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Mit dem Mut zur radikalen Adaption und Kürzung hat sich die Regisseurin Jessica Glause an den opulenten Roman des israelischen Autors David Grossman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ herangewagt. Entstanden ist in der deutschsprachigen Erstaufführung am Schauspiel Frankfurt eine überzeugend eigenständige Inszenierung, die sich in den ausgewählten Passagen eng an das Original anlehnt und doch nur ein Zehntel der 726 Buchseiten für die Bühnenfassung nutzt. Andrea Pollmeier hat die Premiere im Kammerspiel gesehen.

Theater

Natur ohne Grün

Mit einem geschickten Manöver hat die in Hildesheim ausgebildete Regisseurin Jessica Glause es überzeugend geschafft, David Grossmans Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ für die Bühne wirksam zu inszenieren. Indem sie die Hauptfigur der Erzählung, Ora, auf vier Charaktere (Eva Bühnen, Altine Emini, Christiana Geiße und Sarah Grunert) überträgt, ist es möglich, die inneren Monologe der literarischen Vorlage in einen dynamischen Diskurs zu verwandeln und für die Bühne zu dramatisieren.

Trotz der radikalen Reduktion wird die psychologische Komplexität des Romans in seiner Substanz bewahrt und nicht durch eine personalisierte lineare Einseitigkeit verflacht. Diese Leistung ist enorm. Denn es gelingt perfekt, die vier sich in Ora teils widersprechenden, ermahnenden oder ermutigenden Stimmen erkennbar zu machen und sie so aufeinander abzustimmen, dass eine Einheit inmitten dieser Vielschichtigkeit bestehen bleibt.

Das Stück beginnt mit dem Blick auf eine Sandwüste (Bühnenbild: Mai Gogishvili). Die Luft wirkt aufgewühlt staubig, drei Menschen liegen am Boden, während aus der Ferne Maschinengewehrschüsse zu hören sind. Es herrscht Krieg. Junge, helle Stimmen aus dem Off führen zurück in eine Zeit der Kindheit. Diese im Buch surreal verfremdete Szene gibt das Vorspiel zur Lebensgeschichte der nunmehr über fünfzigjährigen Ora. Damals ist sie den beiden Jungen Ilan (David Campling) und Avram (Matthias Redlhammer) in einem Hospital begegnet. Hier, auf der Isolierstation, setzt die Liebes- und Lebensgeschichte an, die die drei Menschen künftig schicksalhaft miteinander verbinden wird.

Eine Hauptfigur, vier Charaktere: „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ in Frankfurt, Foto: Jessica Schäfer

Ein Zeitsprung führt in die Gegenwart. Ora, die nun in der Viererdynamik zu erleben ist, spricht mit ihrem Sohn Ofer (David Campling). Der 21-Jährige bereitet sich darauf vor, als Soldat an einem Kriegseinsatz teilzunehmen. Ora schildert – nun im Rückblick – ihre Fahrt zum Sammelpunkt für die Mobilmachung. Als Mutter teilt sie die Kriegsbegeisterung ihres Sohnes nicht, beugt sich jedoch dem gesellschaftlichen Druck. Ofer verlässt in diesem Moment den gemeinsamen Boden und steigt auf eine Fläche, die wie ein Ein-Meter-Sprungbrett von hinten in die Bühne hineinragt.

Telefonklingeln reißt Ora bzw. die vier Oras jäh zurück in die Gegenwart. Sie spricht mit Avram. Der inzwischen alt gewordene Freund, der auf der gegenüberliegenden Bühnenseite steht und vier blaue Bademäntel übereinander trägt (Kostüme: Hugo Holger Schneider), wird von nun an die in sich zerrissene, gegen Angst und Kollaboration protestierende Ora begleiten. Gemeinsam schleppen sie weiße Steine auf die Bühne und bauen die Felsenlandschaft auf, die sie später – dem Buch entsprechend – durchwandern werden. Es ist eine Natur ohne Grün. Sie ist karg, wie die Innenwelt der von Krieg bedrohten Menschen, die sie durchqueren.

Angst und Sorge hat die Menschen verändert. Schicht um Schicht haben sich tiefe Verkrustungen gebildet. Der Satz: „Schade, dass sie mich nicht umgebracht haben“, den Avram nach einem eigenen Kriegseinsatz Ora ins Ohr geflüstert hat, wird das Leben von beiden entscheidend prägen. Die Gefühle sind verstellt und verhärtet, erst im Gespräch über das Erlebte lösen sie sich nach und nach. Während Avram seine Bademäntel Schicht um Schicht abwirft, entlädt Ora ihre Spannung mit lautlosem Schrei.

Eindrucksvoll ist es Jessica Glause zusammen mit dem Dramaturgen Alexander Leiffheidt gelungen, die Energie des Wortes aus der Literatur herauszulösen und in eine Theatersprache zu übertragen. Analog zu David Grossman, der Sprache bewusst einsetzt, um wie ein „Masseur“ (so der Autor im Gespräch mit Lothar Müller) die Verhärtungen im inneren Gewebe der Menschen zu lockern, zeigt Glauses Ensemble unter vorsichtigem Einsatz theatraler Mittel diesen Prozess auf der Bühne.

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erstellt am 13.1.2019

„Eine Frau flieht vor einer Nachricht“, Schauspiel Frankfurt, Foto: Jessica Schäfer

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Eine Frau flieht vor einer Nachricht

Schauspiel Frankfurt