Alles, was nicht massentauglich ist, gerät in die Defensive, – zunehmend auch künstlerische Aktivitäten, mit deren Fülle und Reichtum wir sonst gerne argumentieren. Exemplarisch dafür ist die elektroakustische Musik, deren Organisation DEGEM eine eigene CD-Reihe, aktuell die 16. CD, herausgibt. Der Komponist Clemens von Reusner, der ebenfalls der DEGEM angehört, hat jetzt seine eigenen Werke veröffentlicht. Bernd Leukert stellt die Aufnahmen vor.

Elektroakustische Musik

Den Puls fühlen

Komponisten und Institutionen, die mit Lautsprechermusik befasst sind, haben sich in der Deutschen Gesellschaft für Elektroakustische Musik e.V., kurz: DEGEM, zusammengeschlossen. Sie wurde, zunächst unter dem Namen DecimE, 1991 in Berlin gegründet und fördert elektroakustische Musik und Klangkunst in nationalem und internationalem Rahmen. Neben den vielen Aktivitäten (DEGEM-Webradio, die Dokumentation elektroakustischer Werke EMDoku, das Webmagazin DEGEM Journal, DEGEM Konzerte etc.) bringt sie auch jährlich mit Hilfe des Deutschen Musikrats eine DEGEM-CD heraus, auf der sich die aktuelle Arbeit der komponierenden Mitglieder niederschlägt.

Die 16. DEGEM-CD, die nun herausgekommen ist, trägt, wie alle thematisch konzipierten Publikationen, die Bürde ihres Themas. Die Frage, was an einer Beispielreihe über die Bestätigung des Themas hinaus von inhaltlichem oder auch nur dramaturgischem Interesse sein kann, wird gewöhnlich gar nicht mehr gestellt. Mittlerweile wird nicht nur in Sonderausgaben, sondern in literarischen Periodika, in Film- und Musikfestivals, bzw. ‚kuratierten’ Ausstellungen bildender Kunst ein Thema durchdekliniert. Das erscheint wie eine markttechnische Maßnahme, um dem notorisch uninteressierten Publikum statt der Kunst und ihrer Qualität einen thematischen Anreiz anzubieten, für den die Kunstwerke nur noch die Exempel stellen. Und selbst, wenn es gelingt, Beiträge zusammenzustellen, die (wie bei dieser DEGEM-CD) das Thema bedienen, ohne an den Haaren herbeigezogen zu wirken, sind sie doch einer thematisch ungebundenen, frei mit – meinetwegen ‚subjektiv’ – hoch bewerteten Stücken komponierten Auswahl unterlegen, allein deshalb, weil solche Stücke für sich selbst bestehen und als solche entdeckt werden müssen. „drop the beat“ ist eine Vorgabe, die im Zusammenhang mit elektroakustischer Musik (also eben nicht die tanzbaren ‚electronics’) etwas ketzerisch wirkt. Die elektronische Musik war ja doch in ihren Anfängen – und im Werk Karlheinz Stockhausens ist das evident – ein Familienmitglied der Neuen Musik, aus der das Körperliche des pulsierenden Gleichmaßes verbannt war. Auf der anderen Seite verstärkt sich der Eindruck ihrer Marginalität, in der sie mit ihrem hohen Anspruch zweifellos situiert ist, durch die Verdrängungsmacht des populären, industriell verfertigten Discoschalls, der sich elektronischer Instrumente und Programme bedient hat. Gewiss hat in den letzten Jahrzehnten die elektroakustische Musik auch pulsierende Strukturen ohne Diskussion integriert, aber ihre Komponisten wahrten doch ein anders ausgerichtetes ästhetisches Interesse. So stellt der frivole Titel „drop the beat“ eine Herausforderung dar, mit dem schlichten Parameter „Puls“ dessen Markttauglichkeit kreativ zu unterlaufen.

