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Auf der Weltausstellung Expo 2000 realisierte Peter Stein seinen alten Plan, die kompletten beiden Teile von Goethes „Faust“ auf die Bühne zu bringen. Jetzt wurde die Inszenierung als DVD-Edition von vierzehneinhalb Stunden Spieldauer erneut veröffentlicht. Thomas Rothschild stellt die Edition vor.

Peter Steins »Faust«

Statt Gründgens

Für die einen ist er ein Langweiler, der, auf vergangenem Ruhm ausruhend, veraltetes Theater reproduziert. Für die anderen ist er einer der größten Regisseure im deutschen Theater, der, bei all seinen Wandlungen, stets ein Extremist geblieben ist, der die Möglichkeiten der Bühnenkunst bis zu ihren Grenzen ausreizt. Andere Regisseure – Robert Wilson, Christoph Marthaler, Herbert Fritsch beispielsweise – sind ihrer einmal gefundenen und erfolgreichen Methode treu geblieben. Ihre Anhänger bekommen, was sie erwartet haben, und werden nicht enttäuscht. Peter Stein hat im Lauf seiner Karriere, wenn man es denn so nennen will, mehrfach die Richtung gewechselt, neue Wege gesucht und dabei in der Tat auch solche beschritten, deren Vorbilder in der Vergangenheit liegen. Das haben ihm auch ehemalige Fans übel genommen. Eins freilich kann ihm niemand vorwerfen: dass er sein Mäntelchen nach dem Wind hänge. Er ist nicht seinen Verfahren, wohl aber seinen jeweiligen Überzeugungen treu geblieben. Christine Dössel hat es anlässlich seiner Wiener Inszenierung von Dostojewskis „Dämonen“ auf den Begriff gebracht: „Peter Stein kann einem schwer auf die Nerven gehen. Die immer gleiche Leier, mit der er über das deutsche Theater herzieht, hat inzwischen jeden Provokations- und Originalitätswert verloren. Andererseits muss man ihn lieben oder zumindest hemmungslos bewundern, weil er so ein Theaterbesessener und auch Theaterkönner ist, den nichts und niemand von seinen Inszenierungsträumen abhalten kann, schon gar nicht budgetäre Begrenzungen.“

Treu geblieben ist Peter Stein in einer späteren Phase seiner Arbeit auch den Texten der Autoren, und gerade dies war es, was ihm manche Zuschauer und Kritiker vorgeworfen haben. In der Tat: mit der Theaterauffassung eines Simon Stone oder eines Robert Icke sind Peter Steins Inszenierungen spätestens seit den „Drei Schwestern“ von 1984 nicht vereinbar. Im Jahr 2000 realisierte er dann seinen alten Plan, die kompletten beiden Teile von Goethes „Faust“ auf die Bühne zu bringen. Die Weltausstellung in Hannover machte es möglich. Das Projekt hat 15 Millionen Euro gekostet. Das mag viel sein. Bedenkt man aber, dass die Weltausstellung 3,5 Milliarden verschlungen hat, relativiert sich die Zahl. Nun gibt es einen Hang zur Gigantomanie, der lediglich mit dem Aufmerksamkeitswert kokettiert. Stein aber war wohl wirklich der Ansicht, dass jenes dramatische Werk, das nach einer anhaltenden Übereinkunft als das zentrale Werk der deutschen Nationalliteratur gilt, einmal in voller Länge aufgeführt werden sollte. Nun wurde es als Paket mit vier DVDs von, inklusive einer höchst interessanten neunzigminütigen Dokumentation über die Probenarbeit, vierzehneinhalb Stunden Spieldauer erneut auf den Markt gebracht.

Seit dem Naturalismus und gewiss in unserer Gegenwart gilt das Pathos als verpönt. Vergessen wird dabei, dass es eins von mehreren Mitteln ist, die Bühnenrede von der Alltagsrede zu unterscheiden, Kunst also als Kunst zu markieren. „Natürlichkeit“ ist für das vornaturalistische Theater keine Tugend. Peter Stein signalisiert vom ersten, von Rolf Boysen gesprochenen Vers an, dass er Pathos und Deklamation, beispielhaft auch im Eröffnungsmonolog der Erichtho zur Klassischen Walpurgisnacht, ebenso wenig fürchtet wie eben gereimte Verse.

Der beste Dirigent wird nur mittelmäßige Musik produzieren, wenn ihm ein mittelmäßiges Orchester zur Verfügung steht. Der beste Regisseur benötigt hervorragende Schauspieler, wenn außerordentliches Theater entstehen soll. Mit Bruno Ganz als altem Faust und Robert Hunger-Bühler, wie Bruno Ganz ein Schweizer, der sich mit Johann Adam Oest die Rolle des Mephisto teilt, hatte Peter Stein die Idealbesetzung gefunden. Das ist schon die halbe Miete, und bei der Fernsehaufzeichnung sitzt man gleichsam in der ersten Reihe. Neben einzelnen Besonderheiten wie dem Perspektivenwechsel, über deren Nutzen man streiten mag (zumal wenn der Ton von rechts hören lässt, was man links sieht), hat sie den Vorzug, dass man der Mimik der Schauspielstars optimal folgen kann.

