicht beherrsche, wage aber zu behaupten, daß Einar Plaudereien schlicht nichts abgewinnen konnte: Ein Aufruhr in seinem Inneren hielt ihn in Atem, der keine Ruhe gab.

Wie soll ich sagen? Sein Theater was das eindrucksvollste, das ich je gesehen habe. Theater, wie wir es in der westlichen Welt kennen, vermittelt im wesentlichen ästhetische Erfahrungen. Natürlich ist es noch viel mehr, doch es bleibt eine ästhetische Veranstaltung. Brecht versuchte ihm eine politische Botschaft abzugewinnen, und das gelang ihm auch, nur ihm. Heiner Müller war natürlich ebenfalls sehr politisch, er zielte auf das tragische Element in unseren Kulturen und in seinem Jahrhundert. Aber es ging von ihm (warum auch nicht?), abgesehen von seinen Stücken, eine ästhetische Faszination aus, er hatte die Aura eines „Stars“. Über all das ging Einar hinaus. Er wollte und ihm gelang ein Theater, das nicht weniger Bedeutung hat als die schiere Realität. Er setzte das ihm gegebene Talent ein, um Theater zu machen, bei dem das eigene Können hinter den Stücken verschwand, die zu Ereignissen wurde, so wie Realität das Ergebnis von Ereignissen ist. Seine Arbeiten besaßen die Autonomie physischer Vorgänge, man sah ihnen zu, wie man einem Sturm, einem Flugzeugabsturz, einem Berg zusieht. Man vergaß, daß sie sorgfältig gemacht, von einem Regisseur komponiert waren. Man sah ihnen zu, als wäre man mittendrin in der Welt, die es da zu sehen gab, als ob diese Welt einfach so existierte – wie Straßen, Menschen oder deren Schatten –, ohne daß einen auch nur eine Sekunde beschäftigte, wie oder warum das so war.

Elfriede Jelinek hat, was ich sagen möchte, so ausgedrückt: „Schleef war als Dichter und als Theatermann die herausragendste Erscheinung, die ich kennengelernt habe.“ Sie bezeichnet ihn erstens als Dichter, zweitens als Theatermann – und nicht als Stückeschreiber oder Regisseur; und sie bezeichnet ihn als herausragende Erscheinung – also nicht etwas, das sich definieren oder erklären läßt, sondern etwas, das eben da ist, eben ist.

Darin ist er einmalig gewesen und hat uns zum Nachdenken gebracht in der Weise, wie uns die Lektüre Nietzsches eine Realität jenseits des Textes, der diese Realität behauptet, eröffnet. Nietzsches Aphorismen sind Feststellungen, die „da“ sind, die uns begegnen, die nicht erklärt oder begründet werden wollen; mentale Ereignisse, die im übrigen Sinn ergeben. Mit demselben Typ Realität – oder Neutralität, wenn man so sagen kann – fühlte ich mich konfrontiert, wenn ich Inszenierungen von Schleef sah.

Es verlangte großen Mut, Einar zu sein. Bei ihm gab es keinen Kompromiß, keine Eitelkeit, kein Angeln nach Ruhm, kein Angeln nach Bestätigung. Allein mit seinem Instinkten, seinem Genius. So gesehen war er ungeschützt, ein unschuldiger Mensch mit einem Genius, dem sein Kopf kaum standhielt, geworfen in eine Welt, die jede Vorstellung von Unschuld verloren hat. So etwas werden wir wohl nicht noch mal erleben. Ich vermisse Einar. Wir vermissen Einar. Seine Arbeiten waren Erscheinungen, waren Engel, sie verkörperten eine Definition von Engel – wie auch Ideen Engel sein können, wie das Mittelmeer ein Engel sein kann, dauernd oder in Augenblicken, wie ein bestimmter Ton plötzlich zu einem Engel werden kann. Unschuldig zu sein war, so erwies sich, seine besondere Weise moralisch, nämlich jenseits von Gut und Böse zu sein.

Nachwort aus: Einar Schleef, Und der Himmel so blau, Ein Lesebuch, zusammengestellt von Hans-Ulrich Müller-Schwefe. Mit freundlicher Genehmigung © Elfenbein Verlag, Berlin 2018

Etel Adnan (geboren 1925 in Beirut) ist Schriftstellerin und Malerin.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 14.1.2019

Einar Schleef
Und der Himmel so blau
Ein Lesebuch, zusammengestellt von Hans-Ulrich Müller-Schwefe
Mit einem Nachwort von Etel Adnan
Gebunden, 184 Seiten
ISBN 978-3-96160-004-5
Elfenbein Verlag, Berlin 2018

Buch bestellen