Lina Posėnaitė und Marc Behrens sind der Aufgabe mit einer Vermeidungsstrategie entgangen. Die eine wählte die Überblendung des Rauschens der menschlichen Sprache, wie es Roland Barthes beschrieb, mit dem (immer noch nicht ganz historischen) Schallplattenrauschen, in der kein beat entstehen kann; der andere verhindert mit scratching, loops und distortion, dass der beat wahrnehmbar wird, es sei denn als kurzes Zitat. Sonst ziehen sich pulsierende Bässe durch das Programm dieser von Felix Leuschner kuratierten CD oder Loops, deren Einsatzimpuls mit gutem Willen eben auch als Puls gehört werden kann. Ein Schlagzeug ist nirgendwo zu finden, auch nicht in elektronischer Verkleidung, – dafür feinsinnige Angebote, dem Thema gerade noch gerecht zu werden, wie in Jörg Lindenmaiers „Entropia“, wo im linken Kanal ein Klang mit der Frequenz von 100.0 Hertz auf einen anderen mit 100.1 Hertz im rechten Kanal trifft. Die leichte Asynchronität der Schwingungen lässt beim Zusammenhören Akzente entstehen, die bei aller Periodizität nicht groß auffallen möchten. So bietet die Auswahl ein breites Spektrum schlau erdachter Möglichkeiten, das Thema nicht zu verfehlen, inklusive „Ferneyhough’s 2nd String Quartet, rendered with Band-in-a-Box“ von Johannes Kreidler. Musik, die nicht im harmonischen System angesiedelt ist (wie die ‚atonale’, die dodekaphonische, die serielle etc. Musik), mit einer harmonischen Begleitung zu versehen, war stets ein beliebter Schülerscherz. Kreidler aber verwendet für die Harmonisierung von Ferneyhoughs zweitem Streichquartett ein Computerprogramm, das einst in amerikanischen und französischen Studios entwickelt wurde, um Solisten das fehlende Begleitpersonal zu ersetzen. Dieses Programm hechelt mit torkelndem Baß und verzweifelt suchenden und interpretierenden Akkorden den irregulären Klängen des Quartetts hinterher, was notwendigerweise komisch wirkt.

Clemens von Reusner, Foto: Sandra Schade
Clemens von Reusner, Foto: Sandra Schade

Wer kann schon mit Sicherheit sagen, woher wir unser musikalisches Gefühl haben? Das Gespür für Ausdruckswerte, Timbres, Verlaufsrichtungen, Proportionen, Zusammenklang und den Moment, an dem sich das klingende Material erschöpft hat, mag sich einer gewissen Bildung verdanken. Dennoch ist es vielen Menschen fremd und gar nicht zugänglich. Muss man denn als Kind in den Zaubertrank gefallen sein, um wie selbstverständlich über diese Fähigkeit zu verfügen? Der Komponist Clemens von Reusner, ebenfalls Mitglied der DEGEM, lässt mit seiner CD, die den nüchternen Titel „electroacoustic works“ trägt, hören, wie Musikalität selbst in fast tonlosen Klangstrukturen hervortritt. Da kann auch eine Holztür als Klangquelle dienen (Anamorphosis), von Reusner macht über viele verwandelnde Bearbeitungsschritte ein elegant ablaufende, mit jeder Variante bedachte Komposition. Dabei greift er, wie er im Beiheft dokumentiert, nicht nur auf verschiedenste natürliche oder synthetische Ausgangsmaterialien zu, sondern auch auf heterogenste Verfahren und Bearbeitungsprogramme. Dadurch werden leicht die Klangfarben beeinflusst. So klingt das synthetisch mit der Audioprogrammiersprache ‚Csound’ realisierte „HO“ zuweilen, wie man sich einen futuristischen Sound vorstellt. Im Stück „Definierte Lastbedingung“ dagegen bewahrt sich das füllige Vibrieren der zugrunde liegenden elektromagnetischen Felder, die von elektrischen Geräten ausgehen, was immer mit ihnen angestellt wird. Doch diese Färbungen verändern nicht den kompositorischen Anspruch. Von Reusner kriecht nie in den Klang hinein. Er schreibt von „fortschreitenden Veränderungen im Sinne motivisch-thematischer Arbeit“ (in „Dry Friction“), die er gern zwischen antithetischen, also recht klassisch konzipierten Klanggebilden verrichtet, ohne dass man auf den Gedanken kommt, etwas anderes zu hören als zeitgenössische Musik. Überhaupt ist man überrascht, von Ausgangsmaterialien der Stücke wie Metall, Beton, Glas zu lesen, die im Hörbild keine Spuren hinterlassen. Das nämlich ist ansprechend, abwechslungsreich und bereichernd.

Anm.: Der Autor ist Mitglied der DEGEM.

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erstellt am 13.1.2019

Drop the beat. DEGEM CD 16
Kuratiert von Felix Leuschner
Edition DEGEM ed 07
GEMA LC 27648

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Clemens von Reusner
electroacoustic works
CD NEOS 11803 LC 15673

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