Mit einem Fokus auf die Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann setzt Andris Nelsons im Januar 2019 seine zweite Saison als Gewandhaus-Kapellmeister fort und begeistert das Leipziger Publikum. Stefana Sabin stellt das Orchester und seinen Dirigenten vor.

Gewandhausorchester

Musikalisch in die Zukunft blicken

Das Leipziger Gewandhausorchester ist das älteste bürgerliche Sinfonieorchester der Welt. Es geht zurück auf eine 1743 gegründete Konzertgesellschaft, die 1781 in das Messehaus der Tuchwarenhändler zog und sich von da an einschlägig „Gewandhausorchester“ nannte. An der Musikgeschichte war das Gewandhausorchester nachhaltig beteiligt. Es führte noch zu seinen Lebzeiten Beethovens neun Sinfonien als Zyklus auf (1825/26), spielte die Uraufführung von Brahms’ Violinkonzert, von Mendelssohns dritter Sinfonie und Schumanns erster Sinfonie und führte den weltweit ersten Zyklus aller Bruckner-Sinfonien auf (1919/20) – und noch heute werden in jeder Spielzeit neue Kompositionen uraufgeführt. Sogar der sozialistische Staat huldigte der musikalischen Geschichte Leipzigs, denn das Gewandhaus ist der einzige Konzerthaus-Neubau der DDR.

Das Gewandhaus in Leipzig, Foto: Jens Gerber

Der musikhistorischen Tradition der Stadt wird das Gewandhausorchester auch darin gerecht, dass kein anderes sinfonisches Spitzenorchester so viel und so regelmäßig Werke von Johann Sebastian Bach spielt. Dass diese Tradition keineswegs nur historisch, sondern auch zukunftsorientiert sei, unterstrich der Leipziger Oberbürgermeister bei der Berufung des lettischen Stardirigenten Andris Nelsons zum Kapellmeister. Nelsons ist der jüngste Gewandhaus-kapellmeister in der Geschichte des Orchesters, was zeigen soll, so die Presseerklärung der Stadt Leipzig, „dass beim Gewandhausorchester die Zukunft Tradition hat.“ (Darüber hinaus war diese Berufung ein kulturpolitischer Schachzug, denn mit Kirill Petrenko und Daniel Barenboim in Berlin, Christian Thielemann in Dresden und also Andris Nelsons in Leipzig agieren vier der weltweit renommiertesten Dirigenten in Ostdeutschland!) Und indem er erklärte, er freue sich, „mit den Erfahrungen der Vergangenheit musikalisch in die Zukunft zu blicken“, beschwor Nelsons seinerseits Geschichte und kündigte zugleich Erneuerung an. So stellte er für sein Antrittskonzert in Februar 2018 ein geschicktes Programm zusammen, das mit der Uraufführung von Steffen Schleiermachers „Relief für Orchester“ die Tradition und mit Mendelssohns Schottischer Sinfonie die Geschichte des Gewandhausorchesters verband – und zugleich dem Leipziger Publikum mit Bergs Violinkonzert ein bemerkenswertes Werk der klassischen Moderne vorsetzte.

Nelsons erste Saison in Leipzig war denn auch eine gelungene Mischung aus Tradition und Erneuerung. Er hat sich vorgenommen, „die Leipziger bei ihrer Uraufführungsehre“ zu packen, berichtete die ZEIT. Nelsons hat ein ausgeglichenes Programm zwischen Spätromantik, Moderne und Postmoderne zusammengestellt und die Saison mit zwei Open-Air-Konzerten im Leipziger Rosental beendet. In seiner zweiten Saison hat er weniger Uraufführungen vorgesehen, wohl aber unter dem Titel „Horizont 21“ eine Reihe von zehn Konzerten mit Werken des 21. und 20. Jahrhunderts geplant und dabei das Kernrepertoire des Orchesters (Bruckner) im Blick behalten. Darüberhinaus setzt Nelsons einen Programmschwerpunkt auf Mendelssohn und Schumann, denn diese beiden, sagt er, „sind tief in der DNA des Orchesters verankert.“

Andris Nelsons, Foto: Gert Mothes

Andris Nelsons, Foto: Gert Mothes

Felix Mendelssohn Bartholdy war selbst Gewandhauskapellmeister (1835-1847) und hat das Repertoire des Orchesters maßgeblich geprägt. Er entdeckte Bachs Instrumentalmusik neu, spielte eigene Uraufführungen und solche von Schubert- und Schumannsinfonien. Robert Schumann war Lehrer am Leipziger Konservatorium, stand selbst am Pult des Gewandhausorchesters bei den Uraufführungen des Oratoriums „Paradies und die Peri“ sowie „Genoveva“- Die Neue Zeitschrift für Musik, die Schumann 1834 in Leipzig gründete und deren Chefredakteur er zehn Jahre war, existiert bis heute.

Wenn sich also Nelsons auf Mendelssohn Bartholdy und Schumann konzentriert, will er sich nicht nur auf die Leipziger Tradition besinnen, sondern auch zeigen, dass von hier aus europäische Musikgeschichte gemacht wurde. Für seinen Fokus: Mendelssohn & Schumann hat er die beiden mittleren Sinfonien von Schumann ausgewählt, Mendelssohns „Italienische Sinfonie“ und zwei Ouvertüren, dazu das a-Moll-Klavierkonzert, das er mit der Pianistin Hélène Grimaud aufführen wird – also allesamt Werke, die eng mit Leipzig verbunden und zum Großteil hier entstanden oder uraufgeführt worden sind.

Zusammen mit einem Bach-Mendelssohn-Abend und einem Schulkonzert mit Grimaud ist das ein Programm, das den Geschmack des Publikums trifft, wie die fast ausgebuchten Abende zeigten. Darüber hinaus ist es ein Programm, das Nelsons Anliegen, „mit den Erfahrungen der Vergangenheit musikalisch in die Zukunft“ zu blicken, exemplarisch vorführt. Denn er ist „ein umfassender Dirigent,“ wie der Guardian ihn einmal nannte, der gekonnt Melancholie mit Intensität ausgleicht und zugleich das implizit Theatralische des heutigen Dirigierens souverän beherrscht. So gelingt es ihm, der allzu bekannten Musik eine wohltuende Frische zurückzugeben und das Publikum zu begeistern.

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erstellt am 08.1.2019

Großer Saal des Leipziger Gewandhauses, Foto: Jens Gerber

Gewandhausorchester

Fokus: Mendelssohn & Schumann

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