Es war still geworden um die Frankfurter Choreographin und Tänzerin Marie-Luise Thiele. Nach dem Tod ihres langjährigen Lebensgefährten Michael Rieth nahm sie sich Zeit, den Verlust zu verarbeiten. Jetzt ist sie als Choreographin wieder da. Walter H. Krämer hat Thieles Stück „ver_ _gehen…“ gesehen.

Freies TanzTheater Frankfurt

Vom Werden und Vergehen

Beim Betreten des Bühnenraums sehen wir eine Frau (Snežana Golubović), die einen rechteckigen Raum abläuft und dabei Spuren aus Mehl hinterlässt. Diese Bewegung des Laufens – meist gemächlichen Schrittes – setzt sie über die gesamte Dauer des gut einstündigen Abends fort. Nur einmal unterbrochen durch einen Schrei. Die Performerin trägt ein langes weißes Gewand in der Art einer Hohepriesterin und wechselnde Gegenstände in ihren Händen. War es anfangs das Sieb für das Mehl, so sind es danach Zitronen und am Ende weiße Papierblumen.

Ein gelebtes Leben hinterlässt Spuren im Sand. Bei Zitronen denkt man vielleicht an Italien – das Land, wo die Zitronen blühen. Blumen bezeugen Anteilnahme und Verbundenheit. Und weiß ist die Farbe der Auferstehung und ein Symbol für Vollkommenheit und Reinheit.

Im Hintergrund begrenzen zwei Skulpturen – stilisierte Menschenkörper – das Bühnenfeld. Wie von Otmar Lange, dem Skulpteur, zu erfahren war, wurden diese Stelen eigens für die Beerdigung seines Bruders angefertigt und Michael Rieth sprach die Texte – Auszüge aus Phaidon von Platon und das Gedicht „Erinnerung an Marie A.“ von Bertolt Brecht – in den Körper der Stelen. So sollten auch hier die Texte aus den Skulpturen heraus klingen – doch die Technik machte nicht mit. Die Texte sind jetzt nur über die Lautsprecher an den Seiten zu hören – dies allerdings immer noch eindrucksvoll genug.

„ver_ _gehen…“, Freies TanzTheater Frankfurt, Foto: Anna Meuer
„ver_ _gehen…“, Freies TanzTheater Frankfurt, Foto: Anna Meuer

Musikalisch untermalt wird der Abend von Fan Li (Violine) und Thomas Heidepriem (Bass). Sie spielen mal einzeln, mal im Duett, mal als Frage- und Antwortspiel Stücke von u.a. Nik Bärtsch, Marilyn Mazur, Bernd Leukert, Francois Couturier und Olivier Messiaen. Gelegentlich wird auch zu eingespielter Musik improvisiert.

Die Tänzerin Katharina Wiedenhofer und der Tänzer Richard Oberscheven stehen im Zentrum des Bühnengeschehens. Ob alleine oder als Paar – ihr tänzerisches Vermögen ist stark und vielseitig – beeinflusst von Modern Dance, Ausdruckstanz und Break Dance. Ein Part ist das tänzerische Spiel von Katharina Wiedenhofer mit einem roten Tuch. Das Umgehen mit diesem Requisit wird im Verlauf immer hektischer und die Tänzerin immer wütender –und erinnert so an eine Phase des Trauerns.

In der Mitte des Stückes dann ein etwa zehn minütiges Duett. Dieser Paartanz – Pas de deux – steht symbolisch für die Liebe zwischen zwei Menschen. Fan Li (Violine) und Thomas Heidepriem (Bass) spielen um das Paar herum und greifen musikalisch sowohl unterstützend als auch störend in die getanzte Liebessituation ein. Das mit der Liebe ist eben nicht immer einfach und bedingungslos zu haben.

Sehr konzentriert das gemeinsame Laufen in Zeitlupe auf die Zuschauerreihen hin. Ein Zeichen des gemeinsamen Aufbruchs. Gegen Ende kehren Tänzerin und Tänzer dem Publikum den Rücken zu und verschwinden in der Dunkelheit. Eine gemeinsame Reise geht zu Ende.

Videotrailer: „ver_ _gehen…“

Gleich zu Anfang ertönt die Stimme von Michael Rieth aus vorhandenen Lautsprechern. Er spricht Auszüge aus Phaidon, ein in Dialogform verfasstes Werk des griechischen Philosophen Platon. Mit diesem Werk hat Platon seinem Lehrer Sokrates ein Denkmal gesetzt und nimmt die Abschiedsrede des zum Tod Verurteilten zum Anlass, seine eigene Sicht auf die Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit der menschlichen Seele darzulegen. Die größte Aufgabe der Seele ist demnach die Loslösung vom Diktat des Körperlichen und der Aufstieg zum Göttlichen.

Den Abend beschließt – wieder von Michael Rieth vorgetragen – das Gedicht „Erinnerung an die Marie A.“ von Bertolt Brecht. Es erzählt sowohl von der Liebe als Geschenk als auch von deren Vergänglichkeit: „Still unter einem jungen Pflaumenbaum / Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe / In meinem Arm wie einen holden Traum. 7 Und über uns im schönen Sommerhimmel / War eine Wolke, die ich lange sah / Sie war sehr weiß und ungeheuer oben /Und als ich aufsah, war sie nimmer da.“

Ergänzt wird das choreographische Geschehen noch durch drei Videoeinspielungen von Sven Bade. Einmal ist darauf der Tanz mit einem durch die Luft gewirbelten Ledermantel zu sehen – kennt man Michael Rieth, so weiß man, dass es derjenige ist, den er meist getragen hat – und zum anderen das Spiel mit einem wolkenähnlichen Luftobjekt von Frank Fierke. Eine allzu deutliche Anspielung auf das Gedicht von Bertolt Brecht. Die dritte Einspielung dann beim Schlussbild: Auf der Leinwand sehen wir eine Frau, die durch einen Laubwald tobt und allmählich im und unter dem Laub verschwindet. Mit ihr verschwindet auch das Tanzpaar von der Bühne.

Kennt man Marie-Luise Thiele und Michael Rieth und weiß etwas über deren Beziehung, so ist der Abend einmal mehr ein sehr persönliches Abschiednehmen und Erinnern. Emotional bewegend. Doch die Bedeutsamkeit des Abends reicht darüber weit hinaus. Es gelingt der Choreographin, ihre persönliche Trauer um den Verlust produktiv und allgemeingültig umzusetzen. Ohne falsches Pathos und ohne sentimental zu werden. Eine insgesamt wirkungsvolle Arbeit mit Worten, der Musik, dem Raum, von Bewegung und Tanz über das Werden und Vergehen im Leben zweier Menschen. Beeindruckend.

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Kommentare


Axel Dielmann - ( 17-01-2019 08:08:11 )
Vielen herzlichen Dank für diesen schönen Hinweis auf Marie-Luise Thieles neue Produktion!

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erstellt am 11.1.2019

Foto: Anna Meuer
Snežana Golubovic, Katharina Wiedenhofer, Richard Oberscheven; Foto: Anna Meuer
Freies TanzTheater Frankfurt

ver_ _gehen…

Inszenierung Marie-Luise Thiele
Tanz Katharina Wiedenhofer, Richard Oberscheven
Performance Snežana Golubović
Violine Fan Li, Bass Thomas Heidepriem
Video/Grafik Sven Bade
Skulpturen Otmar Lange, Luftobjekt Frank Fierke

Aufführungen am 25. + 26. Januar 2019

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