Videotrailer zu Peter Steins „Faust I + II“

Den jungen Faust verkörpert Christian Nickel. Corinna Kirchhoff spielt Helena, nein: Helena spielt Corinna Kirchhoff als zur Pose erstarrte Vornehmheit mit dem obligatorisch damenhaft schräg zur Seite geneigten Kopf. Fast erscheint es als ein Sakrileg, wenn so viel Unnahbarkeit den Mund öffnet. Ein Übermaß an komischem Talent kann man Bruno Ganz wohl nicht zusprechen. Bei hm scheint stets der Melancholiker durch. Oest wie Hunger-Bühler hingegen sind Komiker, und sie machen, mit Sprechwitz und Zungenakrobatik, deutlich, warum vielen Schauspielern die Rolle des Mephisto attraktiver erscheint als die des Faust.

Die Gretchen-Szenen inszeniert Peter Stein, spielt Dorothee Hartinger fast naiv. Wäre da nicht Hunger-Bühlers Mephisto mit seinem aufgeklärten Skeptizismus und seinem Spott, mit dem man sich identifizieren kann – sie wären kaum erträglich.

„Faust“ hat das deutsche Theaterverständnis nachhaltig geprägt. Verglichen mit den Stücken des englischen oder des französischen Nationaldramatikers Shakespeare und Molière, verglichen auch mit den antiken Dramen ist der Tragödie erster Teil, seien wir ehrlich, über weite Strecken wenig bühnenwirksam. Der Vorwurf der Wortlastigkeit ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber Peter Stein geizt nicht mit Bühneneffekten, erweckt die Schauerelemente des Stoffes vom Teufelspakt, die bei Goethe durchaus noch vorhanden sind, zum Leben. Sein Mammutunternehmen ist saftiges Theater, nicht ein philosophischer Traktat, zu dem der „Faust“ im Deutschunterricht und in germanistischen Seminaren oft verkommt. Dabei hat Stein das Stück gründlicher studiert, weiß er mehr darüber als die meisten Germanisten.

Ehe Mephisto dem Faust mit allerlei Brimborium aus dem Arsenal des Zauberstücks in seiner menschlichen Gestalt erscheint, kreist ein veritabler dressierter Pudel über die Bühne. Bei der Walpurgisnacht können sich Regisseur und Ensemble, mit ungebremster Lust am Obszönen, austoben.

In „Faust II“ geht Peter Stein dann in die Vollen. Er hat zwar in einem Interview gesagt: „Die beste Kraft muss Faust sein. (…) Es muss klar sein: es gibt nur einen Boss, und das ist Faust.“ Da macht es ihm der zweite Teil der Tragödie jedoch nicht leicht. Der „Boss“ verschwindet für ganze Szenen von der Bühne, und Stein musste begreifen: wenn er das Stück ungekürzt aufführen will, muss er sich für den umfangreichen Rest etwas einfallen lassen. Das ist ihm weitgehend – und sagen wir es offen: manchmal auch nicht – gelungen. Wenn in der Rittersaal-Szene die Zuschauerinnen und Zuschauer vor der Bühne auf der Bühne reihum aufstehen, wenn Sie einen Vers zu sprechen haben, wirkt das eher unfreiwillig komisch als einfallsreich.

Allegorien im Theater sind einem modernen, vom Fernsehen geprägten Publikum fremd und für jeden Regisseur eine Herausforderung. Die Begegnung etwa des greisen Faust mit der Sorge inszeniert Peter Stein, als wäre sie eine Szene aus Ferdinand Raimunds Zaubermärchen „Der Bauer als Millionär“, das zwischen „Faust I“ und „Faust II“ entstanden ist. Genau besehen ist Das hohe Alter von Raimund zwar volkstümlicher, aber auch sinnlicher, für den Regisseur also ertragreicher entworfen als eben Goethes Sorge.

Peter Stein bespielt die Hallen in Hannover, Berlin und Wien ähnlich wie Ariane Mnouchkine einst mit „1789“ die Pariser Cartoucherie. Da ist sie, die häufiger geforderte als eingelöste Überwindung des Frontaltheaters, deren Effekt freilich in der Fernsehfassung verpufft. Peter Stein selbst hat seinen „Faust“ später „Schrott“ genannt. Das sagt mehr über Peter Stein aus als über seine Inszenierung. Er ist nun einmal ein wundersamer Kerl, der auch gegen sich nicht immer recht behält.

Eins freilich kann auch Steins Inszenierung nicht ausgleichen: dass all die Figuren und Mythen der Antike, erst recht die Anspielungen auf Zeitgenossen, die Goethe als vertraut voraussetzt, einem heutigen Publikum weitgehend unbekannt sind. Diese Hürde wird durch eine vollständige Fassung nicht beseitigt, sondern erhöht. Es ist nicht nur die Sprache, die das Verständnis des „Faust“ erschwert.

Zwei Bemerkungen zur Aufzeichnung: Bei zwei Kameras stören bis zu vier weiße Pünktchen im Bild, zumal wenn dieses dunkel ist. Und auf der dritten DVD sind Bild und Ton nicht lippensynchron. Eine Aufschlüsselung der Besetzungen nach Rollen im Beiheft wäre hilfreich. Kleinigkeiten nur, die aber bei einem so ambitionierten Projekt hätten vermieden werden sollen. Und noch eins: diese DVD-Edition erinnert daran, welche Kulturbarbarei die Einstellung des ZDF-Theaterkanals bedeutet hat. Er hat Theater noch so ernst genommen wie die übrigen Kanäle den Fußball.

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erstellt am 10.1.2019

Faust I + II
Inszenierung: Peter Stein
4 DVD
belvedere 10101
EAN: 4280000101013

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