Mit seinem jüngsten Film „Der Dolmetscher“ könnte Martin Šulík Beachtung erfahren. In den Hauptrollen sind der Burgschauspieler Peter Simonischek und der tschechische Regisseur Jiří Menzel zu sehen. Dieses Roadmovie sollte man sich nicht entgehen lassen, meint Thomas Rothschild.

»Der Dolmetscher«

Roadmovie aus der Slowakei

Kennen Sie Juraj Jakubisko? Er ist ein Filmregisseur, den man guten Gewissens in einem Atem mit Jean-Luc Godard, Martin Scorsese oder Miloš Forman nennen darf. Er hat nur das Pech, Slowake zu sein und es nicht nach Hollywood geschafft zu haben. Die Straßen von San Francisco sind uns hierzulande vertrauter als die Straßen von Bratislava.

Martin Šulík ist eine Generation jünger als Juraj Jakubisko. 1995 überraschte er mit dem Spielfilm Der Garten. Dann wurde es, selbst unter Cinéphilen, außerhalb der Slowakei still um ihn, obwohl er alle ein, zwei Jahre einen Film gedreht hat. Mit seinem jüngsten Film „Der Dolmetscher“ könnte er auch international wieder mehr als höfliche Beachtung erfahren, nicht zuletzt wegen der Besetzung der einen von zwei Hauptrollen mit Peter Simonischek, der seit „Toni Erdmann“ auch für jene ein Begriff ist, die weder das Burgtheater, noch die Salzburger Festspiele besuchen.

Die zweite Hauptrolle spielt der mittlerweile achtzigjährige tschechische Regisseur Jiří Menzel, der in eigenen und fremden Filmen immer auch als Schauspieler fasziniert hat, meist als jungenhafte, oft als ein wenig tölpelhafte, eher komische Figur. Diesmal ist er ein vereinsamter jüdischer Slowake, der durch Zufall auf die Spur jenes österreichischen SS-Manns gerät, der im Krieg seine Eltern ermordet hat. Er fährt nach Wien mit der Absicht, diesen Greis zu erschießen. Statt ihn, trifft er dessen Sohn, eben Peter Simonischek, der wohl von den Verbrechen seines Vaters wusste, sich aber bislang nicht damit auseinander gesetzt hatte. In der Folge gehen die beiden so unterschiedlichen Herren auf eine Reise durch die Slowakei, auf den Spuren des Vaters der eine, als Dolmetscher, der auf schreckliche Weise in die Geschichte des Massenmörders verwickelt ist, der andere.

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ (William Faulkner) Wer zählt die Filme, die von dieser Wahrheit zehren. Weitgehend neu ist, weil hier ein slowakischer Regisseur redet, dass die Beteiligung von Slowaken – der Hlinka-Garde – an den Untaten der Nationalsozialisten thematisiert wird. So könnte „Der Dolmetscher“ für die Slowakei bedeuten, was Louis Malles „Lacombe Lucien“ für Frankreich bedeutet hat. Aus dem Baltikum oder aus Kroatien hat uns eine vergleichbare filmische Auseinandersetzung noch nicht erreicht.

Zweierlei zeichnet dieses ungewöhnliche Roadmovie aus: die Instrumentalisierung der winterlich tristen, aber größtenteils unverschneiten Landschaft, die den Seelenzustand des „Dolmetschers“ verbildlicht (Kamera: der Tscheche Martin Štrba), und mehr noch die Dramaturgie. „Der Dolmetscher“ entsagt allen Pointen und Sentimentalismen, die der Stoff anböte und die ein amerikanisches Gegenstück schamlos nützen würde. Zugespitzt lässt sich sagen, dass die Qualität von Šulíks Film in all dem liegt, was ihn von Hollywood unterscheidet. Die scheinbare Beiläufigkeit der Dialoge, die Verflechtung mit Nebenmotiven – etwas aufdringlich nur bei den Szenen, in denen die von Simonischek verkörperte Figur ihren erotischen Gelüsten nachgibt, wohl als Ausdruck der anfänglichen Unbekümmertheit im Kontrast zu Menzels Mischung aus Zorn und Trauer –, der Verzicht auch auf vulgärpsychologische Erklärungen machen „Dolmetscher“ zu einem Kinoereignis, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Die Slowakei spricht für sich selbst. Sie benötigt keinen Übersetzer.

Filmtrailer: „Der Dolmetscher“

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Kommentare


Hofheinz - ( 17-01-2019 11:52:49 )
Ich finde den Film sehr interessant und hätte ihn gerne gesehen, leider musste ich jetzt feststellen, dass der Film bereits 2018 gelaufen ist. Warum bringen Sie so alte Empfehlungen ? Läuft der Film denn momentan noch in den Kinos?

Jozef - ( 24-01-2019 01:44:52 )
Danke für die Rezension, Herr Rothschild.
Nur eine kleine Bemerkung am Rande: Der Hauptkameramann Martin Štrba ist leider kein Tscheche, sondern ein Slowake (geb. in Levice, ca 100km nö von Bratislava).

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erstellt am 11.1.2019

Filmplakat „Der Dolmetscher“
Filmplakat „Der Dolmetscher“